Gartenlaube 33 Nr. 46, Seite 761 (Oktober 1885)
|
An die Redaktion der "Gartenlaube"
Sie beehren mich mit der schmeichelhaften Aufforderung, "einen Text zu
den drei Holzschnitten nach Arbeiten Ihrer kaiserlichen Hoheit der
Frau Kronprinzessin zu schreiben." Sollte ich wirklich die geeignete
und fähige Persönlichkeit dafür sein? Vor Jahr und Tag
brachte eine Düsseldorfer Zeitung einen fulminanten Artikel, in
welchem dem bekanntem Maler pp. A. v. W. auf den Kopf zugesagt wurde,
daß er ex cathedra dem schönen Geschlecht jedwege Befähigung
und Berechtigung zur Ausübung der bildenden Kunst abgesprochen habe
- was sich indeß mit dem Respekt und der Verehrung, welche derselbe
dem schönen Geschlechte zollt, durchaus nicht vereinen läßt
-, und vor ganz kurzer Zeit hinwiederum brachte eine Berliner Zeitung
die interessante Mittheilung, daß "der Professor X. - ein
vielgenannter Künstler welcher vorwiegend Haupt- und Staatsaktionen
malt" (allem Anschein nach mit dem oben citierten A. v. W. identisch),
"bei einem Souper den bedeutungsvollen Ausspruch getan haben soll:
unsere malenden Damen malten und zeichneten besser wie Michel Angelo
und Raphael" - was wiederum seiner Ehrlichkeit etwas viel zugemuthet
heißt! Glücklicher Weise liegt für beide Zeitungen nicht die
Veranlassung vor, den Beweis der Wahrheit antreten zu müssen, und
der so schwer Belastete wird versuchen, die Scylla und Charybdis
obiger Behauptungen furchtlos zu durchsegeln.
|
|
In meinem Arbeitszimmer hängt unter allerlei Skizzen und
Zeichnungen auch eine Bleistiftzeichnung, eine junge Dame in elegantem
Schleppkleide, einen dunkelen Spitzenschleier um Haupt und Schultern
geschlungen, darstellend, deren leichte und doch markige
Darstellungsweise stets die Aufmerksamkeit kunstliebender und
kunstübender Besucher - welche dies Zimmer zahlreich sieht - auf
sich zieht. Auf die Frage nach dem Autor, dessen Monogramm etwas
undeutliche VKpss. 1875 lautet, erfolgt bei dessen Nennung
regelmäßig neben anerkennenden Äußerungen über die
Bravour und Korrektheit der Zeichnung die Frage: "Hat sie das
wirklich allein gezeichnet?" Und verwunderlich ist diese Frage gerade
nicht gegenüber der landläufigen Anschauungsweise von der
Befähigung für die bildende Kunst im Allgemeinen und der
Ausübung derselben durch Höchsstehende Damen im Besonderen und
gegenüber dem Maßstab, welchen die Kritik an künstlerische
Leistungen anlegt. Die hohe Frau indeß, von welcher die oben
beschriebene Zeichnung herrührt, und von welcher die "Gartenlaube"
die drei nebenstehenden Studienblätter in vorzüglicher
Reproduktion zu bringen im Stande ist, befindet sich, dank ihrem Talent
und ihren unermüdlichen Studien, in der bevorzugten Lage, im
vollsten Maße jene Kritik ertragen zu können, wie sie der
Künstler dem ebenbürtigen Künstler gegenüber zur Anwendung
bringt, und ihr Wollen und Können befindet sich auf einem Punkte,
welchem gegenüber Schmeicheleien nicht mehr als Komplimente
aufgefaßt werden.
|
|
Als ich bald nach der Rückkehr aus dem Feldzuge 1871 die Ehre hatte,
der Frau Kronprinzessin vorgestellt zu werden, um meine Skizzen aus
Versailles vorlegen zu dürfen - ich erinnere mich des Moments noch
wie heute: die Frau Kronprinzessin trug, während sie die Skizzen
besichtigte, das jüngst Töchterchen auf dem Arme, welches mit
dem eisernen Kreuze am Halse des erlauchten Vaters spielte - da war
ich überrascht von den treffenden und sachverständigen
Bemerkungen, mit welchen die hohe Frau die vorgelegten Blätter
begleitete. Ich hatte ja schon früher Arbeiten dieser
fürstlichen Künstlerin gesehen, unter Anderem jene durch die
Lithographie vervielfältigten preußischen Soldatenfiguren,
welche gelegentlich des 1864er oder 1866er Feldzuges entstanden waren;
aber ich gestehe, daß ich selbst damals nicht um die Frage herum
gekommen bin: "Hat sie das wirklich selbst gemacht?" - was zwar nicht
schön, aber doch begreiflich war. Inzwischen, seit 1871, habe ich
fortgesetzt Gelegenheit gehabt, die künstlerischen Bestrebungen und
Studien der hohen Frau zu verfolgen.
|
|
Das Jahr 1875 brachte mir den Vorzug, unvergleichlich schöne
Maitage in der Nähe der kronprinzlichen Herrschaften in Venedig zu
verleben.
Die Frau Kronprinzessin genoß die Kunstschätze
Venedigs, studirte, zeichnete und malte unermüdlich, nach den
Kunstwerken der vergangenen hehren Kunstepoche Venedigs, oder nach der
Natur auf dem Markusplatz und in den Kanälen, oft ganz allein und
unerkannt, oder sie malte Studienköpfe in Passini's Atelier mit uns
Anderen zusammmen. Eine kleine Aquarelle von mir erinnert an einen
jener Tage: die Frau Kronprinzessin, einige Bekannte, auch meine
Wenigkeit, wir hatten gemeinschaftlich im Klosterhof von San Gregorio
aquarellirt, und die Frau Kronprinzessin hatte sich zuletzt - im
scharzen mit weißen Spitzen besetzten Kleid und Rubenshut mit
weißer Feder - als Staffage gestellt, auf einen Korb voll Zwiebeln
und Fenchel gelehnt, welchen ein vorübergehender Junge dazu
hergeliehen hatte. Ich hatte damals fast täglich Gelegenheit, die
Skizzenbücher der hohen Frau zu sehen, und war bei jedem Blatt
überrascht durch den sicheren Blick, mit welchem überall das
Künstlerische, Malenswerthe herausgefunden, und die Sicherheit,
Derbheit und Richtigkeit, mit welcher der Gegenstand, gleichviel in
welcher Technik, zur Darstellung gebracht war. Und höher noch als
ihr technisches Können schätzte ich das künstlerische
Verständnis und Empfinden der hohen Frau, wie es gegenüber den
Werken der Kunst und den Eindrücken der Natur bei jeder Gelegenheit
zu Tage trat.
|
|
Alles Glück und alle Poesie jener goldigen Maitage von Venedig
empfand die Frau Kronprinzessin in der Freude am eigenen
künstlerischen Schaffen in jenem Maße, wie nur der Künstler
sie empfinden kann, und es war, als ob die Kunst selbst der
kunstsinnigen Fürstin ein Bild zu unvergeßlicher Erinnerung stiften
wollte, an jenem Abend, als das hohe Paar von Venedig Abschied nahem
und das Gedränge der fackelbeleuchteten Gondeln den Canal grande
füllte und der Mond in vollster Pracht seinen Schimmer über die
im Lichterglanz erstrahlenden stolzen Paläste und den Rialto
hinabsandte..., es war ein Bild wie es Oswald Achenbach nicht
schöner malen kann!
Seit jener Zeit hat die Frau Kronprinzessin
trotz der vielfachen Pflichten, welche ihre hohe Stellung ihr
auferlegt, unausgesetzt künstlerische Studien nach den
verschiedensten Richtungen hin verfolgt, mit immer offenem Auge für
die Offenbarungen der Natur und für die Schöpfungen alter und
moderner Kunst. Ohne direkte Lehrmeister zu haben hat die hohe Frau
doch von den Eindrücken Nutzen gezogen, welche die praktische
Thätigkeit hervorragender Künstler auf sie ausübte, so
z.B. unter Anderen Professor von Angeli als Portraitmaler, der
vorstorbene treffliche Chr. Wilberg und Ascan Lutteroth als
Landschafter und speciell Aquarellisten und Professor Albert Hertel
als Stilllebenmaler. Treffliche Portraitsstudien, z.B. die
lebensgroßen Bildnisse des Prinzen Wilhelm und der Frau
Erbprinzessin von Meiningen im Renaissancekostüm weisen auf den
Einfluß von Angeli's hin, und die zahlreichen mit
überraschender Leichtigkeit und Sicherheit gezeichneten und
aquarellirten Reiseskizzenblätter lassen durch ihre Technik
errathen, daß Wilberg und Lutteroth nicht ohne sichtbaren Erfolg
den Vorzug genossen haben, im neuen Palais in Posdam oder in Italien
und der Schweiz in der Nähe der kunstsinnigen Fürstin gewesen
zu sein.
|
|
Von den drei hier reproduzirten Blättern zeugt der Studienkopf -
dessen Original mir wohl bekannt ist - von solch ernsthafter Zeichnung
und schlichter eindringlicher Naturanschauung, das Stillleben - ganz
abgesehen von seiner trefflichen malerischen Behandlung - läßt
erkennen, wie die hohe Künstlerin bestrebt ist, auch dem schlichten
Stillleben eine tiefere und ernstere Bedeutung abzugewinnen, und das
Landschaftsblatt: Pegli 1879 ist eins von jenen Hunderten von
Reise-Erinnerungsblättern aus den Mappen und Skizzenbüchern der
Frau Kronprinzessin, bei dessen routinierter Darstellungsweise man
schwerlich auf den Gedanken kommen würde, daß der Autor nicht
ein für illustrirte Blätter unausgesetzt zeichnender
Künstler, sondern - die Kronprinzessin des Deutschen Reiches ist.
|
|
Welchen bedeutungsvollen Einfluß die Frau Kronprinzessin auf die
Entwicklung unserer Kunstindustrie gehabt hat, ist bekannt. Unser
Kunstgewerbemuseum entstand auf ihre Anregung hin 1867 aus kleinen
Anfängen und entwickelte sich unter ihrer Förderung inzwischen
zu jener imposanten Höhe, für welche der am 21. November 1881,
dem Geburtstage der Frau Kronprinzessin eingeweihte Prachtbau der
entsprechende sichtbare Ausdruck ist.
|
|
Die Künstlerschaft weiß die Auszeichnung, die erlauchte
Fürstin zu den Ihrigen zählen zu dürfen, und den Vorzug
daß die bildende Kunst eine freundliche und heimische Stätte im
kronprinzlichen Palais gefunden hat, hoch zu schätzen. Die
begeisterten und herzlichen Huldigungen, welche der Frau
Kronprinzessin aus Künstlerkreisen dargebracht werden, gelten
mindestens ebensosehr der kunstsinnigen und kunstübenden Fürstin
als der Frau Kronprinzessin des Deutschen Reiches. Im Jahre 1860
ernannte die Berliner Akademie der Künste die Frau Kronprinzessin
zu ihrem Ehrenmitglied. Wir sind heute somit in der Lage, das fünfundzwanzigste Jubiläum derselben als Mitglied diese Künstlerkorporation zu feiern, und dürfen mit vollem Recht zu unseren ehrfurchtsvollen Glückwünschen die zuversichtliche Hoffnung gesellen, daß das hohe Beispiel der Frau Kronprinzessin für die Entwicklung und die Bedeutung der Kunst in unserem Vaterlande von glückverheißender und eingreifender Bedeutung ist und sein wird.
Berlin im Oktober 1885. A. v. Werner
|
|
|