| Zum 100. Todestag von Kaiserin Victoria am 5. August präsentiert die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten erstmals für längere Zeit zwei Räume, die der Öffentlichkeit bislang versperrt waren - die Sakristei und das Mausoleum der Potsdamer Friedenskirche im Park Sanssouci. Sie hat in dem Mausoleum nebst ihrem Mann und zwei ihrer Söhne die letzte Ruhestätte. | |
|
Romantischere Orte müssen selbst im beschaulichen Potsdam erst
einmal gefunden werden. Doch der Schein trügt, zumindest was
Rückschlüsse auf das Leben der Victoria betrifft. Sie
erlebte in Preußen Zeiten des dramatischen Umbruchs, Kriege und
persönliche Schicksalsschläge.
Sie war, was man heute eine starke Frau nennt. "Modern und vielseitig gebildet, machte sie sich, wo sie konnte, vom höfischen Regelement frei", sagt Klaus Dorst, Kustos für Architektur und Denkmalpflege der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Die älteste Tochter der britischen Königin Victoria und Gemahlin des 99-Tage-Kaisers Friedrich III. stillte sogar ihre Kinder selbst, zu einer Zeit, als dies an den Fürstenhöfen noch Sache von Ammen war. Liberal gesinnt, galt sie als Intimfeindin des Kanzlers Otto von Bismarck. "Als Frau und Engländerin war sie am preußischen Hof nicht willkommen."
Der Versuch Deutschland zu modernisieren
Der Sakristeiraum neben dem Altar der 1848 eingeweihten Friedenskirche diente der Hohenzollernfamilie von 1861, dem Todesjahr Friedrich Wilhelms IV., bis 1890 als Grabkapelle. Diese wurde weitgehend nach Vorstellungen Victorias ausgestaltet. 1866, während des deutsch-österreichischen Krieges, nahm sie in diesem Raum von ihrem dritten Sohn Sigismund Abschied, der mit nicht einmal zwei Jahren an Hirnhautentzündung starb. Die prächtige Kassettendecke trägt das Monogramm des Knaben sowie das ihres Mannes Friedrich. An der Wand sind Stuckreliefs mit Engeln und ein Gemälde im so genannten Nazarener-Stil zu sehen. Die schweren Eichensessel zitieren, der späteren Mode vorausgreifend, den romanischen Stil. Der spätere Kaiser Wilhelm II. übernahm diese Vorliebe von seiner Mutter. Der Fußboden ist mit wertvollen Einlegearbeiten aus Alabaster und Serpentinit ausgestattet.
Bauvorlage für den späteren Reichstag
Den natürlichen Mittelpunkt des Mausoleums bilden die beiden
Marmorsarkophage von Friedrich III. und Victoria, die am 13. August
1901 an seiner Seite bestattet wurde. Reinhold Begas, der
Schöpfer des Schiller-Denkmals auf dem Berliner Gendarmenmarkt,
hat darauf zwei lebensgroße liegende Skulpturen der beiden
gesetzt. In der östlichen Altarnische stehen die Sarkophage
für die Söhne Sigismund und Waldemar. Das Modell für
die Büste Waldemars hatte die kunstsinnige Kaiserin selbst
entworfen. "Die Skulpturengruppe auf dem Grabmal Sigismunds ist
ein wenig bekanntes Meisterwerk Begas´." Die filigrane
Plastik stellt eine geflügelte Todesgenie dar, die ein Kind im
Arm hält.
| |
© Rheinische Post, 27.7.2001