Ein englisches Fräulein sorgt in Kronberg für Strom

Ein Aufsatzband würdigt Victoria Kaiserin Friedrich, die englische Gemahlin des 99-Tage-Kaisers Friedrich III.

Victoria (21. November 1840 bis 5. August 1901), die vierte Princess Royal, Ururgroßtante von Prinzessin Anne, war die Tochter der Queen Victoria und des Albert von Sachsen-Coburg. Raffiniert nutzte das Haus die Möglichkeiten, um mit einer geschickten Heiratspolitik zu Ansehen und Macht zu kommen. Victoria war den Eltern als Mädchen zunächst nicht erwünscht, wurde dann aber aufs Rührendste und Beste erzogen, sprach- und kunstbeflissen und so sportlich wie die Buben. Insgesamt sollte sie "so einfach und so häuslich wie möglich aufwachsen". Das hat ihr Vertrauen in die Eltern bestärkt. Ins preußische Berlin kam sie 1858, um ihren Friedrich zu heiraten – und stürzte sich gleich mit jungem Elan ins Gemeinnützige, in die künstlerische Bildung, das Gesundheitswesen, Frauenarbeit und Frauenausbildung. Der Mutter schrieb sie fast zehn Jahre später, sie wolle "die Umstände meiner Mitmenschen verbessern".

Ihr Freigeist wurde indes mit Herrschsucht verwechselt; die Schwiegermutter war ohnedies pro-französisch eingestellt. So stand die junge Prinzessin, ständig auch noch im Clinch mit Bismarck (unter anderem über Judenfrage und Antisemitismus), ziemlich alleine da. Noch schützte sie ihr Mann. Von ihrem Sohn, dem letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II. (1859 geboren), und dessen Intelligenz hielt sie nicht viel; das hat wohl zu seiner englischen Hassliebe geführt. Sie hielt ihn zudem für einen Kriegstreiber und wandte sich gegen seine "persönliche Monarchie". Victoria hatte bei ihrem Vater den Liberalismus kennen gelernt und gehofft, Preußen als den Anführer Deutschlands in diesem Sinn beeinflussen zu können. Aber dort dachte man nicht so – die englische Prinzessin blieb den Preußen suspekt als "politische Intrigantin", ja Statthalterin der Queen Victoria, obwohl sie – auch aus eigener Schatulle – viel für das Allgemeinwohl ihres neuen Volkes tat. Nach dem Tod Friedrichs III. (15. Juni 1888) zog sich Victoria, die sich fortan Kaiserin Friedrich nannte, angefeindet nach Kronberg zurück, auf den Witwensitz Friedrichshof, in die Nähe auch ihrer Schwester, der in Darmstadt ansässigen Alice von Hessen und bei Rhein, die selber sozialpolitisch gewirkt hat.

Soziales und kulturelles Mäzenatentum waren auch weiterhin Victorias Anliegen. Sie förderte ausdrücklich die deutsche Frauenbewegung. Auch die Schulgründung der "Englischen Fräulein" in Bad Homburg geht auf ihre Initiative zurück. Und dass die Kronberger seit 1894 elektrischen Strom haben, verdanken sie ebenfalls der Kaiserin Friedrich: Sie ließ sich über Werner von Siemens ihren Witwensitz entsprechend ausstatten und vergaß bei dieser Errungenschaft auch die Bevölkerung nicht.

Der vorliegende Band versammelt die Ergebnisse einer Tagung der Hessischen Hausstiftung in Kronberg in zahlreichen Einzelaufsätzen. Teils beschäftigen sie sich mit Details aus Victorias Vita, teils stellen sie deren sozialpolitische Bedeutung dar. Ein abwechslungsreicher Band, der mit viel Spezialwissen aufwartet, dem es aber gleichzeitig glückt, mit seiner unkompliziert erzählenden Form auch lokalhistorisch interessierte Laien anzusprechen.

Rainer von Hessen (Hg.): "Victoria Kaiserin Friedrich (1840 - 1901). Mission und Schicksal einer englischen Prinzessin in Deutschland". Campus-Verlag., Frankfurt. 228 S., 29,90 Euro.

Text: Gabriele Nicol
© Taunus-Zeitung, 7.11..2002

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