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Potsdam - Nicht nur für Mitglieder der Deutsch-Englischen
Gesellschaft wird der 5. August ein wichtiger Tag. Mit einer
Festveranstaltung soll in der Friedenskirche des 100. Todestages der
als «Kaiserin Friedrich» in die Geschichte eingegangenen
englischen Prinzessin Victoria (1840 bis 1901), Tochter der
legendären Queen Victoria, gedacht werden. «Wir haben auch
Prinz Charles, den englischen Thronfolger, eingeladen,» sagt Uwe
Koch, Vorsitzender der Brandenburger Landesgruppe der
Gesellschaft. Charles war bereits 1997 in Potsdam, als Initiator der
von ihm angeregten Urban Design Task Force. Schwerpunkt waren damals
neben dem Alten Markt auch das Dorf Bornstedt.
Bornstedt ist der wohl «englischste Ort» in Potsdam. Denn: Dort erinnert eine Menge an Großbritannien. In der Bornstedter Kirche beispielsweise sind die Orgelpfeifen in den britischen Nationalfarben Weißgold, Blau und Rot bemalt. Nach dem Vorbild der Kathedrale von Norfolk wurde das Taufbecken gestaltet, das Chorfenster ziert das Wappen des englischen Königshauses. Der Grund: Victoria und ihr Mann Friedrich III. (1831 bis 1888) hatten das Patronat über Kirche und Dorf Bornstedt. Auch im benachbarten Eiche kündet eine bemalte Orgel von Vicky. Uwe Koch, der zusammen mit Michaela Blankart, dem Verein der Freundes des Bornstedter Friedhofes und der Evangelischen Kirchengemeinde die Feiern koordiniert, sagt: «Kaiserin Friedrich stellte in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Bindeglied zwischen Preußen-Deutschland und England dar.» Wenn das Kronprinzenpaar nicht im Neuen Palais, wo Vicky Bäder und Toiletten einbauen ließ, wohnte, lebte es auf dem Krongut Bornstedt. Derzeit wird das Gut aufwändig saniert, aus dem Komplex von 1846 soll ein «Kulturforum» werden, ein Mix aus Geschichte, Handwerk und Gastronomie. Kosten des Projektes: 24 Millionen Mark. Die wegen ihrer liberalen Ansichten und offenherzigen Kritik an den Zuständen in Preußen als «die Engländerin» kaltgestellte Victoria blieb, so weiß Uwe Koch, eine zu Unrecht im deutschen Geschichtsbewusstsein weitgehend unbeachtete Frau. In Bornstedt erinnern noch heute das 1877 im englischen Landhausstil errichtete Schulgebäude - leider steht es seit einem Jahr leer - die Wohnhäuser für Gutsarbeiter und das Waisenhaus an der Potsdamer Straße an ihr soziales Engagement. Weitere englische Spuren in Potsdam: In der Breiten Straße 8-12 stehen die Hiller-Brandtschen Häuser, unter Friedrich dem Großen 1769 zu Wohnzwecken durch Georg Christian Unger erbaut. Der palladianische Klassizismus der monumentalen und reich geschmückten Palastfassade hat das Londoner Schloss Whitehall von Inigo Jones zum Vorbild. Im englischen Cottagestil errichtete der Berliner Architekt Franz Schwechten 1902 die Kriegsschule auf dem Brauhausberg, heute residiert darin der Brandenburgische Landtag. Kaiser Wilhelm II. wünschte einen englisch beeinflussten Landhausstil mit Fachwerk und weißen Fensterrahmen. Einem englischen Landsitz gleicht auch Schloss Cecilienhof im Neuen Garten. Das Kronprinzenpaar wählte den Architekten Paul Schultze-Naumburg. Nach einer Studienreise durch England entwarf er ein Schlösschen, dass sich durch seinen Grundriss und die natürlich-ländlichen Baustoffe in die Landschaft einschmiegt. Auch das Nauener Tor hatte sein Vorbild auf der Insel: Inveray Castle in Schottland von Robert Morris. Friedrich der Große ließ es 1754/55 von Johann Gottfried Büring errichten. Es gilt als das erste kontinentale Beispiel der damals gerade in England aufkommenden neugotischen Bauweise, bis heute fand die Forschung keine überzeugende Erklärung für eine so frühe Verwendung neugotischer Stilelemente. In der Lennéstraße, direkt in der Sichtachse von Schloss Sanssouci erinnert das Lordmarschallhaus an Georg Keith, den aus Kinkardine in der gleichnamigen schottischen Grafschaft stammenden Feldmarschall. Und: Schloss Babelsberg wurde schließlich 1833 von Schinkel im Stil der englischen Neugotik entworfen und erinnert partiell an Schloss Windsor, auch wenn dieses wesentlich größer ist. |
Text: Dieter Weirauch
© Berliner Morgenpost, 10.1.2001