| Aristokraten haben ein besonders gutes Gedächtnis. Daher barg die Szene, die sich am Sonntag morgen in Potsdam abspielte, eine gewisse Pikanterie. Mitglieder der Häuser Hessen und Hohenzollern hatten sich am Sarkophag von Victoria von Preußen versammelt, um der vor 100 Jahren gestorbenen Tochter Queen Victorias und Mutter Wilhelms II. zu gedenken. Die Hessens nehmen den Preußen bis heute die Annektion im Jahre 1866 übel, und auch die Behandlung eben jener Victoria, genannt Vicky, deren jüngste Tochter den Landgrafen von Hessen-Kassel heiratete, ist in dem kollektiven Gedächtnis der Familie Hessen immer noch präsent. | |
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Victoria hatte im Schoße der Familie Hohenzollern nur Unbill
erfahren. Von dem Augenblick an, in dem ihr Ehemann, der
"99-Tage-Kaiser" Friedrich III., starb, stand sie unter einer Art
Hausarrest und wurde vom Hause Hohenzollern und dem Hofstaat wie eine
Aussätzige behandelt. Die Preußens wiederum stützen
die Apologetik Wilhelms II. zum Teil auf die These, daß Victoria
ihren Sohn seit Kindertagen ihre Verachtung spüren ließ und
daß so seine unvorteilhaften Charakterzüge entstanden
seien. Als Donatus von Hessen und Georg Friedrich von Preußen,
beides junge Männer, der eine der künftige, der andere der
amtierende Familienchef, sich vor der Andacht im Mausoleum
begrüßten, wirkte ihre augenscheinliche Verlegenheit daher
ausnahmsweise nicht deplaziert.
Etwa zwanzig Personen hatten sich im Säulengang der Friedenskirche versammelt, um Punkt zehn Uhr betrat man das Mausoleum. Tatsächlich umspielte ein Lichtstrahl, wie bestellt, den Sarkophag Victorias. Die dunkel gekleideten Herrschaften bildeten einen Kreis um die Grabstätte Victorias und Friedrichs III. Als der Glockenschlag der Friedenskirche verhallt war, las Pfarrer Gottfried Kunzendorf einen Psalm, Reverend Christopher Jage-Bowler, von der Anglikanischen Gemeinde Berlins, sprach das Vaterunser, die Anwesenden beteten laut mit. Dann trat Ministerpräsident Manfred Stolpe aus dem Kreis und legte einen Kranz nieder, nach ihm tat dies Georg Friedrich von Preußen. Anschließend begab man sich gemeinsam zur Bornstedter Kirche, wo ein Gottesdienst gehalten wurde, und nach dem offiziellen Festakt wieder zurück in die Friedenskirche. Ministerpräsident Stolpe hielt eine Rede, in der Victoria auf die Altäre der verehrungswürdigen Preußinnen gehoben wurde, dann kam der Direktor des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, Jürgen Kloosterhuis, mit seiner langatmigen Ansprache an die Reihe, die eher nüchtern gehalten war. Kloosterhuis behauptete in seinem Referat, daß Victoria für die Isolation, die sie in Preußen-Deutschland erfahren hatte, mitverantwortlich war. In den nächsten Wochen wird Victoria von Preußen jeweils am Sonntag mit Vorträgen in Schloß Babelsberg gewürdigt. Dort ist auch bis zum 28. Oktober die Ausstellung "Auf den Spuren von Kronprinzessin Victoria - Kaiserin Friedrich" zu sehen. Das sonst verschlossene Mausoleum neben der Friedenskirche bleibt bis Oktober öffentlich zugänglich. Die Familienstiftung des Hauses Hessen präsentiert in Schloß Fasanerie bei Fulda eine Schau über die Künstlerin Victoria, in Kronberg bei Frankfurt veranstaltet die Hessische Hausstiftung vom 5. bis 8. September eine ihr gewidmete Historikertagung. Mit dieser Fülle von Veranstaltungen widerfährt der "99-Tage-Kaiserin" eine Würdigung, die ihr bisher versagt geblieben war. Bislang war Victoria von Preußen hauptsächlich ein Lieblingsobjekt der von vielen Akademikern geschmähten hypothetischen Geschichtsschreibung. "Was wäre, wenn" dem liberal gesinnten Friedrich und seiner Frau Victoria statt 99 Tagen eine lange Regierungszeit gegönnt gewesen wäre? Diese Frage war das Leitmotiv des Geschichtserzählers Conte Corti in dessen Buch "Wenn" und wird in unseren Tagen wieder von dem Oxford-Professor Niall Ferguson und anderen populär gemacht. Einen "deutschen Sonderweg" hätte es vermutlich ebensowenig gegeben wie die neun Millionen Tote des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte hat einen anderen Verlauf genommen, weil eine Banalität, das Krebsleiden Friedrichs III., die Weichen anders stellte und an seiner Stelle sein Sohn Wilhelm II. dreißig Jahre an der Macht war. Die Geste einer Kranzniederlegung an einem Sonntagvormittag und ein paar liebevolle Ausstellungen werden dieser Tragik eigentlich nicht gerecht. | |
| In Schloß Babelsberg kann man zu dem Thema Vorträge hören. Sonntag, 12. August, 15 Uhr: Lesung aus den Briefen zwischen Victoria von Preußen und Queen Victoria. Sonntag, 9. September, 11 Uhr: Victoria in den Tagebüchern Friedrichs III.. Sonntag, 7. Oktober, 11 Uhr: Victoria und das Kunstgewerbemuseum in Berlin. Jeden Samstag um 15 Uhr findet eine Führung durch die Ausstellung im Schloß Babelsberg statt. | |
Text: Alexander von Schönburg
© Frankfurter Allgemeine Zeitung , 6.8.2001