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Konturen

ier soll keine Biographie der Kaiserin Friedrich geschrieben werden. Diese Ehrenschuld muß die Zukunft abtragen. Ihr erst wird die Historie Einsicht in die heut streng verschlossenen Materialien gestatten. Hier soll nur an der Hand von geleisteten Werken das Charakterbild einer Kulturträgerin frisch aufgedeckt werden, so wie früh verwitterte Inschriften eine neue Vergoldung bekommen, um ihren Inhalt wieder aufleuchten zu lassen. Merkwürdig schnell sind im Volksbewußtsein die Schriftzüge verblaßt, die der Kaiserin Friedrich Taten künden. Der Parteien Haß und Gunst hat sie bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Aber in Zeitideen und Institutionen lebt ihr Wollen weiter; denn sie sah über ihre Tage hinaus, wußte, was den kommenden Geschlechtern Bedürfnis sein würde. Die Zeugen ihres Geistes sind so verschiedener Art, daß der Rückschluß auf ihre Persönlichkeit einen kaum faßlichen Reichtum offenbart. In welcher Richtung wir auch nachprüfen, immer ergibt jeder Teil eine Ganzheit. Gleicherweise haben Gemüt und Geist hier starke Bedürfnisse gehabt. Wir erkennen das Weib in all seiner Mütterlichkeit und häuslichen Tugend, die Künstlerin voller Talent und feinem Ästhetensinn, die Gelehrte mit scharfsichtigem Intellekt und die Fürstin mit ihrem Verantwortlichkeitsgefühl für die Gesamtheit. Die Vielseitigkeit des Wesens ist das Verwirrende, denn "nur das Gemeine begreift man schnell, und nur das Gewöhnliche ohne Mißgriff und Irrtum".
An dem Lebenslauf der Kaiserin Friedrich erfüllt sich der Gedanke Emersons: "Die Umstände sind gleichgültig, der Mensch ist alles." Sie trug achtzehn Jahre den Titel einer Prinzeß Royal von England, dreißig Jahre lang hieß sie die Kronprinzessin von Preußen und 99 Tage die Kaiserin von Deutschland; aber aller Machtzuwachs hat ihrem Willen keine Freiheit des Handelns gebracht. Mit 48 Jahren war sie als Kaiserin-Witwe zur Passivität verurteilt. Dieser historische Gang stempelt ihr Leben mit dem Gepräge der Tragik. Das Licht leuchtete, aber es wärmte nicht. Wer nur aus diesen Faktoren das Resultat ziehen will, muß das große Defizit herausrechnen. Aber dem edlen Menschen gestaltet sich die Welt aus der eigenen Seele, nicht wie den Vielzuvielen aus äußeren Einflüssen. Gewisse Naturen, vor allem die der reichen Liebesfähigkeit, tragen unberechenbare Glücksmöglichkeiten in sich. Tritt hierzu noch eine nimmermüde intellektuelle und ästhetische Sehnsucht, dann gibt es einige unter unseren Weggenossen, denen unsichtbare Paradiese eignen. So kam es, daß sie nach dem Tode des heißgeliebten Gatten, bevor auch die letzte Tochter durch einen Ehebund von ihr ging, nach England schreiben konnte: "Ich bleibe als einsame Witwe; aber noch gibt es so viel, um dankbar zu sein. Ich kann mich an den Freuden anderer so aufrichtig miterfreuen." Also zu den vielenttäuschten, nicht zu den unglücklichen Frauen zählen wir die Kaiserin Friedrich. Eine Natur wie die ihre konnte durch die Schwere der Umstände auf das tiefste gebeugt, nicht gebrochen werden.
Spärliche Lorbeeren sind der Gruft dieser Frau zugemessen worden. Die redselige Presse, die den Tod jedes Brettlhelden mit endlosen Feuilletons begleitet, ist hier merkwürdig wortkarg verfahren. Kaum ein paar ernsthafte Nachrufe sind als Ernte gesproßt. Zu unserem Beitrag half nur, was als Dokument ihres Wollens fortbesteht. Nur was aus der Fülle ihrer Individualität keimgebend und keimfördernd auf viele Kulturgebiete hinwirkte, ist hier zu Rate gezogen worden. Wir schreiben den Epilog, den ihre Kulturarbeit diktierte, denn "gute Werke erweisen sich als besser durch die Hilfe guter Epiloge".
Ein Attribut hat die gesamte Presse der Kaiserin Friedrich in ihren Nachworten zusprechen müssen - das der "bedeutenden" Frau. Selbst politische Gegner fühlten sich zu verehrungsvoller Verneigung vor ihrem "edlen Gemüt und hohen Geist" genötigt. Wie die Moral der Fabel, wurde den meisten Schlußurteilen über dieses Frauenleben nur ein tadelnder Hinweis auf ihr allzu beharrliches Engländertum angehangen. Man verurteilte an ihr, was jeder Deutsche heut in heißem Bemühen zu erringen strebt: den Heimatsinn. Es fanden sich allerdings auch Verteidiger, meist solche, die aus eigenem Erlebnis die Kulturfreiheit in der britischen Weltmacht, die Noblesse englischen Lebensstils kennen gelernt hatten. Diese Einsicht hatte ein Deutscher, der eigne Vater, nachdrücklich der Tochter aufgehen lassen. Er, der Koburger, der als Prince Consort nach einem Wiederbesuch Deutschlands an den Onkel, den König Leopold von Belgien, über sein Vaterland schrieb: "Ich fürchte, ich liebe es fast zu sehr", empfand gerade als Prinzgemahl die Verpflichtung, den Kindern mit einer wahrhaft sittlichen, auch eine wahrhaft englische Erziehung zu geben. Reif gemacht durch eine religiöse Auffassung, die keinen Unterschied des Glaubensbekenntnisses kannte, durch wissenschaftliche und künstlerische Anregungen, die das Altgewordene wie das Neuentstandene achteten, durch soziale und politische Einblicke und Reisen, war die erste Prinzessin Großbritanniens als achtzehnjährige Kronprinzessin in Preußen eingezogen. Eine bedeutungsvolle Historie hatte an den verschiedenen Schloßresidenzen der königlichen Mutter zu ihr gesprochen. Sie war "der kleine Minister" ihres Vaters gewesen, war voll von dem Geist eines Reiches, das sich als das größte staatenbildende Genie Europas erwiesen hatte. Aus dem Kreise eines Hochadels, der sich selbstbewußt als Hüter jahrhundertealter Kultur empfand, in dessen Palästen und Landsitzen unschätzbare Perlen der Groß- und Kleinkunst wie Brombeeren vorkamen, aus einem Volk voller Nationalstolz und freiem Bürgersinn, zog sie vorurteilsfreien Blickes in die neue Heimat ein.
Schritt vor Schritt mußte sie es nun erlernen, sich mit engeren Verhältnissen abzufinden. Auf das Großbritannische folgte das Preußische, - das Preußische aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts! Ihre in Freiheit dressierten Instinkte mußten oft rebellierend einem pedantischen Zeremonien-Drillsystem gehorchen, das ihr mit "der kristallinischen Schärfe des Altpreußentums" fühlbar gemacht wurde. Gab es doch selbst in ihrer neuen Heimat, während Preußens überraschender Entwicklung vom Sonderreich bis zum Führer eines imperialistischen Deutschlands, nicht wenige, die wie der englische Historiker Justin Mac Carthy dachten: Man erkannte nur sehr allmählich und erstaunt ein Volk von Feldherren und Staatsmännern, wo man bislang eine Rasse erblickt hatte, die bestimmt war, Bier zu trinken, Tabak zu rauchen, philosophische Systeme zu erfinden und von champagnerisierten Königen gedrillt zu werden. Oder man empfand auch ähnlich der Kaiserin Eugenie, die nach dem ersten Eindruck des Verlobten der Prinzeß Royal an die Königin Victoria schrieb: "Ein Germane, wie ihn Tacitus schildert, von ritterlicher Höflichkeit, nicht ohne einen Hamletschen Zug. Sein Begleiter, General Moltke, ist ein wortkarger Herr, aber nichts weniger als ein Träumer. Er ist immer spannend und gespannt und überrascht durch die treffendsten Bemerkungen. Es ist eine imponierende Rasse, die Deutschen. Louis (Napoleon) sagt, die Rasse der Zukunft. Bah, so weit sind wir noch nicht."
Öde Verfassungskämpfe, eine zögernde Regierung und engherzige Reaktionsminister sah die Kronprinzessin um sich, als sie, die Achtzehnjährige, das Herz geschwellt von hochfliegendem Hoffen, in Preußen ihren Einzug hielt. Sie wie der gleichgestimmte Gatte glaubten damals bereits an die Notwendigkeit einer Führerschaft Preußens im geeinten Deutschland. Droysens Abhandlung: "Karl August von Sachsen-Weimar und die Nationalpolitik", die diese Idee unterstrich, war von der einstigen Prinzeß Royal schon in ihre Muttersprache übersetzt worden. Es war natürlich, daß sie trotz allen Strebens, gut deutsch zu werden, ihr Engländertum um so weniger abstreifen konnte, als nach Hinzpeters Wort "das unbegrenzte Selbstbewußtsein der preußischen Gesellschaft und das ebenso unbegrenzte Selbstgefühl der jungen englischen Prinzessin einander oft schroff begegneten". So mag sie aus eigenem Verletztsein zuweilen verletzt haben, und man rechnete es ihr scharf in der neuen Heimat an - eine Größe, die im Werden begriffen ist, empfindet jeden Mangel an Hochschätzung weit peinlicher, als die anerkannte Größe. Mächtig redeten die Ereignisse von 1866 und 1870 von der Tatsache, daß ein neues Preußen und ein neues Deutschland geboren wurden.
Die deutsche Kronprinzessin jubelte den Siegern zu, an deren Spitze der Gatte ruhmverklärt heimkehrte. Sie hoffte als Herrscherin einst diesem erstarkten Volk alle Segnungen eines inneren Kulturausbaues zu spenden. Aber sie sah die Erfüllung dieses Ziels nicht in triumphierendem Bismarcktum, und hierin lag ihr verhängnisvoller Irrtum. Sie glaubte an die Macht sozialer und künstlerischer Ideale, hoffte mediceische Tage wiederherstellen zu können, als der Zeitgeist die praktische Vernunft und die scharfkantige Logik einer Realpolitik auf den Thron erhob. Sie trachtete, die Gedanken Stuart Mills und Herbert Spencers für ihr Geschlecht in die Tat umzusetzen, als die Majorität der deutschen Frauenwelt solchen Bestrebungen gegenüber noch teilnahmslos verharrte. Erst ihr Kaisertum hätte die Offenbarung ihres echten Deutschtums gebracht.

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