| Vor 100 Jahren starb Victoria, die Frau des 99-Tage-Kaisers Friedrich III. | |
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Die englische Königin Elisabeth II. stand schon 1992
im Mausoleum an der Potsdamer Friedenskirche am Grab von Victoria. Prinz
Charles wird am Sonntag in der Friedenskirche beim Festakt zum 100.
Todestag von Victoria nur virtuell zugegen sein: Er wird per Video ein
paar Worte des Gedenkens sprechen. Das ist bedauerlich, denn in
Victoria, die den preußischen Kronprinzen heiraten sollte, der als
Kaiser Friedrich III. für neunundneunzig Tage auf den Thron kam, haben
die deutsch-britischen Beziehungen eine Symbolfigur, deren trauriges
Dasein ein wenig mehr nachträgliche Beachtung verdient hätte.
Auf der Weltausstellung 1851 in London lernte die Princess Royal Victoria ihren Traummann kennen, den damals zwanzig Jahre alten preußischen Prinzen Friedrich Wilhelm. Am 20. November 1840 hatte sie als erstes Kind (acht weitere sollten folgen) von Queen Victoria und Prinzgemahl Albert aus dem Hause Sachsen-Coburg-Gotha das Licht der königlichen Welt erblickt. Sie wurde für ungewöhnlich begabt gehalten und hatte in ihrem Vater den größten Bewunderer: "Der stolze Albert indes befand, Vicky habe den Kopf eines Mannes und das Herz eines Kindes. Mit ihr konnte er reden, ihr bisweilen sogar das Herz weiter öffnen als seiner Ehefrau: Vicky war gewissermaßen Alberts Alter ego", so schreibt die Biographin Karin Feuerstein-Praßner. Nicht ohne dynastische Hintergedanken und gründlich vom Vater über technische Details der zahlreichen Ausstellungsobjekte vorbereitet, übernahm das zehn Jahre alte Mädchen die Aufgabe, den Prinzen "Fritz" durch die Ausstellung in London zu führen. Bei all der modernen Technik funkte es zwischen den Königskindern so stark, daß nach Jahren der Brieffreundschaft und einem ersten Wiedersehen auf Schloß Balmoral im Herbst 1855 dann nach Vickys Konfirmation am 17. Mai 1856 die Verlobung offiziell bekanntgegeben werden durfte. Die Hochzeit fand am 25. Januar 1858 in der Kapelle des St. James Palace statt. Es war ein rauschendes Fest. Beide waren das, was man heute ein Traumpaar nennt: Vicky und Fritz. Nach den Flitterwochen auf Schloß Windsor kam der Abschied von der Heimat am 2. Februar 1858. In einer achtspännigen Staatskarosse fuhr das Paar eine Woche später durch das Brandenburger Tor, um Unter den Linden von den Berlinern herzlich begrüßt zu werden. Aber in Preußen empfingen Victoria auch Schneesturm, ein dunkles, kaltes Schloß, abweisende Menschen und eine düstere Lebensweise, in der es weder Bad noch Wasserklosett gab; gewisse Verrichtungen wurden im Schloß von Soldaten beiseite gebracht. Die preußisch-deutschen Zustände sollten auch in Zukunft für Victoria ein Graus sein, weshalb umgekehrt viele Preußen sie nicht mochten und sie nur "die Engländerin" nannten. Bismarck gar sagte einmal, er halte sie für eine englische Spionin. Eine herzliche Abneigung verband sie übrigens mit dem Kanzler, wie zum Beispiel die Anekdote vom Wasserglas bezeugt: Victoria ließ sich in einer Gesellschaft von Bismarck ein Wasserglas bringen, hob es empor und sagte, so viele Tränen, wie in dieses Glas gingen, habe sie schon über den Ministerpräsidenten geweint. Die englische Königintochter war jetzt Frau des preußischen Kronprinzen, nach der Reichsgründung von 1871 sogar eines künftigen deutschen Kaisers. Da hieß es natürlich erst einmal, die dynastischen Pflichten zu erfüllen. Aus der glücklichen Ehe gingen in schneller Folge acht Kinder hervor: Wilhelm (1859), Charlotte (1860), Heinrich (1862), Sigismund (1864, er starb zwei Jahre später), Viktoria (1866), Waldemar (1868, er wurde nur elf Jahre alt), Marie (1870) und Margarethe (1872). Das jeweils jüngste Kind war ihr immer das Liebste, und für den ältesten Sohn schämte sie sich seit dessen Geburt. Er geriet nicht nach ihren Vorstellungen von Perfektion: "Willy" tat die ersten Atemzüge erst nach mehreren Wiederbelebungsversuchen des Arztes und war behindert. Bei der Geburt wurde sein Schultergelenk so verletzt, daß der linke Arm fortan nur verkümmert wuchs und kürzer blieb als der rechte. Der Kleine mußte unzählige Experimente über sich ergehen lassen: Der kranke Arm wurde in das Blut von frisch geschossenen Hasen gesteckt, elektrisiert und in Maschinen gestreckt. Nichts half, so daß dem Erwachsenen am linken Arm im Vergleich zum rechten vierzehn Zentimeter fehlten. Sigmund Freud behauptete in den dreißiger Jahren, daß Vicky "dem Kind die Liebe wegen des Gebrechens entzogen" habe. Außerdem hielt sie den in manchen Bereichen überdurchschnittlich begabten Sohn für dumm und ließ das in selbstmitleidigen Briefen Queen Victoria wissen.< Aber auch das preußische Lebensumfeld, das sie für durch und durch reaktionär hielt, nahm Victoria nicht an: "Ihre ans Attitüdenhafte grenzende Anglophilie übertrug sich in höchst gebrochener Form auf den ältesten Sohn, insofern Wilhelm II. zeitlebens in einer Art Haßliebe zwischen echter Bewunderung für englische Lebensweise und ebenso echter Abneigung gegen das von beiden Eltern bevorzugte britische Modell des Parlamentarismus oszillierte", wie Frank-Lothar Kroll schreibt. Im Dezember 1861 verlor Victoria ihren über alles verehrten Vater Albert, der im Alter von erst 42 Jahren an Typhus starb. Wenige Monate später trug sich während des preußischen Heeres- und Verfassungskonflikts Wilhelm I. im März 1862 mit dem Gedanken abzudanken und die Krone seinem Sohn Friedrich Wilhelm zu übergeben, der "noch keine geschichtliche und bindende Vergangenheit" habe. Diese Chance seines Lebens nahm der Thronfolger nicht an, der ganz im Gegensatz zu seiner Frau keine Kämpfernatur war. Ein gutes Jahr später war es die starke Frau Victoria, die ihren schwachen Mann dazu trieb, ein erstes und einziges Mal gegen den väterlichen Monarchen öffentlich Stellung zu beziehen. Nachdem am 1. Juni 1863 Otto von Bismarck - aus Victorias Sicht stets "der böse Mann" - im Namen des Königs die verfassungsmäßig garantierte Pressefreiheit aufgehoben hatte, wagte Friedrich Wilhelm bei einem Besuch in Danzig am 5. Juni 1863 die Erklärung: "Auch ich beklage, daß ich zu einer Zeit hergekommen bin, in welcher zwischen Regierung und Volk ein Zerwürfnis eingetreten ist ... Ich habe von den Verordnungen, die dazu geführt haben, nichts gewußt. Ich war abwesend. Ich habe keinen Teil an den Ratschlägen gehabt, die dazu geführt haben." Stolz schrieb die Berliner Victoria später an die Londoner Victoria: "Ich tat, was ich tun konnte, um Fritz zu bewegen, dies zu tun ..." Dieser Versuch einer liberalen Profilierung scheiterte allerdings gründlich, hätte fast die Enterbung zur Folge gehabt und führte schließlich dazu, daß sich der Kronprinz in der Zukunft ganz auf militärische und repräsentative Aufgaben beschränkte. Nach der Schlacht von Sedan zum Generalfeldmarschall befördert, inszenierte er die Kaiserproklamation seines Vaters im berühmten Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. Der oft depressive Regent im Wartestand und die nicht nur von Bismarck mißtrauisch beäugte "Engländerin" Victoria, die ihre Erfüllung beim Malen und Zeichnen, bei der Förderung von sozialen Vereinen und beim Ausbau der Berliner Museen finden mußte, konnten im Jahr 1887 im Kreise ihrer Familien zwei große Feiern begehen: Kaiser Wilhelm wurde 90 Jahre alt, Queen Victoria beging ihr fünfzigjähriges Thronjubiläum. In jenem Jahr brach allerdings auch der zunächst falsch diagnostizierte Kehlkopfkrebs Friedrich Wilhelms aus. Am 3. November reiste das Kronprinzenpaar nach San Remo, damit der preußische Patient im milden Klima Linderung erführe. Die tödliche Krankheit ließ sich nun nicht mehr geheimhalten, so daß der uralte Kaiser am 17. November verfügte, daß Enkel Wilhelm "in Anbetracht der Wechselfälle Meiner Gesundheit" als Vertreter - etwa bei der Leistung dringender Unterschriften - zu fungieren habe. Trotzdem sollte Friedrich Wilhelms kaiserliche Stunde noch schlagen, denn am 9. März 1888 starb Vater Wilhelm. Nur 99 Tage verblieben dem Todgeweihten, der nicht mehr sprechen und sich nur mit Zetteln verständigen konnte. Die politischen Erwartungen an ihn, der als aufgeklärter, liberaler Geist galt, waren hoch. Seine Ehefrau hatte aus England die Idee einer konstitutionellen Monarchie mitgebracht. Aber auch dem Kunstgewerbe in Preußen verhalf sie nach englischem Vorbild zu einem Aufschwung. Vicky wurde sogar zu einer Art früher Frauenrechtlerin. Umgekehrt verhalf sie Humboldts Idee von der Universität in London zum Durchbruch. Das Kronprinzenpaar lebte in Potsdam auf dem Krongut in Bornstedt gleich hinter Sanssouci und machte daraus ein Mustergut, ebenfalls nach englischem Vorbild. In der DDR-Zeit war dieses Gut bis zur Unkenntlichkeit verändert und zerstört, zurzeit wird es in der Pracht der nachempfundenen italienischen Renaissance wiederhergestellt. Restauriert wird ebenso die dem Gut schräg gegenüber liegende Bornstedter Kirche, die von Victoria ebenfalls unterstützt worden war. Nur 99 Tage verblieben dem Todgeweihten, dann starb er an seiner schweren Krankheit am 15. Juni 1888 frühmorgens im Neuen Palais in Potsdam, das vom kaiserlichen Paar in "Friedrichskron" umbenannt worden war. Beim Tode des Kaisers, der so gern als eine Art liberaler Friedrich der Große in die Geschichte eingegangen wäre, war sein Sohn und Nachfolger, Wilhelm II., gegenüber der eigenen Mutter so mißtrauisch, daß er das "Sterbeschloß" von Soldaten hermetisch abriegeln ließ. Er fürchtete - übrigens zu recht, aber zu spät -, daß Papiere seines toten Vaters nach England entsorgt werden könnten. "Vicky" sagte damals über ihren "Fritz": "Ich verschwinde mit ihm. Meine Aufgabe war, bei ihm, für ihn und sein liebes Volk dazusein. Sie liegt in demselben Grabe, in das er heute gesenkt werden wird." Zerstritten mit dem Sohn, der Schwiegertochter und der Schwiegermutter, zog sich Victoria, die sich fortan zum Gedenken an ihren Mann "Kaiserin Friedrich" nannte, nach Kronberg im Taunus zurück. Ihren Alterssitz - wer wird sich darüber wundern - nannte sie "Schloß Friedrichshof". In Kronberg starb sie im Alter von 61 Jahren am 5. August 1901 - nur wenige Monate nach ihrer Mutter Queen Victoria - nach einem Reitunfall. Überführt nach Potsdam, wurde sie an der Seite ihres Mannes und ihres Sohnes Waldemar im Mausoleum der Friedenskirche beigesetzt. Victorias Ruhm auch noch hundert Jahre nach ihrem Tod ist der Ruhm aus der Möglichkeitsform. Was wäre geworden, hätte sie an der Seite Friedrichs III. länger regieren dürfen? Wie hätten sich die deutsch-britischen Beziehungen entwickelt? Hätte es den Wilhelminismus und sein unrühmliches Ende dennoch gegeben? Das Museum Schloß Fasenerie in Eichenzell bei Fulda und das Schloß von Babelsberg in Potsdam, das einige Zeit nicht zugänglich gewesen war, zeigen zurzeit Ausstellungen über die Kaiserin, auch mit Tagungen wird ihrer gedacht. Schloß Fasenerie würdigt die Künstlerin, Schloß Babelsberg, wo das eben vermählte Paar seinen ersten fröhlichen preußischen Sommer verlebte, erzählt vom Leben und Umgang Victorias. | |
Text: Frank Pergande und Rainer Blasius
© Frankfurter Allgemeine Zeitung , 4.8.2001