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Vorwort

Am 5. August 1901 verstarb Victoria, ehemals deutsche Kaiserin und preußische Königin, Princess Royal von Großbritannien und Irland, die sich seit dem Tode ihres 1888 verstorbenen Mannes Kaiser Friedrichs III. nur noch Kaiserin Friedrich genannt hatte, im 61. Lebensjahr in ihrem Witwensitz Schloß Friedrichshof in Kronberg an einer Krebserkrankung.

Entgegen der Erwartung, welche die Londoner Times in ihrem Nachruf vom 6. August 1901 geäußert hatte, wurde sie keineswegs von der gesamten deutschen Nation einhellig betrauert. Gewiß trauerten ihre drei jüngsten Töchter, ihre Geschwister, die Mitglieder ihres Kronberger Hofstaates, ihre Freunde und treuen Weggenossen - davon viele aus dem bürgerlich-liberalen Lager - und die vielen Menschen, die dank ihrer unermüdlichen Tatkraft Hilfe und Förderung erfahren hatten, aufrichtig um sie. Selbst ihr ältester Sohn, Kaiser Wilhelm II., der zuletzt an ihrem Krankenlager gewacht hatte, scheint trotz aller vorausgegangenen Zerwürfnisse schließlich Trauer um sie empfunden zu haben. Der größere Teil der Nation blieb jedoch ungerührt, sei es, weil die Kaiserin, die sich nach dem Tode ihres Mannes fast vollständig aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte, längst vergessen war, sei es, weil die Hetze, die zu Bismarcks Zeiten in seinem Auftrag von der "Reptilienpresse" und den Kreisen, die ihm nahestanden, gegen sie betrieben worden war, noch immer nachwirkte. Der badische Minister Franz von Roggenbach, ein lebenslanger Freund des Kronprinzen- und späteren Kaiserpaares, schrieb noch im Jahre 1902: "Von der Intensität, mit der die Verhetzung gegen die Kaiserin Friedrich auch in den Kreisen sitzt, die man noch zu den wohlwollenden rechnen durfte, erfährt man fast täglich verblüffende Proben. Der ehrliche, aber freilich nicht sehr urteilsfähige Philister, von den höchsten Kreisen bis zum ehrsamen Bürger hält sie in der Tat für einen weiblichen 'Gott sei bei uns'."[1]

Wer war die Frau, die ihre Zeitgenossen entweder entzückte oder abstieß und von der Hugo Freiherr von Reischach, ihr letzter Hofmeister, schreibt: "Meiner Meinung nach ist keine Persönlichkeit der Weltgeschichte so falsch beurteilt worden wie diese seltene, hochbedeutende Frau"?[2]

Wenn aus Anlaß des einhundertsten Todestages der Kaiserin hier der Versuch einer Würdigung unternommen wird, so geschieht dies, um der "Verhetzung", deren Opfer sie in Preußen-Deutschland geworden ist, entgegenzuwirken sowie ihre politischen Ideale und deren Unvereinbarkeit mit den preußischen und später gesamtdeutschen Realitäten darzustellen.[3]

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