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atsachen sind Todfeinde
der Hypothesen. Heut kann nicht
mehr wie vor fünfzig Jahren die
Wesentlichkeit oder
Unwesentlichkeit des deutschen Kunstgewerbes
in Frage gestellt werden. Heut
haben wir ein blühendes, fast allzu
fordernd sich gebärdendes neues
deutsches Kunstgewerbe. Die deutsche Kleinkunst,
die nach Macchiavellis Ausspruch im Anfang des
16. Jahrhunderts ganz Italien mit Kunstprodukten
versorgte, ist in neuer Kraftfülle wieder erstanden.
Zu ihrem frischen Lebenswillen half vor allem die
Kaiserin Friedrich. Sie fühlte sich als Tochter des
Prince Consort zum Eingreifen verpflichtet. In
England hatte das Interesse an solcher Produktion keine
jahrhundertelangen Stockungen erlebt. "Welches
Land hat im Handel mehr Gewinn, das, welches
vorzüglich schöne Modewaren, wie Frankreich, oder
welches mehr alltägliche Bedürfnisse schön verfertigt,
wie England?" hatte schon 1787 ein Mitarbeiter am
Journal des Luxus und der Moden gefragt. Prinz
Albert wünschte diesen Ruhm dem Reich seiner
Gattin ungeschmälert zu erhalten. Er hatte
eingesehen, daß der Handwerkerstand im Lande der
höchstentwickelten Maschinentechnik durch
wissenschaftliche Schulung zu neuen Ehren geführt werden
mußte. Er hatte mit großer Genialität 1851 die
erste Weltausstellung ins Leben gerufen, das System
der Wanderausstellungen (Loan Exhibitions)
begründet, mit Semper eifrig Sammlungen bester
Originalstücke angelegt und es herrlich weit bis zur
Eröffnung des South Kensington-Museums gebracht.
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Der nationalökonomisch geschulte Geist seiner Tochter
konnte das durch diese Ursachen für den englischen
Kunstgewerbemarkt neugeschaffene Ausfuhrverhältnis
nicht unterschätzen. Die Nutzanwendung solcher
Lehren auf Deutschland wurde ihr zum Pflichtgebot.
Sie erkannte den Geist der Erstarrung in ihrem
zweiten Vaterlande, sah, daß man seit den Tagen
der Beuth, Schinkel und Böttcher geistlos in
Nachahmung griechisch-römischen Klassizismus verharrte.
Schmerzlich entbehrte sie die frischen Brisen vom
Weltmarkt, die frei die englische Kolonialwelt
durchwehten. Von dorther hoffte sie fruchtbringende
Berührung und entsandte zum Studium dieser
Verhältnisse und der englischen Sammlungen und
Lehranstalten den ausgezeichneten Nationalökonomen
Dr. Schwabe 1865 nach England. Das Resultat
seiner tiefgehenden Studien war ein beredter Appell
an das deutsche Gewissen. Er erklärte, wir brauchen
wie tägliches Brot Kunstschulen und
Kunstgewerbemuseen, England überflügelt die Kulturwelt in der
Kunstindustrie, weil es wirtschaftlich reformierte,
stellt durch Kunstschulen und Museen den
Zusammenhang zwischen Gewerbe und Wissenschaft her. Mit
Nationalstolz betonte er das Vorhandensein edler
deutscher Kunstgüter dank des Sammeleifers deutscher
Könige und Bürger. Ihr habt eine blühende große
Industrie, war seine Überzeugung, wenn mit
englischer Geräuschlosigkeit, Logik und Energie
organisiert wird. In diesem Sinne delegierte die
Kronprinzessin Victoria 1867, völlig übereinstimmend mit
den Wünschen des Gatten, ihre Vertrauensmänner
für das Komitee zur Gründung eines deutschen
Gewerbemuseums.
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Um nach dem Vorbild des South
Kensington-Museums Ausstellungen zu erzielen, lieh
das hohe Paar seinen ganzen Kleinkunstbesitz auf
Jahre. Leihweise wurden auch kostbare Bilderwerke
an die Bibliothek zum Gebrauch der Handwerker
überlassen. An einer ersten überraschenden
Kunstgewerbeausstellung 1872 im Zeughaus, deren Seele
das Kronprinzenpaar war, wurde den Staatsbehörden
die Notwendigkeit eines Kunstgewerbemuseums klar
gemacht. 30000 Mk. fielen dem Unternehmen durch
Fürsprache der beiden Protektoren aus allerhöchstem
Dispositionsfond zu. Erstaunlich ist die Höhe
persönlicher Geldopfer und Geschenke der
Kronprinzessin für die gute Sache. Die Jahresberichte des
Gewerbemuseums werden zu ihren Zeugen. Eine
ständige Mitgliedschaft bezahlte sie vorerst mit 1000
Talern jährlich, 1877 zeichnete sie sogar 18000 Mk.
Nichts spricht wie ihre jährlich einlaufenden
Schenkungen von dem Bestreben, einen Universalismus
des Geschmacks zu erzielen. Sie spendete
altitalienische und japanische Stoffe, englische
Keramiken, orientalische Teppiche, syrische Satteldecken,
friesische und norwegische Holzschnitzereien, russische
Stickereien und Abgüsse von Nürnberger
Grabsteinplatten. Eine Musterkarte aller Jahrhunderte und
aller Länder war sie zu schaffen bemüht.
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Entscheidend für den endgültigen Beschluß zum Bau eines
würdigen deutschen Kunstgewerbemuseums wurde
die durch das Einschreiten des Kronprinzen
herbeigeführte Übergabe von 7000 Kleinkunstwerken aus
den Schätzen alten Staatsbesitzes in der Königlichen
Kunstkammer. Am Geburtstag der Kronprinzessin,
am 21. November 1881, wurde der edle Bau in der
Prinz Albrechtstraße eingeweiht. "Es ist uns beiden
eine hohe Freude, heute hier zu sehen, zu welchem
Segen gereift ist, was die Kronprinzessin im Sinne
ihres hohen Vaters anstrebte", sagte der Kronprinz
in seiner Dankrede. Er vor allem wünschte ihre
Verdienste gebührend gewürdigt. Bei der Übergabe
eines künstlerischen Tafelgeschirres durch die
Deputation der preußischen Städte zur Hochzeit des Sohnes
fragte er in berechtigtem Stolz: "Und wem danken
wir, daß dergleichen heut bei uns gemacht wird?
Doch nicht zuletzt meiner Frau?"
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Auf den
Schulbänken der Kunstschule des Kunstgewerbemuseums
saß bald die deutsche Kronprinzessin mit ihren Söhnen
zeichnend. Hier bekam sie Respekt vor der
Gründlichkeit der Methode. Sie nahm fortan, um jeden
Dilettantismus in sich zu unterdrücken, zweimal
wöchentlich Anatomieunterricht bei Professor Ewald.
"Fortschritt ist Beherrschung der Materie", hatte
der große englische Denker Buckle sie gelehrt. Sie
beherrschte so viel des Technischen und Historischen
im kunstgewerblichen Wissen, daß ihr Mäzenatenlächeln
den Fortschritt der deutschen Kleinkunst sichern mußte.
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Im vollen Mißverstehen des Begriffs
Renaissancegeist hat man der Kaiserin Friedrich einen Vorwurf
aus ihrer Vorliebe für diese Kunstepoche gemacht.
Man schalt sie einseitig, weil man vergaß, daß die
Renaissance die Phase universalster Kunstbestrebungen
ist. Wenn die Antike mit ihren Werken voller
Gesundheit, Grazie und Würde, und die Renaissance,
der Spiegler und Mehrer jener Großzeit, ihr
Kunstideal am reinsten verkörperte, erhöht sich ihre
kulturträgerische Bedeutung. Renaissancereif sein, heißt
dogmenlos genießen können, heißt das Terribile
Signorellis wie die Süße Angelicos, den Titanismus
Michel Angelos, wie das Olympiertum Rafaels
auszukosten verstehen. Renaissancegeist bedeutet
Sinnenfreudigkeit und den Gedankenhochflug des Idealisten,
die sich durch Großheit der Formen künden. "Ich
sage auch noch, daß man die direkten Gegensätze
nahe nebeneinanderstellen und zusammenmischen
soll, denn sie verleihen einander große Steigerung,
und zwar um so mehr, je näher sie beisammen sind,"
war ein Künstlerrat Leonardos, des Meisters, der die
Gegensätzlichkeit der Renaissancezeit am
bedeutsamsten in sich zusammenfaßte. Diesem
Kunstprinzip des Renaissanceklassikers entsprach die
Kunstauffassung der Kaiserin Friedrich. Sie verstand dem
Gegensätzlichen gerecht zu werden, deshalb konnte
ihr nichts Künstlerisches fernliegen.
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Ihrem Witwenschloß bei Kronberg hatten das
Mittelalter und die Renaissance, vor allem die
italienische Renaissance und auch die englische Gotik
ihre edelsten Besitztümer gespendet. "Hier strömt
der berückend warme Hauch wie von patinierten
Kunstwerken", war das Urteil eines kunstverständigen
Gastes. Alle künstlerischen Berater, die sie in ihre
Nähe zog, rühmen übereinstimmend ihren
Universalismus. Männer wie Geheimrat Lessing, die
Professoren Ewald und Hertel nennen ihren Geschmack
einen absolut sicheren, meinen, daß ihr Instinkt
ganz zuverlässig auf das Beste steuerte. Sie
versichern, daß die Bewunderung der Renaissance sie
nicht hinderte, für China und Japan, für die Gotik,
für alle echte Kunst der Moderne Verehrung zu
zeigen, daß primitive Bauernarbeiten, Spuren irgend
eines phantastischen Rituals ihr Interesse fesselten
wie Werke der hohen Kunst.
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Aus gründlichen
Studien hatte sie sich eine genaue Kenntnis der
gesamten Stilgeschichte erworben. Als der antike
Lorbeerkranz, den der Zeichenlehrer für das
Geburtstagsgeschenk des Prinzen Wilhelm für den Großvater
entworfen hatte, ihrem Geschmack nicht entsprach,
zeichnete sie sofort einen Kranz im Stil der
normännischen Gotik. Ihr gleiches Entzücken über
das Wiederauferstehen der Olympia wie der Pergamonskulpturen
bewies, daß sie einer im eminenten
Sinne auf Fernwirkung, auf das Summieren des
Reinkörperlichen gerichteten Frühkunst, wie der
Genialität einer Spätkunst voll höchstem Pathos und
höchster Virtuosität gerecht werden konnte. Sie
hat zu den ersten Verehrern der Muse Böcklins in
Deutschland gezählt. Ebenso gab es in ihrer
Wertschätzung zwischen Werken der Groß- oder
Kleinkunst keine Gradunterschiede. Sie konnte sich
leidenschaftlich für ein paar wiederentdeckte
frühgotische Fresken in der Kronberger Kirche, wie
für die Formen der Kirchturmkreuze des Taunus
interessieren. Ihr hinterließ der feinsinnige Sammler
Robert Tornow die Schätze seiner kunstgewerblichen
Musterstücke aller Zeiten mit der testamentarischen
Bemerkung: "Ich habe mich lange nach einer
Persönlichkeit umgesehen, von der ich annehmen durfte,
daß der Besitz für dieselbe keine Last und die Freude
daran eine ähnliche sein würde, wie ich sie während
meines Lebens genossen habe." Dem
kunstgewerblichen Enthusiasmus der Kronprinzessin Victoria
dankte Deutschland eine neue Ära kunstindustriellen
Lebens. Ihr Mäzenatentum mußte fördern, weil es
auf historischer Bildung fußte.
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Dem künftigen Biographen mag es vorbehalten
sein, in dem Charakterbild dieser Fürstin die Schatten
neben den Lichtern aufzudecken. Ein Mensch sein,
heißt auch ein Irrender sein, und wenn die Irrtümer
nicht wären, gäbe es keine Vollkommenheiten. Die
Kulturgeschichtschreibung kann das Porträt der
Kaiserin Friedrich nur in den hellsten Farben malen.
Sie hat nur nach den Leistungen, nach dem
Bleibenden zu fragen. Sie darf nichts mit den Beurteilern
gemein haben, auf die Marie von Ebners Vorwurf
zutrifft: "Vom ganzen Achilles sehen sie nur die
Ferse."
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