Mobbing im Königshaus

Kaum jemand litt so sehr unter den Hohenzollern wie die in diesen Tagen gefeierte Victoria  
Victoria, genannt Vicky, starb am 5. August vor hundert Jahren. Ihre Mutter war Victoria, die Königin von England, gewesen, ihr Vater Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Ihr Mann und ihr ältester Sohn wurden der zweite und der letzte Throninhaber im Sinn des Reichsgründers Bismarck. Ihn selber, den preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Kanzler, hatte sie frühzeitig als ihren Gegner erkannt, der die englische Heirat mißbilligte, aber tolerieren mußte. Welchen Grund hätte er nennen sollen, um die Kronprinzessin zu befeinden, die während ihrer ersten zehn Ehejahre sieben Kinder zur Welt brachte? Sie kam ihren Pflichten nach, verhielt sich gegen Preußen loyal, war gut zu den Künsten und Künstlern und konnte selber akademisch korrekt malen und bildhauern, aber machte daraus keinen Kult.

Vicky wurde von den Deutschen mit Mißtrauen betrachtet. Man sah in ihrer Person ein Verhängnis für das heimische Königshaus, als sich die Schicksalsschläge mehrten: Das erstgeborene Kind mit den unheilbaren Geburtsschäden, die Entfremdung zwischen dem alten König und seinem Erben, später die Erkrankung des Thronfolgers, das Tauziehen der deutschen und englischen Ärzte, die widersprüchlichen Beurteilungen und Behandlungen des Kehlkopfgeschwürs, schließlich die Bekleidung des Todeskandidaten mit der Kaiserwürde, während der Sohn in manischer Ungeduld schon die Rolle Wilhelms II. probte.

Was stellte die deutschblütige Engländerin auf der Bildfläche dar? "My hideous self" nannte sie ihre Fotografie: "Mein hassenswertes Ich". Max Harden, gefürchteter Journalist und vormals Getreuer des Altkanzlers, eröffnete seinen Nachruf mit einem Trommelwirbel: "Wie von den Eisgipfeln einer fremden Tragödienwelt wehte die Botschaft her, des Deutschen Kaisers Mutter müsse nun, müsse sterben." Warum das Pathos? Die Witwe, Kaiserin Friedrich genannt, tritt in der Schilderung antikenhaft als die Verliererin auf. Ihr ist nicht nur der Mann gestorben, sondern mit ihm wurde ihr auch die Macht entrissen. Der Gebrauch, den sie von ihr machen wollte, war dem Wilhelminismus ihres Sohnes entgegengesetzt: "Schon die Kronprinzessin fühlte den Gegenwind und trieb ihren Mann zum strengsten Tadel der antisemitischen Bewegung. Denn der Boden, der unter diesem Rückschritt dröhnte, war auch für sie gefährlich. Sie durfte nicht dulden, daß der Deutsche nach seiner Abstammung gefragt und gewogen werde. Sie wollte englisch sein und bleiben und sah selbst mit geschlossenen Augen die Blicke fanatischer Urteutonen auf sich gerichtet." Aber sie war nicht nur englisch, sondern auch eine Engländerin und nicht nur liberal, sondern auch eine Liberale. Als Kommentar dazu genügt Hardens Bismarck-Zitat: "Eine politisierende Dame begibt sich selbst ihres Damenrechts."

Entzug der Fairneß

Die Princess Royal kannte von zu Hause das andere Modell mit der Königin als dem Oberhaupt. Der Coburger Prinz Albert war nicht das Idol der Engländer gewesen, zu dem seine Frau ihn gern erhoben hätte, aber wurde toleriert und nach seinem frühen Tod als viktorianisches Standbild tradiert. Dagegen erfuhr Vicky in Preußen den Entzug der Fairneß. Der Ausschluß aus der Gemeinschaft, systematisch betrieben, ist heute sozial benennbar: das Mobbing. Damals hatte man für die grausame und gefürchtete Isolierung kein modernes Wort, sondern vollstreckte sie diskret im Bewußtsein des namenlosen Tabus. Das Protokoll von Ort und Stelle, aus dem Vickys Leiden und Sträuben hervorgeht, sind die Briefe an die Mutter; Hunderte, Tausende. Während draußen die finstere Verdächtigung kursierte, der Kronprinz werde von seiner Frau beherrscht, stellt die Kronprinzessin in ihrer privaten Korrespondenz fest, welcher hohen Aufgabe sie sich geweiht habe:
"Ich versuche mit allen Kräften, Fritz auf dem Weg, den ich für richtig und sicher halte, eine Stütze zu sein. Es ist nicht angenehm für mich, daß man mir Einmischung und Intriganz unterstellt. Mitsprache in der Politik ist nichts für Damen. Aber ich wäre keine frei geborene Engländerin und nicht Dein Kind, wenn ich mich solchen kleinlichen Bedenken unterordnen würde. Ich bin sehr ehrgeizig für das Land, für Fritz und die Kinder. Und so bin ich entschlossen, allem übrigen die Stirn zu bieten." (Potsdam, Neues Palais, 3. 7. 1863)

Die Mitteilung ist klar, aber ihr Hintergrund dunkel. Warum bedurfte der Kronprinz einer solchen Leitung? Zwischen Victoria und Vicky wird darüber kein Wort gewechselt. Mutter und Tochter wetteifern in der Heiligsprechung ihrer Ehemänner: "Dear Papa" und "dear Fritz" sind über jede Kritik erhaben. Die verwitwete Königin in England machte aus der Trauer um den Prince Consort einen Kult und vernachlässigte ihre Regierungsgeschäfte, die Kronprinzessin in Berlin sah in dem Beistand für ihren bedrängten Fritz ihre Aufgabe. Preußen erlebte die Ungeheuerlichkeit, daß der Thronfolger offen gegen eine Maßnahme opponierte, die der König abgesegnet hatte. Der Vorfall ereignete sich während einer Westpreußen-Reise des Kronprinzenpaares und wurde auf dem privaten Korrespondenzweg nach London übermittelt:
"Ich schrieb Dir vor drei Tagen, daß Fritz zwei vertrauliche Briefe an den König gerichtet hat, um ihn vor einer verfassungswidrigen Pressezensur zu warnen. Daß er von einem grimmigen Brief des Königs zurückgewiesen worden ist und sich daraufhin mit seinem Protest und dem Ersuchen, sofort eine Antwort zu bekommen, an Bismarck gewandt hat. Bismarck did not reply. Tags darauf sagte uns der Oberbürgermeister von Danzig, ein guter Freund von uns und überzeugter Liberaler, daß er im Rathaus öffentlich zu Fritz sprechen werde und ihn bitte, ihm zu erwidern. Ich habe Fritz, so sehr ich konnte, in seiner Absicht bestärkt, öffentlich zu erklären, daß er keinen Teil an den letzten Regierungsverfügungen habe. Er hielt seine Ansprache in gemäßigter Form und bekam daraufhin einen wütenden Brief vom König mit dem Befehl, seine Danziger Worte zurückzunehmen. Anderenfalls werde man ihn unverzüglich seiner Stellung in der Armee und in der Regierung entkleiden. Fritz hat sich nichts vorzuwerfen, aber befindet sich jetzt in einem traurigen seelischen Zustand. Gott sei Dank, daß ich in England geboren bin, wo die Menschen keine Sklaven sind und nicht erlauben, daß mit ihnen oder anderen derart umgegangen werde." (Neues Palais, 8. 6. 1863)

Ein offenes Zerwürfnis zwischen König und Thronfolger wurde durch Bismarcks Intervention vermieden. "Kein zweites Küstrin" lautete die Warnung, hinweisend auf das Familientrauma aus der Jugendzeit Friedrichs des Großen, als der Vater den abtrünnigen Sohn vor das Kriegsgericht gebracht hatte. Kein zweites solches Schauspiel. Der Anschein blieb gewahrt, aber die Entzweiung verschärfte sich. Wie man einerseits die Kronprinzessin als den bösen Geist ihres Mannes denunzierte, bezichtigte sie andererseits den Politiker als die treibende Kraft: "the bad man Bismarck". Als er seine Verheißung von Blut und Eisen in die Tat umsetzte, sehnte Vicky den Retter herbei, "der uns aus den Händen dieses Amalekiten erlöst". Offenbar erhoffte sie sich von ihrer Mutter das Wunder einer erfolgreichen Vermittlung zwischen Preußen und Österreich. Worauf die Königin ihr antwortete:
"Wir, ich und die Regierung, haben alles getan, was wir können (und Lord Clarendon beträgt sich äußert gut), aber der Kaiser Napoleon rührt keinen Finger - und könnte es doch wahrhaftig tun. Das ist sehr deprimierend! I hope against hope - und habe ein unbestimmtes Gefühl, der Krieg werde nicht ausbrechen. Diese Ungewißheit ist grauenhaft. Ich wünsche mir, Fritz wäre standhaft und würde erklären, daß er sich weigert, an einem so ungerechtfertigten Krieg teilzunehmen. Das würde ihn in den Augen der ganzen Welt auszeichnen." (Osborne, 9. 5. 1866)

Mehr konnte die Königin von England wahrhaftig nicht tun, als den preußischen Thronfolger zur Insubordination aufzufordern. Aber ihr Appell wurde nicht befolgt. Vielmehr erfuhr sie aus Vickys nächstem Brief, daß Fritz ein ehrenvolles, aber äußerst schwieriges Kommando erhalten habe:
"Seine Einheit besteht nahezu ausschließlich aus Polen, die, wie Du weißt, weniger erfreulich als die Deutschen sind. Er ist voll mit der Bildung seines Stabes beschäftigt und hat zum Glück einige sehr gute Offiziere." (Neues Palais, 19. 5. 1866)

Desavouierung Friedrichs

Der Krieg gegen Österreich und dessen deutsche Verbündete hatte viele Schauplätze. Er zog sich durchs Reich bis nach Norditalien und wurde an der böhmischen Grenze entschieden: 3. Juli 1866 auf dem komplizierten Hochplateau von Königgrätz. Den kaiserlichen Truppen, vereint mit dem sächsischen Kontingent, begegneten die Preußen, die in drei Formationen anrückten: je eine von Westen und von Süden, aber die Armee des Kronprinzen und des Generals Blumenthals von Osten. Ihr Eintreffen am Schauplatz gab den Ausschlag. Die wechselnden Siege und Niederlagen, die seit dem frühen Morgen in Anwesenheit König Wilhelms, des Generalstabschefs Moltke und des Grafen Bismarck errungen und erlitten worden waren, führten gegen Abend zur restlosen Preisgabe der österreichischen Stellungen und der Flucht des Verlierers Hals über Kopf über die Elbe. Der Verlust betrug auf der preußischen Seite zehntausend Tote und Verwundete und mehr als das Doppelte auf der anderen Seite. "Was wirst Du zu den furchtbaren Schlachten sagen?" heißt es in Vickys Brief an Victoria. Und unvermittelt die nächste Frage:
"Aber freut es Dich nicht trotzdem, daß unser Fritz diese Siege errungen hat? Die Soldaten beten ihn an. Man sagt mir, daß sie in Begeisterungsstürme ausbrechen, wo immer er auftaucht. Du weißt, daß ich nicht blind oder voreingenommen bin. Aber ich muß bekennen, daß ich von höchstem Respekt und größter Bewunderung für unsere Truppen erfüllt bin." (Seebad Heringsdorf, 9. 7. 1866)

Der Kriegsruhm des Kronprinzen änderte an der Desavouierung der politischen Person nichts. Jedenfalls berichtete Vicky in den folgenden Jahren von einer permanenten Verfolgung, der sie sich ausgesetzt fand: "Sie gehen mit mir um wie die Franzosen mit Marie Antoinette." Beeindrucken lasse sie sich davon nicht, sondern fühle sich durch die Anwürfe erst recht bestätigt:
"Wir, Fritz und ich, werden doch nur deshalb angefeindet, weil wir eine andere politische Ansicht vertreten als die Bismarck- und Kreuzzeitungspartei." (Berlin, 12. 1. 1869)

Als Preußen 1870 gegen Frankreich mobil machte, wurde Englands Neutralität so bitter vermerkt, daß man der Engländerin Vicky am liebsten verboten hätte, sich in der Verwundetenpflege zu engagieren. Das Lazarett, das sie in Homburg aufbaute, galt zwar als eine Musterleistung, aber wäre im Interesse der Prinzessin besser unterblieben:
"Der König hat mir einen Brief geschrieben, der mich sehr bekümmert. Er befiehlt mir, nach Berlin zurückzukehren, und wirft mir vor, daß ich die Kinder hierher mitgenommen habe, ohne um Erlaubnis zu fragen. Seine ständige Einmischung in meinen Haushalt würde auch die Geduld einer Heiligen überfordern." (Darmstadt, 13. 10. 1870)

Der Kronprinz, Oberbefehlshaber der Belagerung vor Paris, notierte in seinem Tagebuch, in Berlin sei es jetzt offenbar Mode, die Kronprinzessin als Mittelsperson zu verdächtigen, die ihn im englischen Auftrag zur Verzögerung des Bombardements der französischen Hauptstadt bewogen habe. Die preußische und deutsche Ikonographie verrät von einer solchen Weiberherrschaft nichts, sondern plaziert den Sohn als den jugendlichen Kriegshelden neben die Vaterfigur, König Wilhelm, der im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wird. Auf Bismarcks politischer Bühne der folgenden 17 Jahre war Fritz dann jedoch kein unerschrockener Krieger, sondern ein schwermütiger Edelmann mit dem Trumpf in der Hand, den er nicht ausspielen konnte: die Thronfolge dereinst. Die Wende zum liberal verfaßten Kaisertum, die Bismarck von dem Kronprätendenten befürchtet hatte, war bei dessen Thronbesteigung ein Stück Papier ohne Zukunft und er selber die Figur des Jammers, von der die Kaiserin Victoria der Königin Victoria mitteilte, Fritz sei nur noch ein Skelett:
"Willy hält sich schon ganz für den Kaiser - und zwar für einen absoluten und autokratischen. Er gehört zum Kreis derjenigen, deren vordringliches Ziel es ist, den Kranken in jeder Beziehung zu paralysieren." (Charlottenburg, 19. 5. 1888)

Der junge Wilhelm sah den Fall anders. Er bekannte sich in einem Brief an seinen Freund Philipp zu Eulenburg zum Gefühl tiefster Beschämung angesichts des Niedergangs "meines einst so hohen und unverletzlichen Hauses". Das Familienwappen sei beschmutzt und das Reich am Rand des Ruins. Schuld an allem habe eine englische Prinzessin, "meine Mutter".

Die Opferrolle Wilhelms II.

Die Zeitgenossen betrachteten Vicky als das Monster, das seine Macht über den hörigen Mann benutzt habe, um ihn zuletzt noch auf den Thron zu befördern und unter die Hohenzoller-Herrscher einzureihen. Das heutige Interesse an Queen Victorias ältester Tochter spezialisiert sich auf ihre Gewalt über den Sohn und kommt zu dem Schluß, sie habe in der Seele des Jungen Angst und Schrecken verbreitet und folgenschwere Aversionen ausgelöst. Innerhalb dieser Logik wird sie nun mitverantwortlich gemacht für die wilhelminische Hybris samt aller späteren Konsequenzen.

Aber die psychologisierende Geschichtsbetrachtung kann sich ebenso wie die frühere Verleumdungskampagne nur auf Vermutungen stützen, Aussagen Dritter, das Hörensagen und den Anschein, es müsse so gewesen sein. Dagegen läßt sich das Exempel nicht bezweifeln, das an der unliebsamen Frau statuiert worden ist: die kollektive Hetze, verübt von Familie, Politik, Gesellschaft und weiten Teilen der Öffentlichkeit unter dem Vorwand, die Engländerin sei ein Krebsschaden für das Ganze. Offenbar fanden die Deutschen Vickys ausgeprägten Charakter so unpassend für eine Königin, daß sie xenophobisch auf ihn reagierten und ihn als "englisch" bezeichneten. Wilhelm II. setzte die Austreibung der Fremden sofort nach dem Tod seines Vaters in Gang. Als die Königin in England erfuhr, ihr Enkel weigere sich, seiner Mutter ein angemessenes Quartier einzuräumen, sei es in Berlin oder in Potsdam, schrieb sie ihm:
"Könntest Du poor Mama nicht eine Bleibe überlassen, zumindest für die nächste Zeit, etwa Friedrichskron oder Sanssouci? Sie ist die Erste nach Dir in Deutschland und folgt in England an erster Stelle nach der Princess of Wales." (Osborne, 3. 7. 1888)

Eine Ausstellung in Schloß Babelsberg, eine Kranzniederlegung im Mausoleum von Park Sanssouci und eine Gedenkfeier in der Kirche zu Bornstedt erinnern anläßlich des runden Datums an die KaiserinFriedrich. Maximilian Harden, der nicht die Monarchin, sondern ihr Schicksal würdigen wollte, hatte sie in den Reigen der verratenen Weiber eingereiht, Kriemhild, Medea, Thamora. Der alte Exkaiser in Doorn dachte weniger pathetisch von seiner vormals gehaßten Frau Mutter. 1940 bewog ihn ihr hundertster Geburtstag zu der Bemerkung, wie schnell die Toten vergessen werden.

Text: Sibylle Wirsing
© Frankfurter Allgemeine Zeitung , 4.8.2001

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