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Weil Prinz Charles nicht persönlich zum heutigen Festakt für seine
Verwandte nach Potsdam kommen kann, schickte er immerhin einen Gruß
per Videokassette. Die deutsche Kaiserin Victoria (1840-1901) wird
anlässlich ihres 100. Todestages um 11 Uhr in der Friedenskirche
geehrt. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe gehört zu den
Live-Rednern, die an eine Frau erinnern, deren liberale Ansichten und
soziales Engagement das Klischee widerlegen, dass "Preussen nur mit
Militär zu tun hat". So Hermann von Richthofen, der Vorsitzende der
Deutsch-Englischen Gesellschaft.
Die Tochter der britischen Queen Victoria und Gemahlin Kaiser Friedrichs III., blieb in ihrem Herzen immer Engländerin, eine englische Prinzessin in Deutschland. Sie schrieb zu Zeiten der Pickelhauben über ihre Begeisterung "für die Sache des Fortschritts, der Kultur und der wahren Freiheit". Die Berliner Bürger liebten sie dafür. Bismarck jedoch wurde zu ihrem erklärten Feind, und Preußens Konservative hielten sie für ein Sicherheitsrisiko. Dass die Berliner und Brandenburger heute jene Vicky ehren, hat nichts mit einer Verbeugung vor der Monarchie zu tun. Die Verbeugung gilt mehr den liberalen Anschauungen und folgenreichen Taten dieser ungewöhnlichen Frau. Nach den Erfahrungen von 1848 hielt sie es nämlich für denkbar, den Liberalismus in Preußen einzuführen. "Das hätte Preußen sehr gut getan." So von Richthofen. Die willensstarke, emotionale und kosmopolitisch gebildete junge Frau, die nach ihrer prunkvollen Heirat in London als 17-Jährige nach Berlin übersiedelte, bekam gleich den richtigen Eindruck von Preußens Glanz und Gloria, von Zucht und Ordnung. Andrew Sinclair beschreibt den Einzug der Jungvermählten in Berlin so: "...glich der feierliche Einzug ... eher einem Krieg als einem Fest. Die vielen Kanonen donnerten, ganze Wälder von Fahnen wehten, und die Preußische Garde stand mit glitzerndem Helm und Kürassier in dichter Reih und Glied." Und dass das Abendessen jeden Tag um 17 Uhr in Abendkleid und Uniform, hochdekoriert mit Schmuck und Orden, eingenommen wurde, fand Vicky ebenfalls ziemlich frustrierend. Sie wollte nicht nur das Püppchen sein, das "sich gut anzieht, hübsch aussieht, mit jedem ein banales Wort zu sprechen weiß..." Victoria war das, was manch einer heute eine Emanze nennen würde. "Modern und vielseitig gebildet, machte sie sich, wo sie konnte, vom höfischen Reglement frei", sagt Klaus Dorst, Kustos für Architektur und Denkmalpflege der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Diese Frau, die Bismarcks "Intimfeindin" war, kämpfte engagiert für die Rechte der Frauen. 1866 übernahm die Kronprinzessin das Protektorat für den Berliner Lette-Verein, eine Einrichtung zur "Förderung der Erwerbstätigkeit der Frau". 1877 entstand die "Victoriaschule für Mädchen", in der sogar Turnunterricht abgehalten wurde. Eine Neuerung, die in Preußen als unweiblich galt. Als eines ihrer wichtigsten Projekte wird aber die Reformierung des Gesundheitswesens und die Ausbildung von Krankenschwestern angesehen. Nachdem 1874 Berlins älteste städtische Klinik, das Krankenhaus am Friedrichshain, eröffnet wurde, konnte hier einige Jahre später der "Verein Victoriahaus für Krankenpflege" angeschlossen werden. Und die Kronprinzessin sorgte sich nicht nur höchstpersönlich und vor Ort um das Wohl und Wehe ihrer Victoriaschwestern, sie kümmerte sich auch in den Lazaretten um Verwundete während des Deutsch-Französischen Krieges. Die Frauenrechtlerin und Zeitgenossin Vickys, Helene Lange, merkt treffend an: "Der Weltgeschichte, die aus Fürstengalerien mit Schlachtenbildern im Hintergrund besteht, wird sie nichts bedeuten. In die Kulturgeschichte aber wird sie eingehen..." Unsere Stadt Berlin beispielsweise verfügte kaum über eine solche kunstgewerbliche Sammlung von Rang ohne jene Victoria. Das Kronprinzenpaar stellte auch die Weichen für die Entwicklung der Berliner Museumslandschaft. Zum 100. Todestag dieser ungewöhnlichen Frau werden nun erstmals zwei Räume, die der Öffentlichkeit bisher versperrt waren - die Sakristei und das Mausoleum der Potsdamer Friedenskirche im Park von Sanssouci -, zugänglich sein. Mit dem Wissen um die Verdienste Victorias ist es dem Besucher mehr als ein romantisches Denkmal. |
© Berliner Kurier, 5.8.2001