4.6. Kunstgewerbe

Es war Victorias Anliegen, "die Interessen der Kunst und des Kunstgewerbes zu fördern und damit das Gedanken-Niveau ihrer Zeitgenossen zu höhen [...]"[181]
In der ersten Hälfte des Jahrhunderts griff man im Bereich des Handwerks üblicherweise auf Vorlagen in Gewerbezeitschriften oder aus Sammlungsmappen zurück. So erhielt man Informationen, die zuvor nur mündlich weitergegeben worden waren. Aufgrund der englischen Vorherrschaft auf diesem Gebiet, die sich jedoch erst nach der 1. Weltausstellung von 1851 entwickelte, da England seinen Rückstand dort erkannt hatte, nutzte man in Preußen vor allem englische Musterpublikationen. Diese waren jedermann frei zugänglich.
Mit der Zeit entstanden in Deutschland Vereine zur Gewerbeförderung, wie in Preußen der 'Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes', und es fanden erste Gewerbe- und Industrieausstellungen, z.B. in Berlin 1844 statt. Jedoch fruchteten all diese Bemühungen aufgrund des mangelnden technischen Fortschritts noch nicht richtig.[182] Dennoch setzte sich der Staat mehr und mehr für die Gewerbeförderung ein und unterstützte einerseits eine verbesserte Publikation der Vorlagenmappen, andererseits sorgte er für die Öffnung von Sammlungen, die nun der Öffentlichkeit und vor allem den Handwerkern als Anreiz zugänglich gemacht wurden.
Der Einsatz der Kronprinzessin für die Gewerbeförderung in Preußen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist sicherlich auf die Erfahrungen zurückzuführen, die sie bei der Konzeption und den Vorbereitungen ihres Vaters für die 1.Weltausstellung gemacht hatte. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt erst 10 Jahre alt war, können wir annehmen, daß sie aufgrund der engen Bindung zu ihrem Vater Prinz Albert regen Anteil daran genommen hatte und daß sich seine Begeisterung für die neuesten Errungenschaften in ihr ein Leben lang fortsetzte. Albert wird seiner Tochter sicherlich von den Ergebnissen und den Vorbereitungen erzählt haben.
4.6.1. Erste Internationale Weltausstellung 1851 in London
"Dieser Tag ist einer der größten und glanzvollsten Tage unseres Lebens, mit dem zu meinem Stolz und meiner Freude der Name meines teuer geliebten Albert auf ewig verbunden sein wird."[183]
Prinz Albert ist als Vater der ersten Weltausstellung, die Neuerungen und technologische Errungenschaften auf den Gebieten der Kunst, Industrie und des Handwerks der Welt präsentierte, in die Geschichte eingegangen. Jedoch war der eigentliche Initiator Henry Cole, Assistant Keeper des Public Recors Office[184] und seit 1845 Mitglied in der Society of Arts.[185] Er legte Albert die Idee der Ausstellung vor und konnte ihn für das Projekt gewinnen. Albert hatte sich schon immer für die Förderung von Industrie und Wissenschaft sowie für Ausstellungen der noch jungen Royal Academy of Arts eingesetzt.[186]
Er hatte das Amt des Präsidenten in der Society of Arts[187], Commerce & Manufactures[188] inne, die für 1851 "eine große Nationalausstellung von vorbildlichen Manufakturwaren und Kunstwerken"[189] plante. Nachdem Cole erfolgreich für seine Idee eingetreten war, entschied man sich für die Ausrichtung der Ausstellung auf internationaler Ebene, welche den Frieden der Völker sichern sollte auf der Basis eines internationalen Wirtschaftsmarktes. In der Eröffnungsrede erklärte Albert, die Ziele seien: "die gedeihliche Beförderung aller Zweige des menschlichen Fleißes und die Befestigung der Bande des Friedens und der Freundschaft unter allen Nationen der Erde."[190]
Neu war ein derartiges Vorhaben nicht, denn zur Wiederbelebung von Handel und Gewerbe gab es bereits sogenannte Industrieausstellungen, die ursprünglich auf die Frankfurter Messe zurückgingen, welche seit Jahrhunderten internationales Ansehen genoß.[191] Im Unterschied zu den regional orientierten Industrieausstellungen, war es Alberts Anliegen, die technischen Neuerungen und Erfindungen, verbunden mit den künstlerischen und handwerklichen Fortschritten von internationalem Ausmaß, der Menschheit vorzuführen.
"Die Ausstellung von 1851 soll deutlich beweisen und lebendig darstellen, welche Stufe der Entwicklung die Menschheit mit ihrer großen Aufgabe, der praktischen Anwendung der Wissenschaften, erreicht hat. Zugleich soll sie für weitere Bestrebungen in allen Ländern richtunggebend sein."[192]
Jedoch war die Skepsis bei den Politikern und der Presse immens und an dem Erfolg der Ausstellung wurde im Vorfeld erheblich gezweifelt. Man befürchtete, daß die internationale Konkurrenz das Gewerbe nicht beleben, sondern eher schädigen würde und so die florierende englische Wirtschaft in den Ruin treiben könnte. Diese Skeptiker wurden eines besseren belehrt, denn obwohl zur Finanzierung keine Steuergelder verwendet wurden, brachte die Ausstellung, die nun zum Vorbild für derartige Unternehmen im 19. und 20. Jahrhundert wurde, sogar einen finanziellen Gewinn für den Staat und der befürchtete Konkurrenzdruck erwies sich als positiv.
Die Öffentlichkeit war von der Ausstellung beeindruckt. Mehr als 6 Millionen Besucher zog es innerhalb von 141 Tagen in den überdimensional konstruierten 'Kristallpalast', in welchem zur Hälfte aus 94 ausländischen Staaten stammende und zur anderen Hälfte englische Werke ausgestellt waren, die zuvor von einem nationalen Komitee ausgewählt worden waren. Für die meisten Menschen war diese Schau die erste Möglichkeit, Güter aus fernen Ländern kennenzulernen und den Fortschritt in Handwerk, Kunst und Wissenschaft zu bestaunen.[193] Auch der preußische Prinz Friedrich Wilhelm war bei der Eröffnung der Ausstellung anwesend und wurde von Vicky, die "dem höchst erstaunten Preußischen Prinzen die Spitzenleistungen der Menschen der ganzen Welt in Wissenschaft, Technik und Industrie [erklärte]",[194] durch die Ausstellung geführt.
4.6.2. Das Londoner South Kensington Museum für Kunstgewerbe
Den Gewinn, den das Projekt abwarf, wollte Prinz Albert nutzen, um eine weitere Vision zu verwirklichen - die von den Skeptikern so genannte 'Albertopolis'. Dabei handelte es sich um die Ansiedlung unterschiedlicher Institute aus Wissenschaft, Erziehung und Kunst, die eine Einheit bilden sollten. Ziel war auch hier wie bereits bei der Weltausstellung die umfassende Förderung des Gewerbes. Beide Vorhaben, die Organisation der 1. internationalen Weltausstellung sowie die Albertopolis konnten nur aufgrund des uneingeschränkten Engagements des Visionärs und Mäzens Prinz Albert realisiert werden.[195]
Für seine Albertopolis ließ er ein großräumiges Grundstück im Londoner Stadtteil South Kensington aufkaufen und beabsichtigte dort die Ansiedlung von Institutionen zur Förderung von Bildung und Wissenschaften ähnlich der Konzeption der Weltausstellung. Dazu zählten Museen, Bibliotheken, Konzertsäle und Colleges.[196] Des weiteren lag ihm daran, die National Gallery ebenfalls in diesen Komplex einzugliedern, denn auf der Weltausstellung war die Kritik laut geworden, die Schönen Künste seien unterrepräsentiert gewesen. Diesem Nachteil wollte er auf diese Weise entgegenwirken.[197] Nicht die Dominanz der englischen Nation sollte demonstriert werden, sondern das Gewerbe unter Anwendung von Wissenschaft und Kunst sollte zum Nutzen aller Nationen im Mittelpunkt stehen. Der Vergleich mit anderen Nationen sollte die eigene Qualität der Gestaltung verbessern, um auf dem Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Dies schloß natürlich auch eine verbesserte Ausbildung sowie die Produktkenntnis historischer Beispiele mit ein. Mit Hilfe von Henry Cole wurden die Ausstellungsstücke von 1851 von der Regierung erworben, um als Vorlage für die Handwerker und Künstler im Museum dienen zu können. Nun trat nun die Institution des Museums an die Stelle der Künstler, die zuvor Musterstücke als Vorbilder für Handwerker bereitgestellt hatten. In Deutschland sollte diese Aufgabe erst in den 70er bzw. 80er Jahren des 19. Jahrhunderts von den Museen, die nun als Bildungsanstalt angesehen wurden, übernommen werden; sowohl England als auch Österreich waren schneller.[198]
Prinz Albert war es jedoch nicht vergönnt, die Fertigstellung seiner Vision mitzuerleben, da er bereits 1861 im Alter von 42 Jahren verstarb. Seine Witwe Victoria setzte all ihre Energie daran, wenigstens einige seiner Pläne in die Realität umzusetzen. Es entstanden die Albert Hall und das Victoria & Albert Museum, vormals auch South Kensington Museum genannt, dessen Grundstock sowohl Objekte der Weltausstellung als auch Stiftungen aus königlichem Besitz bildeten. Konzipiert war es nicht nur als Museum, in welchem die Kunstwerke ausgestellt wurden, auch eine Lehr- und Unterrichtsanstalt war ihm angeschlossen, so daß der Bildungsauftrag des Museum erfüllt werden konnte.[199] Ferner gehörten zu dem Komplex naturwissenschaftliche Institute wie das Science Museum oder das Natural History Museum. Komplettiert wurde das Museumsviertel durch das Royal College of Art und das Royal College of Music sowie das Imperial College.[200] Auch das Albert-Denkmal wurde dort aufgestellt. Auffallend hierbei war, daß Albert nicht etwa mit Herrschersymbolen in der Hand dargestellt war, sondern mit dem Katalog der Weltausstellung. Eingerahmt wurde es von allegorischen Skulpturen, welche das Ingenieurwesen, die Landwirtschaft sowie Industrie und Handel symbolisierten.[201] Seine außergewöhnliche Leidenschaft gepaart mit herausragendem Engagement für die Künste wurden so der Menschheit offenbart. Hintergrund für die Darstellung mit dem Katalog der Weltausstellung anstelle von Herrschersymbolen war neben der Bedeutung, welche die Weltausstellung für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Wohl Englands hatte, die Tatsache, daß Prinz Albert in den ersten Jahren als Ehemann Victorias von der englischen Gesellschaft nicht als politischer Berater anerkannt worden war. Man hatte befürchtet, er würde als Ausländer England schaden können.
Sein Engagement für die Künste und die Wissenschaften auch zur Gewerbeförderung setzte seine Tochter Vicky in Preußen weiter fort, und sie nahm sich zudem passioniert der Verbesserung der Stellung der Frau an.
Auf der ersten Weltausstellung 1851 wurde deutlich, daß das französische Kunsthandwerk sowohl dem englischen als auch in verstärktem Maße dem deutschen offenkundig überlegen war. Dies war für die englische Regierung der Anlaß, sich um eine bessere Gewerbeförderung durch die Begründung des South Kensington Museums und der ihm angeschlossenen Schule zu kümmern. Diese Maßnahmen waren die Grundlage für eine Verbesserung, welche ihre Früchte bereits 1862 auf der zweiten, ebenfalls in London stattfindenden Weltausstellung zeigte. Die Reformen hatten gewirkt, und das englische Kunsthandwerk war innerhalb kurzer Zeit konkurrenzfähig geworden.
Obwohl man auch in Deutschland den Rückstand auf der Ausstellung 1851 und 1862 erkannt hatte, setzte eine Reform erst mit dem Ende der 60er Jahre ein, denn nun erkannte man auch in Deutschland den wirtschaftlichen Erfolg, den eine Förderung des Handwerks bzw. Kunsthandwerks mit sich brachte.[202]
4.6.3. Das Berliner Kunstgewerbemuseum
"Die Lieblingsschöpfung des Kronprinzenpaares war das Königliche Kunstgewerbe-Museum. Die Berliner sagten, das Kunstgewerbe-Museum sei das verlängerte Kronprinzliche Palais."[203]
In die Zeit der ersten Reformbewegung in den späten 60er Jahren fällt auch die Idee zur Gründung eines Gewerbemuseums mit angeschlossener Lehranstalt in Berlin, denn die Unterlegenheit des deutschen Kunstgewerbes war offenkundig geworden. Aufgrund der industriellen Serienproduktion war es im handwerklichen Bereich auf einen künstlerischen Tiefstand abgesunken. Daher wurde eine Reform des Kunstgewerbes aus ästhetischen aber auch nationalökonomischen Gesichtspunkten in jener Zeit vielerorts erörtert. Nur die Ablehnung der Regierung,[204] die die finanziellen Mittel zur Verfügung hätte stellen müssen, und das Desinteresse der Gewerbetreibenden machten die ersten Pläne der Kronprinzessin Victoria zunichte. Ihr Wunsch war gewesen, ein "Museum für deutsche Kunst und Kunst-Industrie" zu erschaffen.
"Maßgeblich waren für sie [Victoria] die Erfahrungen, die sie in England gemacht hatte, und die zunächst dahin gingen, den praktischen Handwerkern die Möglichkeit zu verschaffen, sich durch das Studium mustergültiger Schöpfungen seines Faches für sein eigenes Schaffen zu stärken und sein Gefühl für das Schöne zu entwickeln."[205]
Gemeinhin wird diese Veranlagung für die Künste und Wissenschaften dem geistigen Erbe ihres Vaters zugeschrieben. Häufig glückte es der Kronprinzessin, ihren zögernden Gatten für die Förderung des Kunstgewerbes und der Unterstützung des Museums zu begeistern.
Durchgreifende Veränderungen brachte erst die Londoner Weltausstellung von 1862, auf welcher der sensationelle Aufschwung des englischen Kunstgewerbes seit der 1. Weltausstellung gepriesen wurde.
"Ausnahmslos ist von allen Autoritäten anerkannt worden, dass die Engländer auf der Ausstellung von 1862 gegenüber der von 1851 sehr bedeutsame Fortschritte gemacht hatten, die nur ihrer Förderung der Kunst-Industrie zuzuschreiben sind."[206]
In demselben Jahr 1865, als man zum ersten Mal ernsthaft ein Gewerbemuseum plante, sandte die Princess Royal den Berliner Nationalökonomen Hermann Schwabe nach England mit dem Auftrag, den Erfolg der kunstgewerblichen Lehranstalten zu untersuchen und herauszufinden, inwiefern Einrichtungen derselben in Preußen für die nationale Wirtschaft einträglich sein könnten. Hintergrund dieses Auftrags wird wohl gewesen sein, daß Victoria des Rückstands des preußischen Kunstgewerbes gewahr wurde und sich darüber klar werden wollte, ob die englischen Verhältnisse auf die preußischen übertragbar waren.[207]
Nachdem Schwabe sich vor Ort ein Bild der Situation gemacht und die Studien von Henry Cole gelesen hatte, publizierte er im Jahr darauf eine seiner Auftraggeberin gewidmete Denkschrift,[208] in welcher er die Einrichtung von Ausbildungsstätten als auch die Gründung eines Industriemuseum positiv beurteilte.[209]
Die englischen Initiativen zur Förderung der Kunstindustrie hielt er auch in Bezug auf Preußen für angemessen. Dazu zählten neben der Ausbildung von Zeichenlehrern und dem praktischen Zeichenunterricht auch theoretische Veranstaltungen an eigenen Kunstschulen sowie natürlich die Gründung von Museen zur Geschmacksbildung, sowohl beim Publikum als auch bei den Schaffenden. Daraus ging das South Kensington-Museum hervor, welches alle notwendigen Einrichtungen enthielt und dadurch zum Vorbild für das Berliner Kunstgewerbemuseum wurde.
"Das Kensington-Museum ist in jeder Beziehung das Muster eines solchen Centralbildungsinstituts für die Kunstindustrie, würdig, dass man ihm nachstrebe in jeder Richtung: von der Organisation der Kunstsammlungen bis zur Einrichtung practischer Cataloge."[210]
So kam es 1867 durch die von Victoria in Auftrag gegebenen Forschungen von Schwabe, die Initiative von Künstlern, Fabrikanten und Händlern zur Gründung des 'Deutschen Gewerbemuseum zu Berlin' mit einer dazugehörigen Ausbildungsstätte und Bibliothek.[211] Eine weitere Ursache für das Engagement der Kronprinzessin mag die Weltausstellung in Paris gewesen sein, die kurz vor der Eröffnung stand und die für die von Preußen eingesandten Objekte kein positives Urteil erwarten ließ. Auch die Kronprinzessin gehörte zu dem Komitee, welches sich diesem gigantischen Industrieprojekt widmete. Sie war verantwortlich für die Auswahl der Objekte. Vermutlich aufgrund des Sieges über Österreich unterstützte nun auch die preußische Regierung das Vorhaben, denn das Berliner Museum sollte mit dem 1864 in Wien gegründeten österreichischen Museum für Kunst und Industrie konkurrieren können.[212]
Nicht der Regierung war der Erfolg zu verdanken, sondern dem Kronprinzenpaar, welches sich von Anfang an passioniert für das Museum auf vielfältige Art und Weise eingesetzt hatte.
"Von größter Bedeutung aber war es für das Institut, daß es sich von Anfang an des allerhöchsten Interesses der Mitglieder des königlichen Hauses zu erfreuen hatte. War schon die Gründung nicht ohne direkte Anregung seitens der Kronprinzessin geschehen, so hat sich in der Folge die warme Teilnahme der höchsten Herrschaften an der Entwicklung der Sammlung namentlich durch persönliches Eingreifen oft und in reichstem Maße gezeigt."[213]
Victoria zahlte als Mitglied dem Museumsverein jährlich sogar zehn mal mehr, als der Mitgliedsbeitrag von 100 Mark vorsah. Ihrem Mann gelang es 1867, 45.000 Mark von der Regierung für den Ankauf von Kunstobjekten auf der Weltausstellung in Paris zu erhalten.[214] Diese 182 erworbenen Werke bildeten die Basis der neuen Mustersammlung, die in Zukunft durch Kopien von Werken anderer Museen, darunter das South Kensington in London, ergänzt wurde.
Nicht nur durch ihre finanzielle Hilfe unterstützte das Kronprinzenpaar das Museum, sondern auch dank ihrer Beziehungen zu den englischen Kollegen. So kam es zu einem regen Austausch von Originalen - etwa 1880, als das Berliner Gewerbemuseum chinesische Glasgefäße nach London sandte.
"Das berühmte Kensington-Museum in London hat auf ihre Veranlassung oft Kunstindustrie-Werke, deren Werte nach Millionen bemessen werden können, dem Berliner Kunstgewerbe-Museum zur Verfügung gestellt."[215]
Der Bekanntschaft der Kronprinzessin mit dem Naturwissenschaftler und Volkskundler Fedor Jagor ist es zu verdanken, daß der junge Kunsthistoriker Julius Lessing Organisator der Ausstellung im Berliner Zeughaus von 1872 und später erster Direktor der Sammlung wurde. Beide hatte sich auf der Pariser Weltausstellung kennengelernt und schnell mit Lessing befreundet, da dieser auch deren Abneigung gegen Bismarck teilte und politisch ebenfalls liberal eingestellt war.[216] Ein weiterer Pluspunkt waren seine Kenntnisse der Londoner Sammlungen und des englischen Kunstgewerbes.
Die unter der Leitung von Lessing organisierte Ausstellung älterer kunstgewerblicher Objekte umfaßte neben Leihgaben aus den Königlichen Schlössern, zu welchen der Kaiser eingewilligt hatte, Werke aus bürgerlichen und adligen Privatsammlungen. Auch das Kronprinzenpaar, das unter anderem das Protektorat übernommen hatte, steuerte Kunstwerke aus ihren Sammlungen bei. Außerdem gelang es dem Kronprinzen, der seit 1871 das Protektorat über die Königlichen Museen inne hatte, Kunstobjekte aus öffentlichen Sammlungen geliehen zu bekommen.[217] Überdies rundeten 2000 Werke aus der Königlichen Kunstkammer die Ausstellung ab und wurden so der gesamten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Diese Exposition,
"welche nicht nur ihre erste Anregung, sondern ihre ganze Zusammensetzung, Unterbringung und Durchführung der directen persönlichen Initiative und Unterstützung Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten des Kronprinzen und der Frau Kronprinzessin verdankt und auf die ganze weitere Gestaltung der Verhältnisse des Museums hervorragenden Einfluss geübt hat,"[218] wurde ein außerordentlicher Erfolg.
Das große Echo, welches die Ausstellung bei dem Publikum fand, hatte den Wunsch zur Folge, die unterschiedlichen Berliner Sammlungen in einem Haus, dem Gewerbe-Museum, zusammenzufassen.[219] Kaiser und Regierung gaben dem Bitten Friedrichs aufgrund des Erfolgs der Ausstellung nach und überließen die Leihgaben dem Museum. Dies hatte zur Folge, daß der Kaiser 1875 die Königliche Kunstkammer auflöste, was wiederum dem Einsatz des Kronprinzenpaares zu verdanken war.[220]
"Die Überweisung der königlichen Kunstkammer durch allerhöchste Kabinettsordre, jener kostbaren Sammlung älterer Erzeugnisse der Kleinkunst, welche u.a. eine große Menge Besitzstücke des kaiserlichen Hauses Hohenzollern enthält, verdankt das Museum durchaus der Fürsprache des Kronprinzenpaares."[221]
Wesentlich beigetragen bei der Auflösung der Königlichen Kunstkammer zugunsten des zu diesem Zeitpunkt noch privaten Museums hat auch der Direktor Lessing.[222]
Friedrich setzte sich nämlich nicht nur politisch durch Erhöhung des Etats für den Aufbau der Sammlung ein, sondern auch auf privater Ebene durch Dauerleihgaben, die er zusammen mit seiner Frau dem Museum zur Verfügung stellte.
Aufgrund der Ankäufe auf der Pariser Weltausstellung und dem Anwachsen der Sammlung des Gewerbemuseums durch die ca. 7000 Kunstobjekte aus der Kurfürstlichen Kunstkammer, entschied man sich 1879 zu einer Namensänderung in Kunstgewerbe-Museum. Dies ging auch auf eine Initiative des Kronprinzenpaares zurück, da durch den neuen Namen die Aufgabe als Vorbildersammlung für das Handwerk deutlicher zum Ausdruck gebracht würde.[223] Das Museum erhielt Rechtsfähigkeit und einen zusätzlichen finanziellen Zuschuß von 30.000 Mark.[224]
Weiterer Grund für die Namensänderung war der geplante Neubau für die Sammlungen, welcher bereits 1873 beschlossen wurde,[225] jedoch nicht vor 1881 vollendet werden konnte. Der Auftrag zu dem neuen Bau ging an Martin Gropius (1842 - 1880) und Heino Schmieden (1835 - 1913), die bereits seit 1867 im Vorstand saßen und zur Gründung maßgeblich beigetragen haben. Gropius war für eine derartige Aufgabe prädestiniert, da er eine der richtungsweisenden Personen der Berliner Kunstgewerbeförderung war.[226] Schon 1867 war er der Leiter der Ausbildungsstätte und 1869 Direktor der Kunst- und Gewerbeschule.[227]
Wieder einmal sollte das Londoner South Kensington Museum als Vorbild dienen, und so fuhr 1873 der Architekt Gropius durch die Initiative von Victoria nach London. 1879 bat die Kronprinzessin den Direktor Lessing und den Leiter der Kunstgewerbeschule Ernst Ewald (1836 - 1905)[228], sie nach England zu begleiten, um dort die Gestaltung und Ausstattung des Londoner Kunstgewerbemuseums[229], welches seit den 70er Jahren Victoria & Albert Museum genannt wurde, vor dem Hintergrund der baldigen Neueröffnung des Berliner Museums zu studieren.[230]
Die glanzvolle Eröffnung fand am 21. November 1881, dem Geburtstag "seiner erhabenen Beschützerin",[231] statt.
"[...]Kurz nach ein Uhr erschienen Ihre Kaiserl. und Königl. Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin, Höchstwelcher beim Betreten des Vestibüls von einer Deputation junger Damen, Töchter der Vorstandsmitglieder und Schülerinnen der Unterrichtsanstalt, unter Ueberreichung eines Blumenstrausses der ehrfurchtvolle Glückwunsch des Museums zu dem doppelt festlichen Tage ausgesprochen wurde."[232]
Anläßlich der Eröffnung wurde eine indische Kunstsammlung im großen Lichthof gezeigt, die Vicky aus englischem Privatbesitz und dem ihrer Verwandtschaft zusammengestellt hatte.[233]
Friedrich Wilhelm erklärte in seiner Eröffnungsansprache, daß "es [...] uns beiden eine hohe Freude [ist], heute hier zu sehen, zu welchem Segen gereift ist, was die Kronprinzessin im Sinne ihres hohen Vaters anstrebte."[234]
"[...]Möge das, was die Kronprinzessin ins Leben zu rufen trachtet, schöne Früchte tragen, den Gewerbetreibenden zum Nutzen, allen Nationen zum Antriebe, in der Aufgabe zu wetteifern, das Höchste zu erringen in dem edlen und schönen Kampfe für das Gute und Vollkommene!"[235]
Bereits in dieser Rede wird deutlich, daß das Sammlungsziel des Museums zum Zeitpunkt seiner Gründung didaktisch ausgerichtet war. Aus diesem Grund wurden zusätzlich Kopien beschafft, um die klaffenden Lücken in der Sammlung zu füllen.
Das Sammlungsziel bei der Gründung des Berliner Kunstgewerbemuseums war dem anderer europäischer Museen derselben Ausrichtung ähnlich: Die Objekte sollten Handwerkern und Fabrikanten als Vorbild dienen, um die Qualität ihrer Erzeugnisse anzuheben.
"Aber die Begeisterung für das Technische, die zuversichtliche Hoffnung auf eine neue Blüte des Handwerks auf Grundlage der Vorbilder, die uns alle vor 25 oder 30 Jahren ergriffen hatte, wie die anfänglichen Erfolge in England und später in Wien haben in Deutschland die Kunstgewerbemuseen rasch in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gehoben."[236]
Damit auch die Bevölkerung und die Handwerker in den ländlichen Gebieten von dem Museum profitieren konnten, wurden seit den 70er Jahren Wanderausstellungen organisiert. Geistiger Vater dieser Projekte ist wiederum Vickys Vater Albert. "Er [Albert] hatte [...] das System der Wanderausstellungen[237] begründet [...]"[238]
Zur Verwirklichung der bildungspolitischen Absichten des Museums waren diesem sowohl eine Kunstgewerbeschule als auch eine Kunstbibliothek von Anbeginn angeschlossen.
4.6.4. Kunstgewerbeschule und Kunstbibliothek
Die Kunstgewerbeschule als Bildungsanstalt konnte in Berlin bereits zwei Jahre nach der Eröffnung 1868 dem Museum - ähnlich der Designschule in London - angeschlossen werden. Sogar Frauen wurde die Teilnahme an den Kursen von 1870 an gestattet. Die Einrichtung einer solchen Schule in Berlin ist dem englischen Erfolg auf diesem Gebiet zu verdanken. Englands Fertigkeiten auf dem Gebiet des Kunsthandwerks hatten sich in der Zeit von der 1. Weltausstellung 1851 bis zur Weltausstellung von 1862 enorm verbessert und konnten sogar gegenüber Frankreich bestehen. Zwar gab es auch in Deutschland zu diesem Zeitpunkt Schulen, jedoch ließ deren Organisation zu wünschen übrig und die Ausbildung war gegenüber dem europäischen Ausland nicht konkurrenzfähig.
"Wenn die Umschau in Deutschland das Resultat ergab, dass Preussen unter allen deutschen Staaten in Bezug auf die Bestrebungen für die Förderung der Kunst-Industrie an letzter Stelle zu nennen war, so wird man sich ohne Gefahr der Aufgabe nicht länger entziehen können, wie alle andern Staaten Hand ans Werk zu legen."[239]
Aus diesem Mangel heraus entstand eine neue Art der Kunstgewerbeschule, die sich durch ihren Lehrplan von der Akademie unterschied oder diesen umgestaltete, um ihn den neuen industriellen und handwerklichen Ansprüchen anzupassen.[230]
Das Kronprinzenpaar zeigte sich äußerst entgegenkommend bei der Unterstützung der neuen Berliner Kunstgewerbeschule.[241] So wurde 1878 eine "Kronprinz-Friedrich-Wilhelm-Stiftung" zur Vergabe von Schülerstipendien neben den bereits vorhandenen staatlichen Studienförderungen ins Leben gerufen.[242] Um jeglichem Anflug von Dilettantismus zu entgegnen, nutzte auch die Kronprinzessin die an der neuen Schule gehaltenen Kurse und nahm "zweimal wöchentlich Anatomieunterricht bei Professor Ewald."[243] Aufgrund ihrer fundierten Kenntnisse im Bereich des Kunstgewerbes und angesichts der Hochachtung, die ihr an der Schule von den Gelehrten wegen ihre Teilnahme gezollt wurde, ebnete sie dem Institut den Weg zur öffentlichen Anerkennung. "Ihr Mäzenatentum mußte fördern, weil es auf historischer Bildung fußte."[244]
Starkes Interesse bekundete Victoria außerdem für die dazugehörige Kunstbibliothek. Durch Leihgaben aus ihrem Privatbesitz beschleunigte sie die Eröffnung der Bibliothek, so daß sie gleichzeitig mit dem Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte.[245]
"Den eigentlichen Stamm derselben bildeten in der ersten Periode - bis Anfang 1873 - die zum grossen Theil sehr kostbaren Werke kunstgewerblichen Inhalts aus der Bibliothek Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit der Frau Kronprinzessin, welche dem Museum während voller fünf Jahre zur unbeschränkten Benutzung huldvoll überlassen waren."[246]
Direktor wurde Peter Jessen, dem es innerhalb seiner 40jährigen Amtszeit gelang, der Bibliothek zu internationalem Ruhm zu verhelfen. Sein Verdienst ist es, daß die Bibliothek von 1894 an als selbständige Abteilung zu den Königlichen Preußischen Museen zählte. Bereits zehn Jahre zuvor war es dem Museum gelungen, in den Verband der einstigen Königlichen Museen aufgenommen zu werden - seine Konkurrenzfähigkeit mit den anderen europäischen Instituten gleichen Interesses war gesichert.
4.6.5. Schluß
Die Unterstützung des Kronprinzenpaares und besonders Victorias Hilfe verhalf dem Kunstgewerbemuseum nicht nur zu seiner Gründung, sondern trug zum Aufschwung des Kunstgewerbes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im allgemeinen bei.
"Das Kunstgewerbe-Museum in Berlin, eines der interessantesten und vollständigsten seiner Art, instruktiv wie kaum ein zweites, wäre kaum entstanden, wenn nicht die Kronprinzessin Victoria bei Plan und Gründung und Ausbau mitgeholfen, ja den ganzen Gedanken von seinem Ursprung an in die Bahn der Verwirklichung geleitet hätte. Sie kannte die Dinge und Menschen, die zur Ausführung der Pläne nach der gekennzeichneten Richtung am geeignetsten waren, sehr genau und durch ihre Verbindung mit England hat sie beispielsweise dem Kunstgewerbe-Museum in seiner ersten Zeit viel Vorteile bieten können."[247]
Ihr Engagement umfaßte neben finanzieller Hilfe - "ein exorbitant hoher Prozentsatz des ohnedies nicht so hoch bemessenen Etats [...] wurde vom kronprinzlichen Paare für Einkäufe von kunstgewerblichen Gegenständen bestimmt"[248] - auch die Schenkung zahlreicher Kunstobjekte. Ihre Verbundenheit mit dem Museum äußerte sich auch "unzählige Male, oft ganz unverhofft, morgens vor der Eröffnung und nachmittags nach Schluß des Museums, [als] die Hohen Herrschaften dort [erschienen] und meistens fürstliche Gäste mitbrachten, deren Führung sie dann häufig selbst übernahmen."[249]
Die Reformbewegung in Deutschland durch die Gründung von Kunstgewerbemuseen und ihnen angeschlossenen Schulen hatte Erfolg, der sich schon kurze Zeit später niederschlug. Der Zeitgenosse und damaliger Direktor des Nationalmuseums Wilhelm von Bode berichtet dazu, daß "wir [...] uns rühmen [dürfen], die Engländer in der Zahl der Schulen und Sammlungen für das Kunstgewerbe überflügelt zu haben, während die anderen Nationen gar nicht gegen uns aufkommen können."[250] Es gelang, das Kunstgewerbe zu einem neuen ertragreichen Zweig in der Nationalwirtschaft aufblühen zu lassen, der einerseits zur Qualitätssteigerung im Handwerk beitrug, andererseits auch den Beruf des Kunsthandwerkers wieder aufleben ließ, der durch die Umwälzungen der industriellen Revolution in den Hintergrund gedrängt worden war.[251] In diesem Sinne unterstützte Victoria durch ihren Einsatz für das Museum und die Schule die nationale Wirtschaft wie auch die Schaffenden, denen sie wieder zu neuer Geltung verhalf. Denn der Mensch an sich stand bei ihr im Mittelpunkt des Interesses und so ist es nicht verwunderlich, daß sie sich über deren mangelnde Anerkennung beklagte.
"Die Sachen gefallen mir im Ganzen, es ist ein unleugbarer Fortschritt zu merken, aber was mir auffällt ist, dass alle Gegenstände den Namen der Firma tragen, die hier ausgestellt hat und nicht den Namen des wirklichen Herstellers, des Arbeiters. Und darauf kommt es an."[252]
Sie stand mit den wichtigsten Personen des Kunstgewerbes in engem Kontakt und versuchte überall helfend und unterstützend zur Seite zu stehen, soweit es im Rahmen ihrer Möglichkeiten lag:
"Kein irgendwie bedeutender oder einflußreicher Mann in der deutschen Kunstgewerbe-Bewegung, der nicht mit den Intentionen Victorias in Berührung gekommen, in ihren Kreis gezogen wäre - kein grosses Kunstgewerbe-Atelier, dem sie nicht ihre Aufmerksamkeit geschenkt hätte - kein den kunstgewerblichen Zielen gewidmeter Verein, dem sie nicht ihr Interesse, wann es angerufen wurde, zugewandt."[253]
Victorias Interesse für das Kunstgewerbe war zudem in der Tatsache begründet, daß Frauen in diesem Bereich die Möglichkeit hatten, einen Beruf auszuüben. Grund hierfür war die Erziehung der Töchter an den Schulen für höhere Töchter. Gelehrt wurden vor allem sogenannte Mußetätigkeiten wie das Sticken oder Nähen, so daß die Frauen später im Salon überall ein bißchen mitreden konnten.[254] Des weiteren gehörte es zur guten Erziehung, Frauen im Malen auszubilden, jedoch nicht auf professioneller Ebene, sondern als Zeitvertreib. Da sich jedoch viele Frauen in der Situation befanden, zur finanziellen Unterstützung der Familie beitragen zu müssen, nahmen sie häufig Arbeiten im Kunstgewerbe an. Sie galten dennoch nicht als gleichwertige Partner neben den Männern, da sie keine fundierte Ausbildung genossen hatten. Ihr Grundwissen beschränkte sich auf das an den Töchterschulen gelernte, so daß sie immer als Dilettantinnen galten.
Durch die Ausbildungsmöglichkeiten an der Kunstgewerbeschule, die den Frauen offen stand, wurde ihnen ermöglicht, dieses Manko auszugleichen. "Keine Dilettantin soll die Frau im Kunstgewerbe sein, sondern ein wirklich schöpferischer, gedankenreicher Faktor, der nicht geringer ins Gewicht fällt, als der schaffende Mann."[255] Dies war eines der Anliegen der Kronprinzessin bei ihrem Engagement für die dem Museum angegliederte Schule.
Die Situation des Dilettantismus finden wir auch in einer weiterer Männerdomäne vor - der Malerei. Ein Verein, dem es am Herzen lag, diesen Zustand der ungenügenden Ausbildung von kunstschaffenden Frauen zu beheben, war der Verein der Bildenden Künstlerinnen in Berlin, für welchen sich auch die Kronprinzessin Victoria passioniert einsetzte.

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