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Zu ihrem 100. Todestag erfuhr die liberale Kaiserin Victoria die
Ehrung, die ihr zu Lebzeiten in Preußen versagt blieb
Das "Englische", das man ihr zu Lebzeiten auszutreiben suchte, dröhnt so laut durch den Babelsberger Schlosspark, dass man sich die Ohren zuhalten müsste. Statt dessen lächeln die Versammelten verzückt. Als der Dudelsackspieler schließlich sein Instrument absetzt, tritt Barbara John ans Mikrofon. Man wundere sich bestimmt, weshalb ausgerechnet sie eine Ausstellung über Kaiserin Victoria eröffne. Aber als Berliner Ausländerbeauftragte sei sie zuständig für das Schicksal der englischen Königstochter, die 1858, kaum volljährig, als Ehefrau des preußischen Thronfolgers Friedrichs III. nach Berlin kam. Schließlich habe Victoria unter der gleichen Fremdenfeindlichkeit gelitten, wie später Gastarbeiter aus Italien oder Spanien, sei also eine isolierte "Gastprinzessin" gewesen. "Wird so ein Verdikt verhängt, kann sich das Opfer der Ausgrenzung kaum mehr entziehen", sagt Frau John. Immerhin sei vieles besser geworden. Victorias acht Kinder hätten heute die doppelte Staatsbürgerschaft und wäre das damals schon so gewesen, dann hätte ihr Sohn, Wilhelm II., vielleicht nie den Krieg gegen England angezettelt. Es sollten noch viele Reden und viele Sätze im Konditional folgen an diesem Wochenende, an dem man dem 100. Todestag jener Frau gedachte, die von ihrem deutschen Vater Albert dazu auserkoren worden war, seine liberalen Ideen zurück in sein Heimatland zu tragen. Einer Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann den Verlauf der Geschichte hätte ändern können. Wenn man sie gelassen hätte. Vielleicht auch, wenn sie mehr taktisches Gespür bewiesen hätte. So jedoch prallten ihre demokratischen Ideen und der preußische Militärstaat aufeinander. Bismarck saß am längeren Hebel und isolierte das Paar systematisch. Die gelenkte Presse verunglimpfte die "Engländerin" bei jeder Gelegenheit. Wilhelm I. wurde uralt und dachte nicht daran, den Thron für seinen Sohn zu räumen. So hat das Kronprinzenpaar 30 Jahre auf seine Chance gewartet. Als Friedrich im März 1888 endlich Kaiser wurde, war er ein todkranker Mann ohne Stimme. Er starb nach 99 Tagen an Krebs. Victoria wurde von ihrem Sohn aus Berlin vertrieben und zog sich in den Taunus zurück. Ihrer Mutter, die sie nur um wenige Monate überlebte, schrieb sie nach London: "Mein Leben ist ein Schatten dessen, was hätte sein können." Am 5. August 1901 starb sie. Man beerdigte sie neben ihrem Mann in der Potsdamer Friedenskirche. Im dortigen Mausoleum versammelten sich bereits am Sonntagmorgen rund zwanzig ihrer Nachfahren, Mitglieder der Häuser Hessen und Hohenzollern. Man sprach feierlich das Vaterunser, Prinz Georg Friedrich von Preußen, der 24jährige Chef der Hohenzollern, legte ein Kreuz aus Lilien vor den Sarkophag und als Reverend Jage-Bowler von der Anglikanischen Gemeinde Berlins später von der Kanzel herab kritisierte, wie sehr Victoria und Friedrich stets "Außenseiter in der militärischen Autokratie" am Hof seiner Vorfahren blieben, schaute er verlegen zu Boden. "Während anderen preußische Prinzessinnen klatschten und intrigierten, las Vicky Darwin und Marx", fuhr der Reverend fort. Sie tat viele Dinge, die für das damalige Berlin unerhört waren. Sie ließ Badewannen und WCs ins Schloss einbauen, sie stillte ihre Kinder selbst, sie ging allein zu Kunstausstellungen, sie gründete Schulen für Arbeiterkinder, sie kämpfte für die Rechte der Frauen. Während man im Reichstag anfing, antisemitische Sprüche zu klopfen, besuchte sie mit ihrem Mann demonstrativ die Synagoge. Sie hat sich wenige Freunde gemacht damit und viele Feinde. Beim Festakt am Nachmittag sagt Ministerpräsident Manfred Stolpe: "Sie hatte den Mut zu liberaler Überzeugung in wenig liberaler Umgebung. Gerade weil sie in Zeiten eines aufkochenden Nationalismus Widerworte wagte, muss sie aus dem Schatten heraustreten und in unserem historischen Bewusstsein einen festen Platz erhalten." Und als würde es am traurigen Schicksal Victorias irgendetwas ändern, ruft er pathetisch: "Dies ist ein Akt nachholender Gerechtigkeit." Auch His Royal Highness, The Prince of Wales (bekannt als Prinz Charles) will Gerechtigkeit für seine Ahnin. Es sei "more than appropriate, that the rememberance in Germany has revived", sagt er ziemlich deutlich. Allerdings können die Gäste die Schelte erst im zweiten Anlauf hören. Der königliche Schirmherr ist nämlich nur als Video-Grußwort zugegen und most unfortunately fehlte bei der Übertragung zunächst der Ton. Die Exzellenzen in der ersten Reihe amüsierten sich leise. Dann klappt die Technik und neben einem Strauß gelber und blauer Blumen sagt Prinz Charles zum Abschied: "I take greatest pleasure in sending my warmest greetings". Weil er denkt, dass die Kamera aus ist, fragt er gelangweilt die Regie: "Was that right?" Da kann sich selbst der letzte lebende Kaiser-Enkel, Prinz Wilhelm Karl von Preußen, ein spontanes Kichern nicht verkneifen. 3000 Mark kostete das virtuelle Gastspiel. Nach der Veranstaltung kommt der greise Prinz von Preußen auf einen Stock gestützt aus der Kirche. Es sei ein bedeutender Tag für ihn gewesen, sagt er. Er habe seinen Großvater als Kind jedes Jahr in Doorn besucht und dort sei häufig die Rede von Victoria gewesen. Vom schwierigen Verhältnis zwischen Mutter und Sohn habe er viel später erst erfahren. "Die Familie war zu taktvoll, um uns Kindern solche Probleme aufzuladen." Mittags hatte er seinen Neffen, den jungen Chef des Hauses, zum Essen eingeladen und Georg Friedrich erzählt, wie die Vergangenheit wirklich war. Schließlich steht nicht alles in Büchern. Der junge Prinz sagt später, er sei sehr stolz auf die Kaiserin. Besonders der "internationale Charakter" der Feier habe ihm gefallen. Von seinem britischen Erbe merke er nämlich sonst selten etwas. Nach dem ersten Weltkrieg habe sich die Royal Family doch sehr von den Preußen zurückgezogen. Er sei im Buckingham Palast noch nicht empfangen worden. "Die ältere Generation hat da ein Problem, das wir Jüngeren nicht kennen." Kann er nicht einfach Prinz William eine e-mail schreiben? "Nein", wehrt der Prinz entsetzt ab. Sich den Windsors so aufzudrängen, unmöglich. "Da muss sich erst eine Gelegenheit ergeben." |
Text: Steffi Kammerer
© Süddeutsche Zeitung, 7.8.2001