Charakterstark und taktlos

Ausstellung und Festakt geben der "Kaiserin Friedrich" fragwürdigen Glanz

Die meisten Berliner kennen ihr Bild, ohne es zu wissen: Kronprinzessin Victoria von Preußen (1840-1901), Tochter Königin Victorias von England und des Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, Gemahlin Friedrichs III., des 99-Tage-Kaisers von 1888 und Mutter Kaiser Wilhelms II., stand 1873 dem Bildhauer Friedrich Drake Modell für die Victoria auf der Siegessäule.

Immer im Blick, war "Kaiserin Friedrich", wie sie sich nach dem frühen Tod ihres Mannes nannte, lange Zeit vergessen - bis 1997 das Deutsche Historische Museum mit der großen Ausstellung "Victoria & Albert, Vicky & The Kaiser" die konfliktreiche deutsch-englische Familiengeschichte aufrollte. Jetzt, zu ihrem 100. Todestag am vergangenen Sonntag, wurde Victoria in der Potsdamer Friedenskirche mit einer Gedenkveranstaltung geehrt. Im benachbarten (und an den kommenden Wochenenden geöffneten) Mausoleum hatte am Morgen Georg Friedrich, Chef des Hauses Hohenzollern, seiner Urururgroßmutter gedacht. In Schloß Babelsberg, dem Wohnsitz Kaiser Wilhelms I. und Kaiserin Augustas, wo das frischvermählte Kronprinzenpaar 1858 seinen ersten Sommer in Preußen verbrachte, ist eine von der Schlösserstiftung und dem "Verein der Berliner Künstlerinnen 1867" eingerichtete Ausstellung zu sehen.

Mit Ausnahme des Festvortrags von Jürgen Kloosterhuis, Direktor des Geheimen Staatsarchivs, nährte die Potsdamer Feier jetzt ein nicht ganz falsches, aber verklärtes Victoria-Bild, das auch von den Begleitpublikationen zur Ausstellung gezeichnet wird: Victoria als begabte Kunstförderin, als Protektorin des Berliner Lette-Vereins, als engagierte Fürsprecherin der Frauenbildung, als Sozialreformerin, als gescheiterte Vorkämpferin eines weltoffenen, demokratischen Deutschland, kurz, als ideale Herrscherin, für die "englische Freiheit" und "wahres Preußentum" kein Gegensatz gewesen seien.

Einmütig befanden Ministerpräsident Manfred Stolpe und Prinz Charles (letzterer in seinem Grußwort per Video) die autoritäre und nationalkonservative Politik Bismarcks im Verein mit dem kaltherzigen und altmodischen Hof Wilhelms II. für schuldig, "Vicky" in Isolation und Bitterkeit getrieben zu haben. Am Beginn des deutschen, von Liberalisierung und Parlamentarisierung sich abwendenden Sonderwegs habe der Verrat an der englischen Prinzessin gestanden. Als Prinz Charles im Nachspann mit den Worten "Is that right?" fragend aufblickte, hätte man meinen können, selbst ihm sei dieses Bild nicht ganz geheuer.

Immerhin ist es sinnvoll, mit Victorias Hilfe für das malerisch-marode neugotische Schloß Babelsberg zu werben, das nach dem Auszug des Museums für Vor- und Frühgeschichte als letztes Potsdamer Königsschloß seiner umfassenden Rekonstruktion harrt. Die Wohnräume Kaiserin Augustas sind nur provisorisch hergerichtet, aber auch für die Jubiläumsausstellung fehlte, nachdem Lottomittel nicht genehmigt wurden, das nötige Geld. So konzentrierte man sich auf das alltägliche Leben Victorias, die politischen Probleme der Zeit werden nur gestreift. Wilhelm II., gerade Kaiser geworden, habe die Mutter zum Auszug aus dem Neuen Palais (ihrem "eigentlichen Home") gedrängt, heißt es in der Ausstellung in grober Untertreibung. Tatsächlich suchte er vergeblich zu verhindern, dass Victoria die Papiere ihres verstorbenen Gemahls nach England brachte. Keine Rede ist aber auch von der barschen Zurücksetzung und überstrengen Erziehung des nach der Zangengeburt behinderten Sohnes, als dieser nicht so wurde, wie die Mutter ihn sich gedacht hatte, keine Rede auch von ihrem Anteil am gespannten Verhältnis zu Bismarck und der Berliner Gesellschaft.

Victoria, so hielt Kloosterhuis dagegen, sei, "teils charakterstark, teils taktlos", mitschuldig, dass die Freundlichkeit der Berliner, die das Brautpaar im Februar 1858 feierlich empfangen hatten, nicht lange anhielt. Tragisches Scheitern und "trotziger Rückzug" nach Kronberg seien nicht nur durch den Tod Friedrichs zu erklären, sondern schon durch das Ende der "Koburger Konstellation", als zur Zeit des Krimkrieges die britischen Bemühungen scheiterten, Preußen als Bollwerk gegen das nach Westen vordrängende Rußland zu installieren.

Kloosterhuis verwies darüber hinaus auf einen Tagebucheintrag Friedrichs von 1885, in dem der Kronprinz Gedanken zu einer möglichen Regierungsübernahme niedergelegte. Von "liberalen Hoffnungen" war da keine Rede, nur von autokratischer, gegen das Parlament gerichteter kaiserlicher Gewalt.

Die These, dass die deutsche Geschichte bei einer längeren Regierungszeit Friedrichs und Victorias anders verlaufen wäre, müßte erst noch belegt werden. Bis dahin bleibt es bei dem erstaunlichen Phänomen, dass noch die Idee vom deutschen Sonderweg einer ziemlich diffusen Preußenseligkeit aufhelfen soll.

Text: Andreas Krause
© Berliner Zeitung, 8.8.2001

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