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Aber in rückblickender Betrachtung hat der Reichskanzler den schwereren
Zacken: Die Kaiserin Friedrich und die Ungunst der historischen Stunde
Der hundertste Todestag der Kaiserin Viktoria, der Gemahlin Kaiser Friedrichs III., am morgigen Sonntag ist Anlaß einer Gedenkfeier in Potsdam, welche von der Deutsch-Englischen Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde Bornstedt in Potsdam ausgerichtet wird. Gleichzeitig findet auch in Kronberg, dem letzten Wohnsitz der Kaiserin Friedrich, auf Veranlassung der Hessischen Hausstiftung, eine Tagung über Leben und Werk Viktorias statt. Mit hundertjähriger Verspätung, so scheint es, wird der Kaiserin Friedrich, oder wie sie in ihrem engeren Lebensbereich genannt wurde, Vicky, jene Genugtuung zuteil, die ihr zu Lebzeiten verwehrt worden ist, nämlich als eine bedeutende Persönlichkeit der jüngeren deutschen Geschichte anerkannt zu werden. Erst nachdem Deutschland eine grundlegende Hinwendung zum Westen vollzogen und eine demokratische Gesellschaft aufgebaut hat, so lautet die These von Wolfgang J. Mommsen, wurde dies möglich. Für den Düsseldorfer Historiker ist die Idee eines deutschen "viktorianischen Zeitalters" als verpaßter Chance keine romantische Illusion, sondern eine Herausforderung an die kontrafaktische Phantasie der Geschichtswissenschaft. Die Entwicklungschancen des Kaiserreichs sind ein Lebensthema Mommsens seit seiner Dissertation über Max Weber und die deutsche Politik; 1993 legte er im Rahmen der Propyläen Geschichte Deutschlands den Band über die Epoche zwischen 1850 und 1890 vor. Der vergleichende Blick hinüber nach Großbritannien ist für den früheren Direktor des Deutschen Historischen Instituts London ebenso natürlich wie für Viktoria und ihren Gemahl. | |
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Viktoria, die älteste Tochter der britischen Königin Viktoria und ihres
Gemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, stand, seit sie am 25.
Januar 1858 den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm heiratete, für
eine Annäherung Großbritanniens und Preußen-Deutschlands, vor allem aber
für eine Umgestaltung der politischen Verhältnisse in Deutschland im
liberalen Sinne, und es gelang ihr, auch ihren Gatten für diese Linie zu
gewinnen. Die Auspizien standen anfänglich, so schien es wenigstens,
gut; Wilhelm I. selbst hatte 1858 den Beginn einer neuen liberalen Ära
in Preußen in Aussicht gestellt. Dann aber kam alles anders; mit der
Berufung Otto von Bismarcks auf dem Höhepunkt des Verfassungskonflikts
im Jahre 1861 beschritt die deutsche Politik einen anderen
Entwicklungspfad als den von der Kronprinzessin und Friedrich Wilhelm
sehnlich erhofften Weg einer behutsamen Liberalisierung Preußens und
Deutschlands. Bismarck setzte auf die Verteidigung der uneingeschränkten
Herrschaft der preußischen Krone gegenüber den fortschrittlichen Kräften
im Lande. Preußen-Deutschland beschritt nun jene Bahn, die unter dem
Stichwort des "deutschen Sonderweges" bekannt geworden ist und auf die
Errichtung eines halbkonstitutionellen Regiments hinauslief, das den
konservativen Eliten für mehr als zwei Generationen die
Schlüsselpositionen der Macht auslieferte und schließlich in der
Katastrophe der beiden Weltkriege endete.
Im nachhinein läßt sich mit guten Gründen argumentieren, daß eine gemäß den Ideen der Kaiserin Friedrich gelenkte deutsche Politik unendliches Unheil verhindert hätte. Die 1888 kurzzeitig aufflackernde, von ihr selbst kolportierte Idee, daß sie im Namen des sterbenskranken Friedrichs III. zur Regentin bestellt werden möge und womöglich über lange Jahre hinaus die Geschicke des Reiches lenken könnte, galt vielen Zeitgenossen als der schrecklichste des Schreckens. Heute denken wir darüber anders. Die kontrafaktische Überlegung, was geschehen wäre, wenn ihre starke, zugleich aber in sich ruhende Persönlichkeit zumindest im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts das Reichsschiff gesteuert hätte, ist faszinierend. Gewiß ist dies eine utopische Erwägung; das salische Erbrecht gab es in Deutschland, wie damals schon niemand anderes als Bismarck bemerkt hat, nicht, und die Widerstände in den Führungsschichten Preußens gegen die Person der Kaiserin waren zu groß, als daß es je dazu hätte kommen können. Aber die kontrafaktische Frage nach dem "Als-ob" mag als Schlüssel dienen, um die Geschichte des Deutschen Reiches vor dem Ersten Weltkrieg aus einer neuen Perspektive zu deuten. Wie groß waren die Chancen dafür, daß Preußen und Deutschland Ende der fünfziger Jahre nicht jene folgenreiche Abwendung von den westeuropäischen verfassungspolitischen Traditionen vollzogen hätten? Die Chancen für eine Entwicklung der politischen Verhältnisse im liberalen Sinne schienen niemals so gut wie bei Beginn der "Neuen Ära". Die liberalen Parteien im preußischen Abgeordnetenhaus drängten auf eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse. Sie strebten zwar nicht, wie man ihnen vielfach unterstellte, den Übergang zum Parlamentarismus an; dafür war die Zeit noch keinesfalls reif. Wohl aber wollten sie ein entschieden konstitutionelles Regime durchsetzen, das die Entscheidungen der Regierung nicht in erster Linie an die Mehrheitsverhältnisse im preußischen Haus der Abgeordneten, aber an die öffentliche Meinung band, die Grundrechte respektierte und den parlamentarischen Körperschaften uneingeschränkte Gesetzgebungsbefugnisse einschließlich des Budgetrechts einräumte. Für diese Politik eines maßvollen, die Eigenständigkeit der Krone nicht in Zweifel ziehenden Liberalismus, der zugleich Preußen die Führungsrolle in der deutschen Frage zuwies, gab es in der bürgerlichen Öffentlichkeit breite Unterstützung. Ebenso gab es eine Phalanx von Politikern, durchaus auch im Staatsdienst einschließlich der Diplomatie, die für eine solche Politik zur Verfügung gestanden hätte. Für einen deutschen Whiggismus waren die Voraussetzungen gegeben. Allein, an einem neuralgischen Punkt, nämlich beim uneingeschränkten Verfügungsrecht der Krone über das preußische Heerwesen, widersetzte sich Wilhelm I., der am 2. Januar 1861 auch formell die Herrschaft angetreten hatte, den liberalen Bestrebungen. Die Auseinandersetzungen über die Frage der dreijährigen Dienstpflicht und der damit verbundenen Zurückstufung der "Landwehr", die seit den Befreiungskriegen weithin als Symbol einer freiheitlich-bürgerlichen Ordnung angesehen wurde, führten zu einem offenen Verfassungskonflikt. Wilhelm I. betrachtete das Ansinnen des Abgeordnetenhauses, auf dem Wege über das Budgetrecht in die innere Organisation des preußischen Heeres einzugreifen, als untragbare Beschneidung seiner Prärogativen, während die Liberalen umgekehrt die von dem Kriegsminister von Roon betriebenen Pläne einer Heeresreform als Militarisierung der bürgerlichen Gesellschaft betrachteten und nicht zuletzt auch aus ökonomischen Gründen - der Belastung der Wirtschaft durch eine erneute Verlängerung des Wehrdienstes - bekämpften. Aus einer Sachfrage wurde eine Grundsatzfrage, nämlich der angeblich unüberbrückbaren Alternative eines königlichen oder eines Parlamentsheeres. Damit kam die Politik der "Neuen Ära" zu einem abrupten Ende. Nachdem sich Wilhelm I. anfänglich mit Rücktrittsabsichten getragen hatte, wurde mit der Berufung Bismarcks zum leitenden Minister ein Konfliktkurs eingeleitet, der die Erhaltung der uneingeschränkten Machtstellung der Krone und die Niederkämpfung der Opposition im Abgeordnetenhaus, notfalls auch mit außerverfassungsmäßigen Mitteln, zum Ziel hatte. Um die einhellige Unterstützung der großen Mehrheit der Presse für den Kurs der Liberalen zu brechen, ging Bismarck schließlich so weit, durch eine Preßordonnanz vom 1. Juni 1861 die Pressefreiheit zu beschränken, unter Bruch des geltenden Verfassungsrechts. Der Konflikt zwischen der liberalen Mehrheit, die einstweilen auch durch Parlamentsauflösungen nicht erschüttert werden konnte, war nunmehr unüberbrückbar geworden. Damit aber war auch die Stellung des Thronfolgers berührt. Unter dem Einfluß von Viktoria hatte sich Friedrich Wilhelm von den Verhältnissen in Großbritannien beeindrucken lassen. Hier bestand ein parlamentarisches Regiment bei zugleich allseitiger Akzeptanz der Krone, das politische Stabilität, wirtschaftliches Wachstum sowie einen fairen Ausgleich der sozialen Konflikte garantierte. In jeder Hinsicht, so stellte sich dies den Zeitgenossen dar, stand Großbritannien unter der Herrschaft der Königin Viktoria an der Spitze der zivilisierten Welt. Viktoria schwebte vor, daß ihr Gatte in Preußen und Deutschland künftig eine ähnlich glanzvolle Rolle einnehmen möge wie ihr geliebter Vater, Prinz Albert, der den Kronprinzen übrigens sehr geschätzt hatte. Es wäre freilich ein Irrtum zu glauben, daß Friedrich Wilhelm unter dem Einfluß von Viktoria zu einem unbeschränkten Anhänger eines parlamentarischen Systems geworden wäre; er distanzierte sich wiederholt von radikalen Ansichten des linken Liberalismus, und im Grundsatz wollte auch er von einer der unumschränkten Verfügungsgewalt der Krone entzogenen Armee nichts wissen. Er erklärte sich Bismarck gegenüber im Grundsatz als Anhänger der Armeereform, wünschte aber eine einvernehmliche Lösung, notwendigenfalls durch ein Nachgeben der Krone in der Frage der Dienstpflicht; die zweijährige Dienstpflicht erschien ihm notfalls als akzeptabel, jedenfalls aber sollte ein Durchpeitschen der Reform gegen das Abgeordnetenhaus vermieden werden. Eine "so tief eingreifende, weitreichende Maßregel" könne und dürfe "ohne den guten Willen des Landes nicht eingeführt werden". "Offener Verfassungsbruch" gehöre für ihn "zu den Undenkbarkeiten". Es war dies eine gut englische Maxime. Als dann Bismarck mit den Preßordonnanzen den ersten Schritt vollzog, der sich über das geltende Verfassungsrecht hinwegsetzte, sah sich der Kronprinz, innerlich widerstrebend, veranlaßt, sich in einer Ansprache in Danzig auch öffentlich von der Politik Bismarcks zu distanzieren. Friedrich Wilhelm tat dies freilich in äußerst gemäßigter Form, sehr zur Enttäuschung der Liberalen. Die Kronprinzessin hatte ihren Mann gedrängt, in aller Öffentlichkeit Stellung zu nehmen. Hinter diesem Schritt stand die aus der englischen Verfassungstradition abgeleitete Einsicht, daß es politisch gefährlich sei, wenn sich die Krone in offenen Gegensatz zum Parlament und zur öffentlichen Meinung setze. Der Kronprinz wollte die Krone nicht durch einen Verfassungskonflikt, der zu revolutionären Konsequenzen führen könnte, aufs Spiel gesetzt sehen. Er war insbesondere über die Stimmung in Süddeutschland beunruhigt; selbst ruhige Beobachter sagten, wie er meinte, eine Revolution voraus. Zudem wurden die "moralischen Eroberungen", die Preußen in Deutschland gemacht hatte, durch den Konfliktkurs Bismarcks wieder verspielt. Man wird immerhin sagen können, daß, wenn nicht die außenpolitischen Verwicklungen Bismarck in der Folge einen glanzvollen Ausweg aus der Krise eröffnet hätten, die Dinge auch ganz anders hätten ausgehen können. Dahinter aber stand die grundsätzlichere Erwägung, daß nur eine Politik, die sich im Einklang mit den großen Tendenzen der Epoche befand, auf Dauer Stabilität gewährleisten könne. Langfristig gesehen, hat sich ebendies als richtig erwiesen; die Abwendung von dem bereits begangenen Entwicklungspfad hin zu einer aufrichtig konstitutionellen Regierungsweise, die den Bedürfnissen einer politisch aktivierten Nation entsprochen haben würde, hat in der Tat am Ende zum Zusammenbruch des Kaiserreiches geführt. Kurzfristig gesehen, beruhte die Analyse Friedrich Wilhelms und Viktorias, daß der Verfassungskonflikt womöglich revolutionäre Konsequenzen haben würde, jedoch auf einer Fehleinschätzung der Verhältnisse in Preußen und Deutschland. Die Stellung der Fortschrittspartei im Lande war keineswegs so stark und so unangefochten, wie die aufgrund des Dreiklassenwahlrechts erreichten großen Mehrheiten im Abgeordnetenhaus es anzuzeigen schienen, und auch die nahezu unumschränkte Unterstützung der veröffentlichten Meinung war weniger aussagekräftig, als man meinen sollte. Die konservative Parteibewegung auf dem Lande in Gestalt der Volksvereine formierte sich als effektive Gegenkraft, obschon sie auf parlamentarischem Felde zunächst nicht zum Zuge kam. In gewissem Sinne hatte Bismarck recht, wenn er beanspruchte, daß die Meinungen im Parlament keineswegs jener der Mehrheit der Bevölkerung entsprächen. Nicht zufällig hat Bismarck schon damals, auf die konservative Gesinnung der Massen setzend, mit der Idee der Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten (wenn auch nicht notwendigerweise geheimen) Wahlrechts gespielt, um die liberale Mehrheit im Abgeordnetenhaus auszuhebeln. Das öffentliche Hervortreten des Kronprinzen in seiner Danziger Rede war von der Erwägung bestimmt worden, daß es notwendig sei, seiner Anhängerschaft zu signalisieren, daß sie weiterhin fest auf seine Gunst würde rechnen können. In der Tat kam es auch für Viktoria darauf an, die stattliche Zahl der Anhänger des Kronprinzen zusammenzuhalten, auch wenn vorderhand keine andere Möglichkeit gegeben schien, als sich aus dem Tagesgeschäft konsequent herauszuhalten, eine politische Strategie, welche dem Kronprinzenpaar durch Max Duncker nahegelegt wurde, der, teilweise auf Umwegen agierend, eine bedeutende beratende Funktion innehatte. Bei Lage der Dinge gelang es jedoch nicht, auf die Gruppe der Parteigänger des Kronprinzen, die in sich sehr inhomogen war, kontinuierlich einzuwirken. Hier machte sich vielmehr große Enttäuschung über den Kronprinzen breit, von dem man ein entschiedeneres Vorgehen erwartet hatte. Am schärfsten urteilte Hermann Baumgarten, der im Mai 1863 an Heinrich von Sybel schrieb: "Nach allem, was ich höre, muß ich ihn für unfähig halten, in großen Dingen irgend etwas zu leisten. Er ist offenbar ebenso unbedeutend an Geist wie an Charakter. Ich habe lange aufgehört, von ihm das Geringste zu erwarten." Dies war gewiß zu harsch geurteilt, aber richtig ist, daß Friedrich eine eher ängstliche, zögerliche Persönlichkeit gewesen ist. Seine Gemahlin mußte ihn immer wieder nach vorn schieben. Aber umgekehrt gilt das gleiche, daß nämlich die schwache politische Basis ebenjenes gemäßigten Liberalismus, den vor allem seine Gegner damals die "Kronprinzenpartei" nannten, ein energischeres Auftreten des Kronprinzen nicht ratsam machte. "Die ruhige, zuverlässige liberale Partei hier in Deutschland", die sich Viktoria als Rückhalt für die künftige fortschrittsorientierte Politik ihres Mannes wünschte, war nicht vorhanden; der linke Flügel der "Fortschrittspartei" entfernte sich im Zuge des Verfassungskonflikts von jenem gouvernementalen, whiggistischen Liberalismus, wie ihn sich der Kronprinz und seine Gemahlin wünschten. Während des Deutsch-Französischen Krieges und der Phase der Reichseinigung eröffneten sich für den Kronprinzen neue Möglichkeiten. Er setzte sich für eine zügige Reichseinigung ein, vor allem unter Einbeziehung der süddeutschen Staaten, denen gegenüber er eine forschere Gangart für richtig hielt, als sie Bismarck damals einschlug. Sein Ansehen als Vorkämpfer eines deutschen Kaisertums, im Unterschied zu Wilhelm I., der den Titel eines deutschen Kaisers zunächst ablehnte, wurde gestärkt. Der Kronprinz war überzeugt, daß, sofern nicht als Ergebnis der furchtbaren Opfer des Deutsch-Französischen Krieges eine die nationalen Erwartungen der Deutschen befriedigende Lösung der deutschen Frage kommen werde, das bestehende politische Regiment von einer demokratischen Flutwelle hinweggeschwemmt werden würde, und erging sich in Klagen über den Kleinmut der preußischen Beamtenschaft. Selbst Bismarck sprach er "eine wahre Begeisterung für die deutsche Frage" ab. Friedrich Wilhelm erwartete für die Zukunft "eine Monarchie, welche freisinnig im wahren Sinne des Wortes den Zeitfragen und -forderungen gegenübertritt und durch sofortige Einführung einer freien Gemeindeverwaltung sowie durch Beteiligung der Laien an der Ordnung der Kirche ihrer Gesinnung das Siegel aufdrückt". Das "wiedererstandene Reich" müsse "an Haupt und Gliedern reformiert und frei von jeglichem Zusammenhange mit den Prinzipien und Gewohnheiten des weiland 'Heiligen Römischen Reiches' sein". Friedrich Wilhelm und Viktoria gerieten freilich sogleich wieder ins Abseits, weil sie die Handhabung der Augustenburger Frage durch Bismarck mißbilligten und für die Errichtung eines selbständigen Bundesstaates Schleswig-Holstein unter dem Herzog von Augustenburg eintraten, während Bismarck von vornherein die Einverleibung der Herzogtümer in Preußen anstrebte. Der Kronprinz und Viktoria strebten eine legitimistische Lösung an, die zugleich mit den herkömmlichen Zielsetzungen der deutschen Nationalbewegung übereinstimmte. Hier spielten Einflüsse seitens der britischen Krone ihre Rolle. Jedoch kann im nachhinein kein Zweifel darüber bestehen, daß die Annexion durch Preußen auf längere Sicht gesehen die politisch nachteiligere Lösung gewesen ist, zumal sie ohne Not die seit 1849 in den Herzogtümern etablierte konstitutionelle Regierungsform durch das halbautoritäre preußische Regierungssystem ersetzte. Immer länger zog sich das Warten auf den Thronwechsel hin. Die meisten Verbindungen zu den großen Persönlichkeiten des Liberalismus rissen ab, zumal die Hofbeamten im Neuen Palais durch konservative Gefolgsleute des Kanzlers ersetzt wurden. Karl Schrader beklagte im August 1884, er habe Friedrich Wilhelm und auch die Kronprinzessin "schon länger nicht mehr gesehen". Selbstkritisch bemerkte Schrader allerdings auch, daß die Nationalliberalen gegenwärtig "dem künftigen Herrscher nicht das" böten, "woran ihm vor allen Dingen gelegen sein" müsse, "eine starke, zur Übernahme der Regierung befähigte und von dem Vertrauen der Bevölkerung getragene Partei". Die Auseinandersetzungen über Bismarcks Schutzzollpolitik führten zum Auseinanderbrechen der Gesamtbewegung des Liberalismus. In der Nationalliberalen Partei mehrten sich die Tendenzen, unter Aufgabe der eigenen Prinzipien Frieden mit Bismarck zu schließen und sich der Öffentlichkeit erneut als die eigentliche Partei Bismarcks darzustellen. Viktoria äußerte erbittert: "Das deutsche Volk hat seinen Sinn für die Freiheit verloren." Gegen die seit 1881 aufflammende antisemitische Agitation protestierte der Kronprinz tapfer, aber ohne wirklichen Effekt. Der älteste Sohn des kronprinzlichen Paares, Prinz Wilhelm, distanzierte sich von seinen Eltern und deren innenpolitischen Überzeugungen. Die Bemühungen, ihm ebenso wie den anderen Prinzen eine bürgerliche, nicht im engeren Sinne aristokratische Erziehung zuteil werden zu lassen, hatten die erwünschte Wirkung verfehlt. Viktoria hingegen geriet wegen ihrer englischen Herkunft und ihrer Bekenntnisse zu Großbritannien immer stärker in ein kritisches Licht. Tatsächlich war das Kronprinzenpaar zunehmend von den politischen Vorgängen in Deutschland abgeschnitten und vielfach nur oberflächlich informiert. Traditionell nahm die Kronprinzessin vor allem an der Außenpolitik Anteil, die in ihrer Korrespondenz mit Königin Viktoria großen Raum einnimmt. Sie orientierte diese über den deutschen Standpunkt in Fragen gemeinsamen Interesses, doch ohne über intimere Kenntnis der Vorgänge zu verfügen. In der spanischen Thronfolgeaffäre, die den Deutsch-Französischen Krieg auslösen sollte, teilte sie ziemlich naiv die offizielle Linie Bismarcks, daß Leopold Hohenzollern zwar ein deutscher Fürst sei, aber die Regierung mit seinen Entschlüssen nicht das geringste zu tun habe. Das Verhältnis zu Bismarck war ohnehin so schlecht, daß dieser nicht im Traum daran dachte, das Kronprinzenpaar mehr als unvermeidlich in die außenpolitischen Geschäfte einzuweihen. Im Gegenteil, im März 1885 hielt er es gar für notwendig, in einer Reichstagsrede Viktoria in kaum verhüllter Form der schädlichen Einmischung in die auswärtigen Beziehungen zu beschuldigen. Es ist richtig, daß Viktorias Sympathien mit ihrem Geburtsland ungebrochen waren, aber es war doch ganz unzutreffend, ihr zu unterstellen, daß sie die Interessen Deutschlands hinter jenen Großbritanniens zurückgesetzt habe. Allenfalls teilte sie mit Königin Viktoria, aber auch mit einem großen Teil der deutschen Linken, eine tiefe Abneigung gegenüber dem zaristischen Rußland. Ihr großes Ideal war es, Großbritannien und das Deutsche Reich gemeinsam operieren zu sehen. Während des Deutsch-Französischen Krieges erklärte sie einmal mit ungewöhnlicher Direktheit: "Wie ruhmreich wäre es, wenn die Engländer uns zu unserem Sieg verhelfen würden, und wenn unsere beiden Nationen noch einmal wie in den großen alten Tagen Seite an Seite auf dem Feld der Ehre stünden." In der orientalischen Krise von 1877/78 plädierte sie wiederholt für ein gemeinsames Vorgehen des Deutschen Reiches und Großbritanniens, und sie beurteilte Bismarcks Strategie, ohne nähere Informationen zu haben, bemerkenswert zutreffend. Allerdings wurde Viktorias außenpolitisches Urteil in der Folge schwer beeinträchtigt durch ihre ebenso impulsive wie unnachgiebige Verfolgung des Heiratsprojekts ihrer Tochter Moretta mit dem Prinzen Alexander von Battenberg, der 1885 als placeman der zaristischen Regierung den bulgarischen Thron bestiegen hatte, den er dann aber schon im September 1887 unter russischem Druck wieder verlassen mußte. Gegen die Heirat einer Hohenzollernprinzessin mit dem Battenberger führte Bismarck sogleich schwerstes diplomatisches Geschütz ins Feld, weil er befürchtete, daß dies zu einer schweren Belastung des deutsch-russischen Verhältnisses führen müsse. Viktorias Argwohn, daß sie systematisch bespitzelt und in der Presse gegen sie polemisiert werde, hatte einen berechtigten Kern. Nachdem Bismarck alles getan hatte, um alle politischen Persönlichkeiten, welche potentiell einem künftigen, gemäßigt-liberalen Kabinett des Kronprinzen hätten angehören können, auszuschalten oder, wie Robert von der Goltz, regelrecht zu zerstören, mangelte es dem Kronprinzen und seiner Gemahlin an verläßlichen Vertrauensmännern. Von einer "Kronprinzenpartei" im engeren Sinne des Wortes konnte schon seit Anfang der achtziger Jahre nicht mehr die Rede sein. Die schwere Erkrankung Friedrichs an Kehlkopfkrebs tat ein übriges, um die politischen Optionen des Kronprinzen und Viktorias noch weiter zu beschneiden. Dies trat schlagartig zutage, als der todkranke Friedrich Wilhelm am 9. März 1888 dann doch noch die Nachfolge Kaiser Wilhelms I. antrat. Was so lange Gegenstand sehnlichster Erwartungen gewesen war, trat nun unter Umständen ein, welche bedrückender nicht hätten sein können. Friedrich III. konnte Bismarck nicht entbehren, und er hätte auch nicht die geringste Chance gehabt, dessen Abdankung zugunsten eines liberalen Politikers zu erzwingen. Faktisch fiel nun, zumal er seine Wünsche und Vorstellungen nur mühsam und in schriftlicher Form äußern konnte, der Kaiserin Viktoria eine Schlüsselfunktion zu. Aber ihr waren weitgehend die Hände gebunden, und selbst die Kommunikation mit ihren engsten Beratern, insbesondere Ludwig Bamberger, mußte inkognito und durch Vermittlung von Frau von Stockmar erfolgen. Der Aufruf "An mein Volk" des neuen Kaisers, der bereits 1884 formuliert worden war, sprach von seinen Zielen in höchst allgemeinen Formulierungen. Es sei sein Bestreben, Deutschland zu einem Hort des Friedens zu machen und in Übereinstimmung mit den verbündeten Regierungen sowie den verfassungsmäßigen Organen des Reiches wie Preußen, die Wohlfahrt des deutschen Landes zu pflegen. Der gleichzeitige Erlaß an den Reichskanzler war sehr huldvoll gehalten; nur in der Betonung des Wunsches, daß keinerlei Veränderungen der verfassungsrechtlichen Verhältnisse stattfinden sollten, war eine Richtung vorgegeben, die man antibismarkisch lesen konnte. Aber insgesamt konnte auch Bismarck mit diesen Erklärungen Friedrichs III. gut leben. Es blieb bei wenigen symbolischen Schritten, welche die politische Richtung des Kaiserpaars signalisierten, aber rückwärtsgewandt waren, so die Verleihung von Orden an prominente liberale Persönlichkeiten wie Max von Forckenbeck und Rudolf Virchow, welche beide keine aktive Rolle in der Nationalliberalen Partei mehr spielten. Eine Richtungsänderung der deutschen Politik unterblieb. Mehr noch, Viktoria wurde nun unterstellt, den todkranken Monarchen zu politischen Entscheidungen gezwungen zu haben, die nicht seinen eigenen Vorstellungen entsprachen. Vor allem aber brach eine Kampagne in Sachen der medizinischen Behandlung Friedrichs III. los, die Viktoria vorwarf, daß sie infolge ihrer einseitigen Bevorzugung des englischen (genauer schottischen) Arztes Sir Morell Mackenzie gegenüber den deutschen Fachleuten für den vorzeitigen Tod Kaiser Friedrichs III. verantwortlich sei. Die Ressentiments gegen die "Engländerin" auf dem kaiserlichen Thron, der man nicht trauen könne und die jederzeit fähig sei, Landesverrat zu begehen, erlangten eine neue, destruktive Qualität. Am schlimmsten war, daß sich ihr eigener Sohn Wilhelm II. an die Spitze dieser Kritik stellte. Er schrieb am 12. April 1888 an Philipp Eulenburg, "daß unser Familienschild befleckt und das Reich an den Rand des Verderbens gebracht ist durch eine englische Prinzessin, die meine Mutter ist, das ist das allerfurchtbarste". Der Tod Friedrichs III. setzte der Kampagne gegen Viktoria keineswegs ein Ende. Auch ihre Bemühungen, das Werk ihres Gemahls auf sozialpolitischer Ebene fortzusetzen und damit das Ansehen Friedrichs III. zu erhalten, hatten jedenfalls zunächst keine Breitenwirkung. Im Rückblick urteilte Viktoria bitter über ihren aussichtslosen Kampf: "Warum standen wir denn gewissermaßen in der Opposition? Weil unser Patriotismus die Größe unseres Vaterlandes verbunden sehen wollte mit dem edlen Sinn für Recht, Moralität, für Freiheit und Kultur, für Selbständigkeit des Individuums, für die Hebung des einzelnen als Mensch und als Deutscher, Europäer und Weltbürger." Kurzfristig gesehen, lief die Kritik Viktorias an der unkritischen Bismarck-Verehrung und dem mangelnden Freiheitssinn der Deutschen ins Leere; in langfristiger Betrachtung hat sie sich als nur zu richtig erwiesen. | |
Text: Wolfgang J. Mommsen
© Frankfurter Allgemeine Zeitung , 4.8.2001