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Mit der vor 100 Jahren in der Burgstadt gestorbenen Victoria Kaiserin
Friedrich hat sich eine internationale Fachtagung auf der Burg
befasst. Die Tochter von Queen Victoria und Prinz Albert war die Frau
des deutschen Kaisers Friedrich III., der nur 99 Tage regierte und an
einer Krebserkrankung starb. Sie hinterließ zahlreiche Stiftungen und
betätigte sich als Mäzenin. Die fortschrittlich gesinnte Frau wollte
Reformen in Preußen und Deutschland einführen, scheiterte aber an
konservativen Widerständen. Die Tagung, zu der die Hessische
Hausstiftung eingeladen hatte, war von Prinzessin Anne, der Tochter
von Queen Elisabeth, eröffnet worden.
"Vor einhundert Jahren wurde der Titel 'Princess Royal' von meiner Ururgroßtante, Victoria Kaiserin Friedrich getragen. Sie war die vierte Trägerin dieses Titels, der seit dem frühen 17. Jahrhundert der ältesten Tochter des Herrschers vorbehalten war", so Prinzessin Anne in ihrer Eröffnungsrede. "Ihre Majestät die Königin verlieh mir den Titel 1987 und machte mich somit zur siebten 'Princess Royal'. Kaiserin Friedrich war die zweite Princess Royal, die nach Deutschland heiratete, und wohl die Bedeutendste von allen, zum einen wegen ihres so tragisch verlaufenen Lebens, zum anderen wegen ihrer Intelligenz und der Energie, mit der sie sich dem Gemeinwohl und humanitären Aufgaben widmete", so Prinzessin Anne weiter. Victoria, die älteste Tochter der Königin Victoria von England und des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg, wurde 1840 in Schloss Windsor geboren. Schon als Kind wurde sie von ihren Eltern dazu bestimmt, den preußischen Thronfolger Friedrich zu heiraten. Trotz der politischen Motive dieser Verbindung war es Liebe auf den ersten Blick, als sich das Paar begegnete. Bei der Hochzeit 1858 war die Braut gerade 17. Aus Liebe entwickelte sich eine besondere Partnerschaft, die ein Leben lang hielt. Victoria und Friedrich hatten acht Kinder. Das älteste war der spätere Kaiser Wilhelm II.. Friedrich bestieg erst 1888 als Todkranker den Thron und regierte nur drei Monate. Da seine Witwe in Berlin unerw/uuml;nscht war - das Verhältnis mit ihrem Sohn, Wilhelm II., und Reichspräsident Bismarck war schlecht -, zog sie sich vom politischen und öffentlichen Leben zurück und ließ sich, fern der Hauptstadt, im Taunus nieder. Alles schien verkehrt gelaufen zu sein. Denn die überdurchschnittlich intelligente Vicky war von ihrem Vater sorgfältig darauf vorbereitet worden, gemeinsam mit ihrem Mann in Preußen ein liberales parlamentarisches System nach englischem Vorbild einzuführen. Dieses hatte die Voraussetzung für die deutsche Einigung auf friedlichem Wege schaffen sollen. Der Auftrag erwies sich als undurchführbar. Deutschland brauchte drei Kriege, um zu seiner Einheit zu finden. Bismarck, der sie herbeigeführt hatte, erblickte im Parlamentarismus "eine sichere Einleitung zum Verfall und zur Wiederauflösung des Deutschen Reiches" und in Victoria "einen Kanal für englische Einflüsse". Wie die Geburt des Sohnes der Kaiserin Friedrich, des späteren Wilhelm II., sei die Entbindung der Nation mit irreparablen Fehlern behaftet gewesen, schreibt Victorias Biografin, die Amerikanerin Hannah Pakula. "Vielleicht das Bemerkenswerteste an der Kaiserin Friedrich war, dass sie diese Defekte und deren Konsequenzen erkannte, lange vor dem Rest der Welt". Erst nachdem die Katastrophen des 20. Jahrhunderts Europa endgültig den Weg zur friedlichen Einigung gewiesen haben, wird die zukunftsweisende Bedeutung der Ansichten Victorias augenscheinlich. So schrieb sie im Jahr 1879: "Wenn Deutschland sich aufrichtig mit Österreich, England, Frankreich und Italien verbündet, so sehe ich nicht, wie der Weltfriede je gestört werden könnte. Eine solche Union wird allen Mitgliedern große Vorteile bieten; wirtschaftliche Differenzen werden verschwinden, und es wird die Rückkehr des Vertrauens unter den Nationen einleiten, das gegenwärtig nicht existiert". Eines ihrer wesentlichsten Anliegen war die Verbesserung der Stellung der Frau im gesellschaftlichen Leben. "In der Unterordnung der Frau erblicke sie die Ursache des deutschen Nationalismus und Militarismus", bemerkt der deutsch-irische Historiker John Röhl. "Sie war der Meinung, der Hauptgrund für den deutschen Fremdenhass und für die verbreitete Ablehnung abendländisch-liberaler Werte liege in der Stellung der deutschen Frau im Allgemeinen, in ihrer Erziehung und ihrem Verhältnis zu den Männern". Die Tagung, auf der namhafte Historiker sich kritisch mit dem kontroversen Bild Viktorias in der Geschichte auseinandersetzten, diente dazu, die nach wie vor verkannte Kaiserin besser kennen zu lernen und Antworten auf die Frage zu finden, woran die gescheite Frau mit den fortschrittlichen Ideen gescheitert ist. Das Tagungsergebnis soll in einer Publikation festgehalten werden. |
© Kronberger Bote, 12.9.2001