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Potsdam - Ihre Mutter war die britische Queen Victoria, nach der das viktorianische Zeitalter benannt worden ist. Die älteste Tochter, Victoria Princess Royal von England (1840 - 1901), war an der Seite ihres Gemahls Friedrich III. (1831 - 1888) nur 99 Tage lang deutsche Kaiserin und preußische Königin. Eine kurze Zeit nur, um als Kaiserin Akzente setzen zu können, dennoch feiert Potsdam die Kronprinzessin Victoria, die sich als Witwe «Kaiserin Friedrich» nannte, aus Anlass ihres 100. Todestages am Sonntag mit einer Ausstellung, einer Festveranstaltung und einem Gottesdienst. Das Patronat hat der britische Thronfolger Price Charles übernommen, Schirmherr ist Ministerpräsident Manfred Stolpe. Sie war eine begeisterte Malerin, sozial engagiert, politisch interessiert - und die schwierige Mutter des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. Sie war glücklich verheiratet und doch unglücklich. Das Leben der hochbegabten Prinzessin Victoria, Gemahlin des liberalen preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der als krebskranker Friedrich III. nur kurz auf dem Kaiserthron saß, gäbe den Stoff für Romane. Was als menschliche und politische Tragödie endete, hatte für die «märkische Sissi» als Romanze 1858 in London begonnen. Es war eine Liebesheirat, damals die Ausnahme bei gekrönten Häuptern, zwischen der 17-jährigen «Vicky» und ihrem 26 Jahre alten «Fritz». Die Brautväter: der liberale Prinz Albert von Sachsen-Gotha in London und der damalige Prinzregent Wilhelm I., der spätere preußische König und erste deutsche Kaiser in Berlin. Das Misstrauen gegen die «Engländerin» am preußischen Hofe machte ihr zu schaffen. Im Schloss Babelsberg verlebte Victoria ihren ersten Sommer als verheiratete Prinzessin. In Babelsberg setzte sie die umfangreiche Korrespondenz mit ihrer Mutter fort. Und der preußische Geheimdienst las mit. Die Schwächen des deutschen Kaiserreiches blieben Victoria nicht verborgen. «Was mich sehr quält: Die Animosität zwischen unseren beiden Ländern. Sie ist so gefährlich und kann leicht großes Leid bringen ... Ich lebe in beständiger Angst, dass die Bande, die einmal unsere beiden Länder zu ihrem gegenseitigen Vorteil vereinten, bald zerschnitten sein könnten», schrieb sie im Frühjahr 1871. Die Schlösser-Stiftung hat Spurensuche betrieben und öffnet am Sonntag erstmals seit Februar restaurierte Räume des Haupttreppenhauses im Schloss Babelsberg für eine Festausstellung. Gezeigt werden Porzellan und Glas, Kleidungsstücke aus dem Besitz der Kaiserin. An die begabte Künstlerin erinnern Zeichnungen und zwei von ihr geschaffene Büsten. Geöffnet sind acht Räume, Vestibül und Treppenhaus. Wohn- und Wirkungsort für das Kronprinzen-Paar wurde später das ländliche Bornstedt mit Krongut und Kirche. Die Bemalung der Orgel in der Kirche zu Bornstedt nach englischem Vorbild erfolgte auf Wunsch Victorias. Ein Gedenkgottesdienst erinnert um 11 Uhr im Gotteshaus an ihre Verdienste. Die zentrale Gedenkveranstaltung schließt sich um 15 Uhr in der Friedenskirche von Sanssouci an. Der Prince of Wales spricht auf Video übertragene Grußworte. Im nahen Mausoleum hat das Kaiserpaar zur letzten Ruhe gefunden. Das Mausoleum ist bis 14. Oktober sonnabends und sonntags in der Zeit von 9.30 bis 17 Uhr geöffnet, die Sakristei täglich. Wilhelm II. drängte nach seiner Thronbesteigung die Mutter ins Abseits. Sie verließ das Neue Palais im Park von Sanssouci und errichtete in Kronberg/Taunus ihren Witwensitz «Friedrichshof». Einmal jährlich kehrte die «Kaiserin Friedrich» nach Bornstedt zurück - und besuchte den von ihr ins Leben gerufenen Kindergarten. «Ich bin nur ein Schatten von dem, was ich hätte sein können», hat sie rückblickend erkannt. |
Text: Ronald Glomb
© Berliner Morgenpost, 1.8.2001