Kaiserin Victoria: Moderne Frau

Sakristei und Mausoleum erstmals öffentlich

Zum 100. Todestag von Kaiserin Victoria am 5. August präsentiert die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten erstmals für längere Zeit zwei Räume, die der Öffentlichkeit bislang versperrt waren - die Sakristei und das Mausoleum der Potsdamer Friedenskirche im Park Sanssouci. Sie hat in dem Mausoleum nebst ihrem Mann und zwei ihrer Söhne die letzte Ruhestätte.  
Romantischere Orte müssen selbst im beschaulichen Potsdam erst einmal gefunden werden. Doch der Schein trügt, zumindest was Rückschlüsse auf das Leben der Victoria betrifft. Sie erlebte in Preußen Zeiten des dramatischen Umbruchs, Kriege und persönliche Schicksalsschläge.

Sie war, was man heute eine starke Frau nennt. "Modern und vielseitig gebildet, machte sie sich, wo sie konnte, vom höfischen Regelement frei", sagt Klaus Dorst, Kustos für Architektur und Denkmalpflege der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Die älteste Tochter der britischen Königin Victoria und Gemahlin des 99-Tage-Kaisers Friedrich III. stillte sogar ihre Kinder selbst, zu einer Zeit, als dies an den Fürstenhöfen noch Sache von Ammen war. Liberal gesinnt, galt sie als Intimfeindin des Kanzlers Otto von Bismarck. "Als Frau und Engländerin war sie am preußischen Hof nicht willkommen."

Der Versuch Deutschland zu modernisieren
Eheschließung der 17-jährigen Prinzessin mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich am 25. Januar 1858 im Londoner St. James Palace galt damals als Traumhochzeit, weiß Dorst. Zum einen, weil die beiden wirklich ein Liebespaar waren, zum anderen, weil sich damit die Möglichkeit auftat, Deutschland nach englischem Muster zu modernisieren. Victoria, die von ihrem Vater politisch erzogen worden war, musste freilich miterleben, wie Bismarck den qersehnten deutschen Nationalstaat auf seine Weise, von oben, gründete.

Der Sakristeiraum neben dem Altar der 1848 eingeweihten Friedenskirche diente der Hohenzollernfamilie von 1861, dem Todesjahr Friedrich Wilhelms IV., bis 1890 als Grabkapelle. Diese wurde weitgehend nach Vorstellungen Victorias ausgestaltet. 1866, während des deutsch-österreichischen Krieges, nahm sie in diesem Raum von ihrem dritten Sohn Sigismund Abschied, der mit nicht einmal zwei Jahren an Hirnhautentzündung starb. Die prächtige Kassettendecke trägt das Monogramm des Knaben sowie das ihres Mannes Friedrich. An der Wand sind Stuckreliefs mit Engeln und ein Gemälde im so genannten Nazarener-Stil zu sehen. Die schweren Eichensessel zitieren, der späteren Mode vorausgreifend, den romanischen Stil. Der spätere Kaiser Wilhelm II. übernahm diese Vorliebe von seiner Mutter. Der Fußboden ist mit wertvollen Einlegearbeiten aus Alabaster und Serpentinit ausgestattet.

Bauvorlage für den späteren Reichstag
Im Hof der Friedenskirche ließ die Kaiserin ab 1888, nach dem Tod ihres Gemahls, eine Grabrotunde aus massivem schlesischen Sandstein errichten. "Das war möglich, weil durch den Deutsch-Französischen Krieg und die von Frankreich erpressten Kontributionen Geld für aufwendigere Bauten vorhanden war", erläutert Dorst. "Nach diesem Vorbild wurde später der Reichstag im selben monolithischen Stil errichtet." Julius Carl Raschdorf, der spätere Baumeister des Berliner Doms, stattete das Gebäude mit kostbaren Materialien aus - die Säulenschäfte sind aus schwarzem Labrador, die Wandtäfelung aus Serpentinit und an der Kuppeldecke prangt ein von einer venezianischen Werkstatt ausgeführtes Goldmosaik.

Den natürlichen Mittelpunkt des Mausoleums bilden die beiden Marmorsarkophage von Friedrich III. und Victoria, die am 13. August 1901 an seiner Seite bestattet wurde. Reinhold Begas, der Schöpfer des Schiller-Denkmals auf dem Berliner Gendarmenmarkt, hat darauf zwei lebensgroße liegende Skulpturen der beiden gesetzt. In der östlichen Altarnische stehen die Sarkophage für die Söhne Sigismund und Waldemar. Das Modell für die Büste Waldemars hatte die kunstsinnige Kaiserin selbst entworfen. "Die Skulpturengruppe auf dem Grabmal Sigismunds ist ein wenig bekanntes Meisterwerk Begas´." Die filigrane Plastik stellt eine geflügelte Todesgenie dar, die ein Kind im Arm hält.
(Bis zum 14. Oktober sind die Sakristei täglich und das Mausoleum am Wochenende von 09.30 bis 17.00 Uhr zu besichtigen.)

© Rheinische Post, 27.7.2001

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