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Am Morgen des 10. März 1888 reiste das neue Kaiserpaar aus dem schon
frühlingshaft milden San Remo ab, um am Abend des 11. März 1888 bei
Schneesturm und eisiger Kälte in Berlin-Charlottenburg anzukommen. Im
Schloß Charlottenburg nahmen sie vorläufig Wohnung. In Berlin tobte
ein derartig eisiger Nordostwind, daß der Kaiser an der Beisetzung
seines Vaters nicht teilnehmen konnte. Hinter dem Fenster seines
Zimmers sah er den Sarg an sich vorüberziehen, als dieser zum
Mausoleum im Schloßpark gebracht wurde.
Noch von San Remo aus hatte Kaiser Friedrich III. sämtliche Mitglieder des Staatsministeriums um ihre weitere Mitarbeit gebeten, sie also in ihren Ämtern bestätigt.[326] Sämtliche Minister mit Fürst Bismarck an der Spitze hatten sich daher schon am Abend des 11. März 1888 in Leipzig eingefunden und den Sonderzug bestiegen, um dem neuen Herrscherpaar zu huldigen. Ihre Vereidigung nahm Friedrich III. am 23. März 1888 mit Hilfe Bismarcks in Gegenwart seiner beiden Söhne vor. In sein Tagebuch trug er an diesem Tag ein: "Vereidigung der Staatsminister in Gegenwart Wilhelms und Heinrichs, in der Bismarck mich anredete [...] und mir die Hand küßte, was alle anderen taten."[327] Die Bestätigung des gesamten preußischen Kabinetts enttäuschte viele Deutschfreisinnige, die wenigstens mit der Entlassung des verhaßten Innenministers von Puttkamer gerechnet hatten. Stimmen wie "man hat sich in dem Kronprinzen getäuscht" wurden laut. Henriette Schrader-Breymann berichtet, daß sie am 10. März 1888 auf einen entsprechenden Vorwurf erwidert habe, der neue Kaiser habe schlecht von San Remo aus bereits sein Mißtrauen gegen einzelne Kabinettsmitglieder äußern können, wenn er nicht bei seiner Ankunft schon eine fertig geschmiedete Kabale habe vorfinden wollen. Seine kluge Mäßigung aus der Ferne schließe nicht aus, daß in Zukunft der Anstoß zur Entlassung von Puttkammers "ganz von selbst" kommen werde.[328] Sie sollte recht behalten. Innenminister von Puttkammer schied Anfang Juni aus dem Kabinett aus. Bereits während der Fahrt von Leipzig nach Berlin hatte Kaiser Friedrich dem Fürsten Bismarck die fertig vorbereitete Proklamation "An Mein Volk" sowie seinen Erlaß "an den Reichskanzler und Präsidenten des Staatsministeriums" übergeben, die am 12. März 1888 veröffentlicht wurden.[329] Die Proklamation "An Mein Volk" enthält neben einer Würdigung von Persönlichkeit und Werk des verstorbenen Kaisers das Versprechen Friedrichs, "Deutschland zu einem Hort des Friedens zu machen und in Übereinstimmung mit den verbündeten Regierungen und mit den verfassungsmäßigen Organen des Reiches und Preußens die Wohlfahrt des Deutschen Landes zu pflegen." In seinem Erlaß an Bismarck, in welchem dieser erneut um seine weitere Mitarbeit gebeten wird, legt der Kaiser die Grundsätze dar, nach denen er seine künftige Regierung zu führen wünscht. Im Vordergrund steht die Wahrung der Verfassungs- und Rechtsordnung des Reiches und Preußens, der verfassungsmäßigen Rechte der Parlamente und der verbündeten Regierungen im Reich. Die Wehrkraft des Landes soll erhalten bleiben. Doch soll seine Regierung vor allem der Hebung der Wohlfahrt und dem wirtschaftlichen Gedeihen aller gesellschaftlichen Klassen dienen, ohne daß der Eindruck erweckt werden soll, es könnten sämtliche gesellschaftliche Gegensätze ausgeglichen werden. Der Kaiser betont, daß mit der sozialen Frage die Erziehung und Bildung der heranwachsenden Jugend eng verbunden sei. Der seit Jahrhunderten in seinem Hause herrschende Grundsatz religiöser Duldung solle allen Untertanen, gleichgültig welcher Religion, zugute kommen. Abschließend heißt es: "Unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Großtaten werde ich zufrieden sein, wenn dereinst von meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei meinem Volke wohltätig, meinem Lande nützlich und dem Reich ein Segen gewesen." Auch in den Botschaften, die der neue Kaiser an die Parlamente Preußens und des Reiches richtete, wurde die unverbrüchliche Einhaltung der jeweiligen Verfassung zugesichert. Die Unterschiede zum Gottesgnadentum seiner Vorgänger sind unverkennbar. Hier wird ein Programm entworfen, das seinem Vater fremd gewesen ist.[330] Auch die in die Stoeckersche Richtung zielende Mahnung zur Toleranz ist unüberhörbar. Die insoweit angesprochenen Kreise fühlten sich auch durchaus getroffen und reagierten entsprechend. Henriette Schrader-Breymann berichtete ihrer Schwester am 21. März 1888: "[...] es ist fürchterlich hier in Berlin. Es gibt eine Partei, die gegen den Kaiser wühlt, sie nennen ihn Cohn I., den Judenkönig (seines Ausspruches religiöser Toleranz wegen)."[331] Viele Menschen schöpften Hoffnung aus der Regierungserklärung, auch wenn sich der Kaiser "vorerst" nicht von Bismarck trennen konnte.[332] "Welch ein erlauchtes Ehepaar nimmt jetzt den Thron des Deutschen Reiches ein [...] nie hat ein edlerer Mann auf dem Thron gesessen, und wenn er gesund wird, auch kein besserer Kaiser", schrieb Henriette Schrader-Breymann.[333] Der Kaiser wollte offensichtlich den bisherigen Regierungsstil allmählich verändern. "Es kommt mir darauf an, Männer von Bildung in wichtige Stellungen statt der bisherigen subalternen Beamten zu berufen", schrieb er am 27. März 1888 an den Oberstkämmerer Otto Graf zu Stolberg-Werningerode, mit dem er sich wegen der Ernennung Dr. Robert Dohmes zum Direktor des Hofmarschallamtes "herumschlagen" mußte.[334] Diese Bestrebungen stießen weder bei Bismarck noch bei den Ministern oder Hofchargen auf Gegenliebe. Die meisten von ihnen betrachteten die Regierungszeit Friedrichs III. nur als Übergangsphase und wandten sich bereits dem künftigen Machthaber Kronprinz Wilhelm zu, an dem gerade Bismarck später wenig Freude erleben sollte. Das Kaiserpaar war im Charlottenburger Schloß vollkommen isoliert. Zwar versuchte die Kaiserin weiterhin mit ihren bewährten Freunden, besonders dem Ehepaar Schrader, der Baronin von Stockmar - sie sollte den Kontakt zu Ludwig Bamberger herstellen - und Helene Lange Verbindung zu halten, aber das konnte nur mit größter Vorsicht geschehen. Insbesondere der deutschfreisinnige Reichstagsabgeordnete Karl Schrader wurde von Bismarck und seinen willfährigen Aufpassern mißtrauisch beobachtet. Den Anordnungen des Kaisers wurde offener und verdeckter Widerstand entgegengesetzt, ihre Erledigung wurde teils verzögert, teils abgelehnt. So wurde die im Zusammenhang mit der Thronbesteigung erlassene Amnestie entgegen früherer Übung nicht auf Verurteilungen wegen Hoch- und Landesverrats ausgedehnt. Die politisch Verurteilten, vor allem Sozialdemokraten, deren Vergehen "ohnehin meist von einem Zusammenstoß mit Bismarck und seinen Anschauungen herrührt", so Henriette Schrader-Breymann[335], wurden also von jedem Gnadenerlaß ausgeschlossen.[336] Hierzu hatte Bismarck, der unter Wahrung aller Formen dem Anschein nach freundlich mit dem Kaiserpaar umging, dem Kaiser zu bedenken gegeben, die Bundesfürsten würden kein Verständnis dafür haben, wenn man die Unruhestifter, die nur mit Mühe eingesperrt worden seien, wieder entließe.[337] Der Kaiser wollte Männer, die ihm während der Kronprinzenzeit besonders verbunden gewesen waren - Schrader, Ebarty, Bunsen, Stauffenberg, Mommsen, Virchow, Forckenbeck, Siemens und Gneist - mit Orden auszeichnen. Zunächst stimmte Bismarck scheinbar zu, um anschließend vorzutragen, die Mitglieder des Staatsministeriums hätten sich dagegen ausgesprochen und sogar mit ihrem Rücktritt gedroht, weil die Genannten ständig eine oppositionelle Haltung eingenommen hätten. Er könne daher die Dekorierungsvorschläge leider nicht durchsetzen. Lediglich Virchow und Forckenbeck ließ er gelten.[338] Holstein notierte in diesem Zusammenhang am 15. Mai 1888: "Es hat etwas für den Royalisten Empörendes zu sehen, wie vollständig ohnmächtig der Kaiser ist. Daß er seine liberalen Hirngespinste nicht verwirklichen konnte, ist sehr erfreulich. Aber man sollte ihm doch in kleinen Sachen nachgeben [...] Hätten die paar kleinen Dekorationen geschadet!"[339] Als das Kaiserpaar am Karfreitag, den 30. März 1888, zum ersten Mal im offenen Wagen nach Berlin hineinfuhr, wurden ihm von den überraschten Berlinern Blumen und Ovationen dargebracht, was den Kaiser, wie er in sein Tagebuch eintrug, "tief bewegte".[340] Gleiches wiederholte sich am Ostersonntag, als man erneut - diesmal der Witterung wegen in einem geschlossenen Wagen - nach Berlin fuhr. Obwohl Victoria von der freundlichen Begrüßung durch die Bevölkerung nicht ausgenommen wurde, war sie doch aufgrund der vorausgegangenen Pressekampagne weithin verhaßt. Helene Lange spricht in ihren "Lebenserinnerungen" von einer "schmachvollen Hetze, die sie zu einer herzlosen politischen Intrigantin stempeln möchte" und von einem "der erschütterndsten Fälle historischen Justizmords".[341] "Der Haß auf die Kaiserin ist in verschiedenen Kreisen auf das Höchste gestiegen und einige Damen haben [bei der Sammlung von Unterschriften für eine Glückwunschadresse an die Kaiserin] unglaubliche Erfahrungen gemacht [...] die meisten Offiziers- und Beamtenfrauen haben ihre Unterschrift unter die Adresse verweigert [...] man greift ihre [der Kaiserin] weibliche Ehre an und sagt, ihr Geiz, Herrschsucht, undeutsches Wesen und Lieblosigkeit gegen Verwandte seien bekannt [...] von Mackenzie soll sie sich den Hof machen lassen, weil er ein Hofmann und Schmeichler sei [...] es sollen Bilder kursieren von der Kaiserin und Mackenzie mit der Unterschrift 'Die Königsmörder' [...] alle diese Sachen werden in allen Einzelheiten erzählt und mit einer Offenheit, die jeder Scham spottet", berichtet Henriette Schrader-Breymann.[342] Sie zitiert auch die in der Stadt umlaufende Geschichte von der Marktfrau, die einer Käuferin auf deren Bitte, ihr ja recht schöne Apfelsinen einzupacken, erklärt haben soll, die faulen habe sie selbst nötig, wenn die neue Kaiserin durch die Stadt fahre.[343] Was die Angriffe auf die "weibliche Ehre" der Kaiserin anbelangt, so wird offen behauptet, daß sie einen Geliebten habe, wie Henriette Schrader-Breymann notiert, wobei sie anmerkt, daß dies an sich eine alte Geschichte sei, die immer wieder geflissentlich genährt werde, damit sie nicht "ausgehe".[344] Diese Geschichte war in der Tat nicht neu. Schon im Mai 1887 hatte Holstein in seinem Tagebuch festgehalten: "Die Idee, daß Seckendorff ihr amant ist, gewinnt wieder sehr an Boden".[345] Abgesehen von vagen Andeutungen findet sich in Holsteins Papieren jedoch nichts, was geeignet wäre, dieses Gerücht zu konkretisieren. So heißt es zum Beispiel in dem bereits zitierten Brief der Gräfin Brühl vom 26. Juli 1887: "er [Seckendorff] hat wohl ein Atout in der Hand, was alles übertrifft"[346], eine Bemerkung, die eher für eine Erpressung oder Nötigung als für ein Liebesverhältnis sprechen dürfte. Und in dem ebenfalls bereits zitierten Brief aus der Umgebung des Kronprinzen in Toblach vom 24. September 1887 wird berichtet, daß die Kronprinzessin mit Gräfin Perponcher und Graf von Seckendorff eine Bergwanderung gemacht und in einer Baude übernachtet habe, wobei die Gräfin "die ersten persönlichen Erfahrungen eines besonders warmen Einverständnisses zwischen beiden gemacht" habe und "sehr erstaunt, um mich nicht schärfer auszudrücken" zurückgekommen sei.[347] Ein "warmes Einverständnis" mag sich angesichts des langjährigen Dienstes von Seckendorffs bei der Kronprinzessin schon eingestellt haben, zumal da er ihr künstlerisches Interesse teilte, das ist aber nicht ohne weiteres einem Liebesverhältnis gleichzusetzen. Zu den Verleumdungen durch bestimmte Kreise kam noch der Haß des ältesten Sohnes, der im April 1888 an seinen Freund Eulenburg schrieb: "Was ich hier in den letzten acht Tagen durchgelebt, ist einfach nicht zu schildern und spottet nur des Gedankens! Ich sehe das als Prüfung für mich und für uns alle an und versuche, es mit Geduld zu tragen! Daß unser Familienschild befleckt und das Reich an den Rand des Verderbens gebracht worden ist durch eine englische Prinzessin, die meine Mutter ist, ist das Allerfurchtbarste."[348] Victoria hatte keine Möglichkeit, sich gegen die Beleidigungen und Verleumdungen zur Wehr zu setzen. Daß Freundinnen, wie Henriette Schrader-Breymann mit ihr und um sie "heiße Tränen" weinten, "Qualen um sie" litten und "angeekelt" waren "im moralischen Gefühl"[349], bedeutete sicher einen gewissen seelischen Beistand, aber drang nicht in die Öffentlichkeit. Endlich fand sich ein mutiger Mann, der öffentlich aussprach, was wenige Wohlmeinende dachten. In einer stürmischen Sitzung des preußischen Landtages am 26. Mai 1888 hielt der deutschfreisinnige Abgeordnete Eugen Richter der tobenden Rechten ihre Machenschaften gegen das Kaiserpaar und ihre Schandartikel gegen die Kaiserin vor. Der wesentliche Teil seines Satzes: "Wenn gegen den Fürsten Bismarck nur der hundertste Teil der Beleidigungen geschleudert worden wäre wie gegen die Kaiserin ..." drang durch, der Rest ging im Protestgeschrei unter.[350] Soweit sie neben der Sorge um ihren Mann Zeit erübrigen konnte, arbeitete Victoria an ihren Erziehungsplänen. Sie sprach mit Helene Lange, von der sie sich in diesem Punkte Unterstützung erhoffte, und stellte ihr die für ihre Englandreise erforderlichen Empfehlungsschreiben aus.[351] Mit Henriette Schrader-Breymann erörterte sie die Möglichkeiten für eine wahre Förderung und Befreiung der Frau in der Ehe und Familie sowie ihrer Arbeit für die Kultur der Zeit.[352] Schon am 27. März 1888 hatte sie Deputationen von den 17 Instituten und Vereinen empfangen, deren Protektorat sie bereits als Kronprinzessin übernommen hatte. Sie besprach wünschenswerte Änderungen und Erweiterungen der verschiedenen Vereinsaktivitäten und versprach ihre Unterstützung, wobei sie betonte, daß für sie an erster Stelle die Fürsorge für den kranken Kaiser stehe, sie aber auch ihre Pflichten als Landesmutter nach besten Kräften wahrnehmen wolle. Sie brachte zum Ausdruck, daß sie ihre sozialen Pflichten vor allem durch die Förderung der sittlichen und geistigen Bildung der Frau und ihrer Erwerbsmöglichkeiten sowie durch Fürsorge für die Gesundheitspflege wahrnehmen wolle.[353] Am 9. April und 3. Mai 1888 reiste sie zusammen mit ihrer Tochter Victoria in Vertretung des Kaisers zu den Überschwemmungsgebieten bei Posen und Küstrin sowie an der Unterelbe. Am 1. Juni übersiedelte der Hof in das Neue Palais nach Potsdam, das durch kaiserlichen Erlaß vom 31. März 1888 zur Erinnerung an seinen königlichen Erbauer Friedrich II. in "Schloß Friedrichskron" umbenannt worden war.[354] Die Fahrt erfolgte mit dem Dampfschiff "Alexandra" von Charlottenburg über Spandau, Wannsee bis zur Glienicker Brücke in Potsdam und von dort mit dem Wagen. In diesem Schloß, in dem er am 18. Oktober 1831 geboren worden war und 30 Jahre lang mit Victoria und seinen Kindern gelebt hatte, starb Kaiser Friedrich III. am Vormittag des 15. Juni 1888. Victoria klagte im Tagebuch ihres Mannes: "Wie kann es niedergeschrieben werden!! Die teure Hand, welche diese Blätter bisher beschrieben und fleißig und treu alle Begebenheiten dieses reinen und fleckenlosen Lebens täglich aufnotierte, ist erkaltet! Die teuren blauen Augen, die so oft auf diese Blätter geschaut, sind geschlossen! Sanft schlief er ein, nicht wissend, daß er uns verlassen müßte, daß er nicht mehr aufwachen würde, um trotz Krankheit und Leiden treu seinen Pflichten nachzugehen und Gutes und Wohltaten zu spenden. Um 11 einhalb hörte er auf zu atmen! Ach wie konnte so Furchtbares geschehen! Wehe mir, daß ich es überdauern muß!! Armes Vaterland! [...] Warum tötet ein solcher Schmerz nicht auf der Stelle! Warum muß ich ihn überdauern! Ach Gott welch ein Weh, welch zerstörender Jammer!"[355] Sofort nach dem Tod seines Vaters ließ der neue Kaiser Schloß Friedrichskron und das umliegende Gelände von allen Seiten von Soldaten abriegeln, so daß niemand hinein- oder herausgelangen konnte. Daraufhin ließ er das Schloß nach Papieren durchsuchen, die ihn kompromittieren könnten. Schon am Nachmittag des Sterbetages durchwühlte der Adjutant General von Winterfeld die Schubladen seines verstorbenen Herrn, wie Victoria am 20. Juni im Tagebuch des Kaisers vermerkte.[356] Aus den bekannten Gründen war die Ausbeute dieser Aktion äußerst mager. Die Maßnahmen des neuen Kaisers erregten internationales Aufsehen. Die Wiener "Freie Presse" berichtete in ihrer Ausgabe vom 16. Juni 1888: "Sofort nach dem Tode des Kaisers Friedrich wurde das Schloß Friedrichskron von allen Seiten durch Soldaten abgeschlossen und niemand herausgelassen. Jeder, der hinauswollte, auch Personen vom Hof, mußte sich durch eine von den neuen Behörden auszustellende Karte legitimieren, dann konnte man erst durch eine mehrfache von Mannschaften und Offizieren gebildete Postenkette das Schloß verlassen. Auch die Ärzte konnten erst um 3 Uhr Schloß Friedrichskron verlassen, weil die Ausstellung der neuen Karten für alle Beschäftigten viel Zeit erforderte."[357] Nachdem zum Kummer Victorias trotz ihres Widerspruchs an Friedrich III. eine Autopsie vorgenommen worden war, bei welcher die Krebserkrankung zweifelsfrei festgestellt wurde, fand am 18. Juni 1888 in Abwesenheit der Kaiserin seine Beisetzung in der Friedenskirche in Potsdam statt, wo der Sarg bis zur Errichtung des Mausoleums neben dem Altarraum aufgestellt wurde. Der Trauerzug folgte dem Sarg von Schloß Friedrichskron durch den Park von Sanssouci bis zur Kirche. Victoria hatte sich morgens um 6 Uhr noch einmal allein an den Sarg geschlichen, der umgeben von einem Meer von Blumen im Jaspissaal des Schlosses stand, und war dann um 10 Uhr mit ihren drei jüngsten Töchtern nach Bornstedt aufgebrochen. Nachdem die Beisetzungsfeierlichkeiten beendet und die Trauergäste gegangen waren, brachte ein geschlossener Wagen die Kaiserin und ihre drei Töchter in die Kirche. Die Kaiserin schrieb in das Tagebuch: "Die Kirche war leer, strahlte von Kerzen und Blumen. Persius betete mit uns am Sarg. Der Chor sang aus Psalmen, die Orgel spielte - o Gott wie konnte ich es durchmachen."[358] Über den Tag in Bornstedt berichtet Henriette Schrader-Breymann, die ebenso wie Luise Fuhrmann, die den Kaiser in seinen letzten Lebenstagen gepflegt hatte, von der Kaiserin dorthin gebeten worden war, am 19. Juni in einem Brief an ihre Schwester: "Welch eine Frau ist unsere Kaiserin, für mich gibt es überhaupt keine andere Herrscherin. Sie hat in Bornstedt, in diesem reizenden Ruheplatz, wo sie ihr jugendliches Glück durchlebt und mit ihm so vieles geschaffen hat - Arbeiterwohnungen, Kinderhaus usw. - ihn begraben, und ich war bei ihr [...] Fräulein Fuhrmann und ich warteten wohl eine Viertelstunde [in der Bornstedter Kirche], in dem sie [Luise Fuhrmann] mir im leisesten Flüsterton Dinge mitteilte wie sie das le roi est mort - vive le roi in einer Weise durchlebt habe, wie sie es sich als unmöglich gedacht. Mit dem letzten Atemzug unseres Heißgeliebten war die Welt verwandelt für sein Liebstes, was er besaß. Mit dem Sinken der Krone von ihrem Haupt sank die Untergebenheit der Höflinge [...] ich will jetzt nicht reden von der Roheit des Sohnes, der Kaiser geworden ist [...] Fräulein Fuhrmann hat in dieser Richtung Unglaubliches erlebt [...] Ein Diener forderte Fräulein Fuhrmann und mich auf in das Gutshaus zu kommen [...] Nach einer Weile kam Graf Seckendorff und rief uns nach oben [...] Da stand sie vor mir die Witwe von Friedrich dem Einzigen. Sie wandte sich zu mir mit Tränen überströmten, kaum wiederzuerkennenden Antlitze - ich sank vor ihr in die Knie und bedeckte ihre Hände mit Küssen; sie zog mich empor und umarmte mich. 'Frau Schrader - können Sie es fassen, daß er tot ist', schluchzte sie [und] sagte: 'Ja, ich beklage Sie, Ihren Mann, alle unsere Freunde, die ganze Nation, ach die ganze Welt - daß er nicht mehr ist! Wie hat er sein Volk geliebt [...] Er hätte doch den Frieden gebracht, aber ohne Ihn? 'Die' - und sie machte eine mir verständliche Miene und Handbewegung - wäre nach und nach verschwunden; mit Geduld und seiner Kraft und Liebe wäre alles gut geworden und für das Rechte scheute auch Er den Kampf nicht [...] Ich will seinen Geist verteidigen ... Sein Höchstes war ich nicht, das war sein Volk; aber sein Liebstes, Frau Schrader, ja das war ich, und ich war auch sein treuer Wachhund, ich habe ihn behütet [...] vier Tage und Nächte war ich (hintereinander) um ihn, Er konnte mich nicht missen, und ich konnte ihn nicht verlassen, ich fühlte mich selbst nicht; aber als alles vorbei war, da war es auch mit mir vorbei, da konnte ich nichts mehr'." Das Resümee Henriette Schrader-Breymanns über Victoria lautet abschließend: "Sie ist als liebendes Weib gebrochen, aber als Erbin seines Geistes ungebeugt, und ihr ganzes Sinnen und Sehnen geht auf die Erfüllung seines Programmes."[359] Eine Erfüllung des Programms Kaiser Friedrichs III. wollten sein Nachfolger und Bismarck aber auf jeden Fall verhindern. Seine Witwe, die sich nun Kaiserin Friedrich nannte, mußte Schloß Friedrichskron zum 30. September 1888 verlassen. Der neue Kaiser machte die Namensgebung seines Vaters wieder rückgängig und bezog das "Neue Palais" nach umfassender Neugestaltung - das Sterbezimmer seines Vaters wurde zu einem Durchgangszimmer - im darauffolgenden Jahr. Eine Wohnung in einem der Schlösser im Park von Sanssouci, die sie wegen der Nähe zur Friedenskirche gerne gehabt hätte, wurde der Kaiserin nicht bewilligt. In Berlin blieb ihr das Kronprinzenpalais. "Man möchte mich von hier entfernen, aus Angst ich könnte Einfluß auf Wilhelm nehmen und ich könnte das Publikum an Fritz erinnern, die Liebe zu ihm, die Sehnsucht nach ihm wach halten und irgend einen Zusammenhang mit der liberalen Partei unterhalten und ihr Stütze gewähren. Wie töricht.", trägt die Kaiserin unter dem 28. Juni 1888 in das Tagebuch ihres Mannes ein.[360] Möglichkeiten zu politischem Handeln hatte Kaiserin Friedrich nicht mehr. Noch nicht einmal den Vorsitz über die Deutsche Rote Kreuz Gesellschaft und den Vaterländischen Frauenverein durfte sie nach dem Tode ihrer Schwiegermutter 1890 übernehmen. Kaiser Wilhelm habe ihr erklärt: "Du brauchst Dich nicht darum zu kümmern, meine Frau hat mit der Kaiserin Augusta vor einem Jahr verabredet, daß sie ihren Platz einnehmen soll", berichtete Victoria ihrer Mutter am 13. Januar 1890.[361] Lediglich diejenigen Vereine, deren Protektorat sie bereits als Kronprinzessin übernommen hatte, blieben unter ihrer Obhut. Es gab noch unzählige Kränkungen und Enttäuschungen, aber niemand stand mehr auf, um sie in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Sie sei vollkommen vereinsamt und ihr Leben könne sich nur darauf beschränken zu lernen, es mit Tapferkeit zu ertragen, hatte sie schon im September 1889 an ihre Mutter geschrieben.[362] |