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Es ist unwahrscheinlich, daß man in 150 Jahren noch Interesse an
den Berichten finden wird, die in Zeitungen unserer Tage über die
Vermählung von Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones
standen. Was hingegen Theodor Fontane 1858 über die Hochzeit des
Sohns des preußischen Thronfolgers und der Tochter der
britischen Königin schrieb, empfiehlt sich auch heute noch
für genußvolle Lektüre. Leider sind Fontanes
Korrespondentenberichte nicht mehr erhältlich. Daß
Auszüge daraus in Kronberg vom Londoner Geschichtsprofessor
Rudolf Muhs vorgetragen wurden, war dem ehemaligen Königshaus
Hessen zu verdanken. Dort hatte die Hessische Hausstiftung zu einer
Tagung über das traurige Leben und tragische Wirken jener
Victoria eingeladen, die als isolierte Witwe des 99-Tage-Kaisers
Friedrich III. in die Geschichte einging. Ihre liberale Gesinnung
machte sie zur Feindin ihres eigenen Sohnes, Wilhelm II., und
angesichts der von ihr prophezeiten Zukunft Deutschlands zur
tragischen Gestalt. Der vorletzten deutschen Kaiserin war diese
Historikertagung anläßlich ihres 100. Todestags gewidmet.
Die Hessens, deren Familienstiftung zur Tagung eingeladen hatte, gelten unter den ehemaligen Herrscherhäusern Deutschlands, wegen ihrer Freude an der Gelehrtheit, geradezu als Sonderlinge. Statt ihr Vermögen in die Jagd zu stecken, betreibt man in der Fasanerie in Fulda eines der bedeutendsten privaten Museen Europas. Rainer von Hessen, der die Tagung initiierte, sagte in seiner Eröffnungsrede, daß seine Ahnin, trotz des wachsenden Interesses an ihrem Schicksal, hauptsächlich als Tochter Queen Victorias oder als Mutter Wilhelms II. Beachtung finde, ihr eigentliches Wirken in der Geschichtsschreibung aber im Schatten der damaligen Ereignisse und Akteure blieb. Dies zu korrigieren, war eines der Ziele dieser Tagung. Angereist waren namhafte Historiker, die sich mit der wilhelminischen Epoche befassen, unter ihnen John C.G. Röhl, Niall Ferguson und Hannah Pakula. Es fehlte nur Wolfgang J. Mommsen, den man versäumt hatte, als Referenten einzuladen. Auch Lothar Gall hätte man gerne gehört. Dafür war aber Prinzessin Anne, die älteste Tochter der heutigen Königin Großbritanniens, angereist. Sie übte die Schirmherrschaft über die viertägige Konferenz aus, reiste aber zur Erleichterung der Tagenden am ersten Tag wieder ab - ihre Gegenwart hatte für eine Historikerkonferenz ungewöhnliche protokollarische und sicherheitstechnische Vorkehrungen notwendig gemacht. Die Tagung fand nicht im prächtigen Schloß Kronberg statt, in dem die Kaiserinwitwe starb und das heute ein Hotel ist, sondern in den kahlen Gemäuern der Burg Kronberg. Zwischen den Vorträgen wärmte man sich bei Gulaschsuppe und Tee in den Kellerräumen. Prinzessin Anne mischte sich, ähnlich wie die angereisten Vettern und Kusinen der Hessens, die Badens und Hannovers, in den Pausen unter die Historiker und verwickelte sie in Gespräche. Geschichte ist für manche Aristokraten keine akademische Geistesübung, sondern eine Sache der Leidenschaft. Sie bestimmt nicht nur einen Teil der eigenen Identität, Adelige scheinen auch über eine Art vererbtes Gedächtnis zu verfügen, mit Ressentiments und Präferenzen, die über Generationen weitergegeben werden. So nehmen die Hessens den Preußens bis heute übel, daß die Gebiete des Zweigs Hessen-Kassel 1866 annektiert wurden. Dieser Unmut verbindet sie auch mit den Hannovers. Mitglieder des Hauses Hohenzollern waren bei der Tagung nicht anwesend, dafür immerhin ein Urenkel Otto von Bismarcks, des Erzfeindes der vor 100 Jahren gestorbenen Victoria. Zu den Höhepunkten der Tagung gehörte der Vortrag Niall Fergusons. Unterhaltsam und überzeugend sprach er über das "Komplott" des Hauses Sachsen-Coburg, die Throne Europas zu besetzen, um auf dem Kontinent liberale konstitutionelle Monarchien nach britischem Muster einzuführen. Als Bremser der Verherrlichung Victorias und Friedrichs III. betätigte sich der Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Michael Epkenhans. Er stellte Victoria als Träumerin und Friedrich III. als wenig couragierten Thronfolger dar. Schließlich habe Friedrich 1862 die Chance gehabt, Wilhelm I. zu beerben, und dies aus angeblicher Loyalität, tatsächlich aber aus Schwäche, abgelehnt. Das seit den zwanziger Jahren immer wieder populäre "Was wäre wenn"-Szenario, wonach Deutschland eine Wende zur Liberalität genommen hätte, wenn Friedrich und Victoria nur länger geherrscht hätten, verwies er in die Märchenwelt. Den Liberalen habe, ähnlich dem Thronfolger, die Courage gefehlt, und das Volk sei für den liberalen Staat vermutlich auch nicht reif gewesen. Abschluß und Krönung des Colloqiums bildete die Rede Professor Röhls, der über die Rolle der Kaiserinwitwe als Kritikerin der "Persönlichen Monarchie" Wilhelms II. sprach. Trotz ihrer offensichtlich persönlichen Verbitterung, sagte Röhl, müsse die harsche Kritik Victorias an der autokratischen Herrschaft ihres ältesten Sohns als akkurat, prophetisch und weise bezeichnet werden. Mit Gänsehaut erzeugender Genauigkeit habe sie die Zukunft Deutschlands beschrieben, als sie davon sprach, daß ihrem Sohn erst "Chaos" und schließlich die "Katastrophe" folgen würden. Mit einem festlichen Essen in Victorias Witwensitz, dem heutigen Schloßhotel Kronberg, und einer Besichtigung des Museums Schloß Fasanerie, in der eine Ausstellung Victoria gewidmet ist, ging diese ungewöhnliche Tagung zu Ende, die unter den Beteiligten die Hoffnung schürte, daß das Haus Hessen diese Form historischer Aufarbeitung weiterbetreiben werde. Auch wenn dies in Zeiten, in denen man Gefahr läuft für historische Missetaten verklagt zu werden, bei anderen Aspekten der Familiengeschichte nicht ganz risikolos sein mag. |
Text: Alexander von Schönburg
© Frankfurter Allgemeine Zeitung , 10.9.2001