Licht und Schatten über "Vicky" und "Fritz"

Eine Fachtagung in Kronberg versucht zu erklären, warum Victoria Kaiserin Friedrich zwar karitativ und kulturell wirkte, aber politisch scheiterte  
Ihrer Zeit voraus, aber politisch gescheitert: Licht und Schatten fielen während einer dreitägigen internationalen Fachtagung auf Victoria Kaiserin Friedrich, die vor 100 Jahren in Kronberg gestorbene Gemahlin des "99-Tage-Kaisers" Friedrich III. Die Hessische Hausstiftung hatte Experten aus Deutschland, Großbritannien und Amerika auf die Burg eingeladen, um sich mit "Vicky and Fritz", wie die Engländer das Paar salopp nennen, zu befassen. Die lange verkannte Victoria ist im Gedenkjahr ihres Todes in Deutschland wiederentdeckt und in zahlreichen Veranstaltungen gewürdigt worden, weshalb die Londoner "Times" schon von einer "Vickymania" spricht.

Das Haus Sachsen-Coburg, dem die 1840 auf Schloß Windsor geborene Victoria entstammte, war liberal gesinnt, wollte aber mittels eines parlamentarischen Systems nach englischem Vorbild den Fortbestand der Monarchie in Europa sichern. Doch war dies eine Verschwörung, wie manche Historiker glauben? Das Wort von der "Coburg conspiracy" griff auch Professor Niall Ferguson (Universität Oxford) auf, während ein Zuhörer es gar auf eine "Coburg mafia" zuspitzte. Von einer mafiösen Verbindung wollte Ferguson zwar nicht sprechen, wohl aber von einer diffizilen Heiratsstrategie, mittels deren Sachsen-Coburg "tentakelhaft" die europäischen Königshäuser durchsetzte. Doch gerade dieser "Dynastizismus" habe im Widerspruch zu den fortschrittlichen Idealen gestanden.

Zum Scheitern verurteilt?

War also Victoria von vornherein zum Scheitern verurteilt - "doomed to failure", wie ihre amerikanische Biographin Hannah Pakula sagte -, als sie sich an der Seite ihres Gemahls, des späteren deutschen Kaisers Friedrich III., von England nach Preußen einschiffte? Es ist nicht nur der Widerspruch zwischen dynastischer Heiratspolitik und fortschrittlichem Gedankengut, der diese Frage aufwirft und um den die Kronberger Tagung immer wieder kreiste. Wie die frühere Direktorin der Königlichen Archive auf Schloß Windsor, Sheila de Bellaigue, zeigte, war "Vicky" zwar ein aufgewecktes Kind gewesen, von dessen fortgeschrittenem Intellekt die Mutter Queen Victoria schwärmte, und die Eltern hatten ihr eine umfangreiche Ausbildung in Fremdsprachen, Mathematik, Geschichte und Kunst angedeihen lassen.

Kein Bedarf an Reformen

Aber mit diesem stattlichen Fächerkanon war die Siebzehnjährige keineswegs gegen jene Widerstände gewappnet, die sie auf dem Kontinent erwarteten: Das konservative Preußen und später das Deutsche Reich waren nicht bereit für fortschrittliche Reformen nach britischem Vorbild. Als "Alberts wahre Erbin", so Ferguson, blieb Vicky in diesem Szenarium isoliert. Im antibritischen und prorussischen Hohenzollernhaus war sie "die Engländerin", und ihr Mann regierte zu kurz, um Deutschlands Entwicklung zu gestalten.

1862 hätte er vielleicht die Chance gehabt, den preußischen Königsthron zu besteigen und damit nicht erst 1888 Kaiser zu werden. Während eines Streits mit dem preußischen Landtag über eine Heeresreform, der Züge einer Verfassungskrise annahm, erwog Friedrichs Vater Wilhelm zeitweilig die Abdankung. Doch Friedrich verpaßte die Chance, wenn sie überhaupt wirklich bestand; unter Historikern ist diese Frage umstritten. Als Friedrich aber 26 Jahre später den Königs- und Kaiserthron bestieg, blieben ihm bis zu seinem Krebstod lediglich 99 Tage. Die Distanz zu Victorias ältestem Sohn, der als Kaiser Wilhelm II. auf den Vater folgte, schwächte ihre Position, und gegen die Hintertreibungen und offenen Feindseligkeiten Bismarcks war sie machtlos.

Überhaupt: Bismarck. Die Hemmnisse, auf die Victoria stieß, scheinen in dem preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzler personifiziert. Er zog in Preußen und im 1871 gegründeten Deutschen Reich die Fäden und machte Victoria nach dem Tod ihres Mannes durch vielfältigen Druck einen Verbleib in Berlin unmöglich, wie unter anderem der Forscher Michael Epkenhaus auf der Kronberger Tagung illustrierte. Victorias Wechsel ins ferne Kronberg glich mehr einer Flucht als einem Umzug, ihr Altersruhesitz auf Schloß Friedrichshof nahm vor diesem Hintergrund den Charakter eines Exils an. Hatte Victoria also keine Chance gehabt? Wenn auch nicht alle Redner der Tagung dies so schwarz sahen, herrschte zumindest Einigkeit, daß die Zeitumstände gegen die "Engländerin" waren. Manche bezweifeln auch, daß es überhaupt eine von Albert veranlaßte "Mission" Victorias in Preußen und Deutschland gegeben habe. Der an der Universität Sussex dozierende John Röhl etwa glaubt, daß die fortschrittlich gesinnte Gemahlin des preußischen Kronprinzen eher aus eigenem Antrieb handelte.

Es wäre unangemessen, wollte man Victorias Bild auf die Tragik ihres staatspolitischen Scheiterns reduzieren. Ausführlich wurde auf der Kronberger Tagung illustriert, wie sie als Mäzenin und Stifterin karitativer Einrichtungen fungierte und auch in Kronberg Spuren hinterließ. Mit Victorias Einsatz für die Frauen beispielsweise befaßte sich die Referentin Margit Göttert aus Frankfurt. Wenn "Vicky" auch den Kontakt zur radikalen Frauenbewegung mied, waren manche ihrer Forderungen für die damalige Zeit progressiv - etwa eine bessere Bildung für Mädchen oder eine geregelte Ausbildung als Krankenschwester.

Victorias letzte Lebensjahre aber waren von dunklen Ahnungen überschattet. Besorgt und verbittert über ihren Sohn Wilhelm II. prophezeite sie, daß Deutschlands Weg in die Republik, dann ins Chaos und schließlich in die Diktatur führen werde. Tatsächlich hatte sie damit die Entwicklung vorausgesehen, und die Frage liegt nahe, ob die Geschichte anders verlaufen wäre, hätte ihr Mann länger auf dem Thron gesessen. In wissenschaftlichen Debatten aber folgt auf derartige "Wenns" schnell die Replik, solche Fragen seien unhistorisch und müßig.

Auch Victorias Ururgroßnichte Prinzessin Anne, die das Treffen als Schirmherrin eröffnet hatte, hielt sich mehr an die Fakten und äußerte Respekt gegenüber den Experten. Angesichts des weitverzweigten Hauses Sachsen-Coburg in Europa, so sagte sie, sei es schwer, den Überblick zu behalten: "Es ist eine so große Familie".

Text: Johannes Latsch
© Frankfurter Allgemeine Zeitung , 8.9.2001

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