4.5. Wilhelm von Bode und das Kronprinzenpaar

Wilhelm von Bode, der auch als "Museums-Condottiere" und "Bismarck" der Berliner Museen" bezeichnet wird,[153] berichtete, daß der Einsatz der "Säulen der Museen" unermüdlich war[154] Er war der Nachfolger Richard Schönes und stand ebenfalls in der Gunst Friedrichs und seiner Frau, die sich gemeinsam von 1872 an für die Ausweitung der Sammlung der Nationalgalerie engagierten.[155] Bode, der von 1872 an als Direktorialassistent an den Königlichen Museen in der Antikensammlung und von 1874 auch in der Gemäldegalerie tätig war, profitierte sowohl von der guten Beziehung zu dem Kronprinzenpaar wie auch von dem wirtschaftlichen Aufschwung Preußens nach der Begründung des Kaiserreiches.
Als Hindernis erwies sich jedoch der von Wilhelm I. eingesetzte Graf Usedom als Generaldirektor, welcher, teils aus Antipathie, teils aus Unkenntnis, Ankäufe zu verhindern wußte.[156] Bode berichtet darüber:
"Gelegentlich machten sie [Die Kronprinzlichen Herrschaften] uns durch ihre Beziehungen auf Stücke aufmerksam, die wir nicht kannten. So verdankt ihnen das Museum die bemalte Tonbüste eines jungen Bologneser Edelmannes von einem Meister in der Richtung des Francia. Die Frau Kronprinzessin hatte sie bei dem Besuch einer Verwandten in Bologna, der Marchesa Pepoli, Schwester des Fürsten von Hohenzollern, entdeckt, deren Gatte die Büste als Haubenstock für seine Perücke zu benutzen pflegte. [...] Wir haben sie schließlich, nachdem Graf Usedom den Ankauf fast ein Jahr verhindert[157] hatte, um den damals hohen Preis von 13.000 Lire erworben. Gelegentlich der wiederholten vergeblichen Anstrengungen, die Zustimmung des Generaldirektors für diesen Ankauf zu erhalten, erzählte mir die Kronprinzessin, wie abscheulich der Graf mit ihr umgegangen sei. In einer Abendgesellschaft bei der Kaiserin habe sie ihn auf die Büste angeredet. Er sei ihr darauf grob über den Mund gefahren: 'taceat mulier in ecclesia', Damen sollten sich nicht in Geschäfte mischen, am wenigsten in Kunstangelegenheiten; sie seien immer elende Dilettantinnen und das habe sie sich in offener Gesellschaft sagen lassen müssen!"[158]
Das Kronprinzenpaar unterstützte den Museumsmann Wilhelm von Bode nicht nur beim Aufspüren außerordentlicher Kunstgegenstände, sondern sorgte auch dafür, daß bedeutende Gemälde der ehemals bewohnten Schlösser in Berlin und Potsdam in das Nationalmuseum Eingang fanden, jedoch erst Jahre später unter Wilhelm II.[159] Friedrich organisierte die Besichtigung der in Frage kommenden Schlösser - Schloß Sanssoucie, das Neue Palais, das Potsdamer Stadtschloß und das Berliner Schloß - mit der Erlaubnis seines Vaters. An dem Unternehmen nahm neben Bode meist auch Victoria teil.[160] Ergebnis war eine lange Liste von geeigneten Objekten für die Museen, von welcher Bode die wichtigsten heraussuchen und sie dem Kaiser vorlegen wollte. Usedom hingegen gab dem Kaiser die gesamte Liste, so daß es schien, sie wollten die gesamten Schlösser leer räumen. Eine Ablehnung kaiserlicherseits war die Folge. Für Friedrich kam dies einer persönlichen Kränkung seitens seines Vaters gleich, denn dieser gestattete nicht einmal die Entnahme einiger weniger Werke. Der Kronprinz sagte daraufhin zu Bode: "Ich bin ihr Verhängnis, Bode. Sie können mir's glauben. Wäre ich es nicht gewesen, der es meinem Vater warm empfohlen hätte, so wäre ihr Antrag durchgegangen."[161] All diese Querelen basieren nur auf den politischen Problemen zwischen Friedrich und seinem Vater, der wiederum mit dem Grafen Usedom gut befreundet war.[162] "Wilhelm von Bode und die Kronprinzens kungelten deshalb manchmal. Es gab Kämpfe um Ankäufe, Vorlieben und Beeinflussungen, da hielt Bode zu den Kronprinzens, nur so kam er weiter."[163]
Die Zusammenarbeit Bodes mit dem Kronprinzen klappte hervorragend, wenn er sich auch manchmal über dessen Willensschwäche gegenüber seiner Frau beklagte.[164]
Bode unternahm 1875 eine Italienreise, auf der er in Florenz das Kronprinzenpaar traf. Bei einem Kunsthändler hatte er zuvor eine Marmorbüste des Christus gesehen, welche unter dem Namen Mino[165] zum Verkauf stand und die er selbständig erwarb, in der Hoffnung, sie für die Königlichen Museen erstanden zu haben. Da jedoch Graf Usedom bereits zuvor das Angebot dieser Büste abgelehnt hatte, erhoffte sich Bode nun durch Friedrichs Zuspruch, den Ankauf dennoch zu ermöglichen. Dieser unterstützte ihn, wie er erwartet hatte, und so gelangte das Stück schließlich trotz Usedoms Zurückweisung in die Skulpturensammlung. Später, als Richard Schöne 1880 Leiter der Gemäldegalerie wurde, beklagte dieser sich manchmal, daß Bode den direkten Kontakt zum Protektor Friedrich vorzog, anstelle sich mit ihm selbst in Museumsfragen auseinanderzusetzen. "[...], daß Sie [Bode] die Briefe an den Kronprinzen nicht durch das Museum an diesen gerichtet haben, damit wir gleichzeitig von dem Inhalt hätten Kenntnis nehmen können [...]"[166]
Die Beziehungen des Kronprinzenpaares erwiesen sich dem Museumsmann Bode des öfteren von Vorteil. Als Bode 1878 eine Englandreise unternahm, gelang ihm der Zutritt zu verschiedenen Privatsammlungen aufgrund der Empfehlung der Kronprinzessin Victoria. Ihrer englischen Herkunft und ihrem engen Kontakt zu den Berliner Museen war es zu verdanken, daß zwei Schenkungen aus England an die Berliner Gemäldegalerie gelangen konnten. John Charles Robinson, Kunstkenner und Kurator der Kunstsammlungen der Mutter Victorias, wollte der Gemäldegalerie zwei Werke vermachen, was jedoch nur über den Umweg von Victoria möglich war.[167] Grund für das komplizierte Prozedere war, daß "im Kaiserreich als Gegengeschenke der Museen bei der Krone beantragte Orden und Titel eingesetzt wurden"[168] welcher nach englischem Recht diese nicht akzeptieren durfte. Diese Orden sollten den Mäzenen die Anerkennung der Gesellschaft zeigen. Victoria verhalf in diesem Fall auf indirektem Weg dem Museum zu zwei Gemälden169, welche vielleicht andernfalls einem anderen Museum vermacht worden wären.
1883 stand die Silberhochzeit des Kronprinzenpaares an. Zu diesem Anlaß wünschte sich Victoria von Bode eine Ausstellung von Kunstwerken Berliner Privatsammler, welche darauf in den Räumen der Akademie der Künste stattfand.[170] Gezeigt wurden dort unter anderem Objekte aus den Sammlungen des Grafen Pourtalès (1815 - 1889) sowie des Bankiers Oskar Hainauer, welche oftmals erst durch Bodes Zutun in deren Besitz gelangt waren. Die Ausstellung wurde auch im Hinblick auf die Königlichen Museen veranstaltet, da Bode sich erhoffte, daß nach deren Tod die gesamte Sammlung oder auch nur einige Objekte daraus dem Museum überschrieben werden würden.[171]
Die Ausstellung wurde ein großer Erfolg und fand außergewöhnliche Beachtung, denn sie zeigte erstmals der Öffentlichkeit, welche Schätze sich in der Zwischenzeit in Privatbesitz angesammelt hatten und regten dadurch wiederum andere zum Sammeln an. "Der Erfolg lohnte die Bemühungen schon dadurch, daß diese erste große Ausstellung [...] einen starken Anstoß zur Lust am Sammeln in Privatkreisen in Berlin gegeben hat."[172]
Das gute Einverständnis zu Bode nutzte der Kronprinz als Protektor nie aus, seine persönliche Meinung den Museumsfachleuten aufzuoktroyieren oder die Museen nach seinem eigenen Geschmack zu gestalten[173]. Vielmehr stärkte er die Entscheidungen der Direktoren, unterstützte sie in ihren Vorhaben und nahm sich weiterhin auch für die Öffnung der Museum für das Volk an.[174] Bode sprach von Friedrich stets positiv:
"Der Kronprinz Protektor hat sich uns gegenüber stets als warmer und energischer Förderer unserer Pläne erwiesen, hat durchaus loyal seine Ansichten und Vorlieben hinter dem Gutachten der Direktoren [...] zurückgestellt und hat ihre Vorschläge trotz aller Schwierigkeiten und der oft beleidigenden Rücksichtslosigkeiten des Grafen Usedom ohne Zögern und konsequent durchzusetzen gesucht. An ihm hat es nie gelegen, wenn die eine oder andere Reform, ein Plan oder ein wichtiger Ankauf nicht gelang."[175]
Zum besseren Verständnis der Sammlungsgegenstände führte er die bis heute gebrauchte Beschriftung der Stücke ein. Dies natürlich auch vor dem Hintergrund, daß Museen bildungspolitischen Charakter inne hatten.
Diese Veränderung in der Museumslandschaft mit dem Einsatz von Fachleuten anstelle von Angehörigen des Herrscherhauses führte weg vom Laienhaften hin zu einer Professionalisierung der Museen. Bode gehörte insofern zu den ersten mit fachlichen Kompetenzen ausgestatteten Museumsleuten; das Berufsbild des professionell ausgebildeten Kunsthistorikers sollte von nun an die Museumslandschaft prägen.
Das besondere Wirken Friedrichs für die Preußischen Museen wird auch daran deutlich, daß 1904 Kaiser Wilhelm II. das Renaissancemuseum in Kaiser-Friedrich-Museum umbenennen ließ.[176] Der Bau dieses Museums begann 1886 noch unter der Protektion des Kronprinzen und wurde von diesem und seiner Frau mit wertvollen Stücken ausgestattet. Bode plante dieses Gebäude, zuvor unter dem Namen Renaissancemuseum bekannt, für Gemälde und nachantike Skulpturen bereits seit 1880. Das Kronprinzenpaar sammelte selbst Kunstwerke bevorzugt der italienischen Renaissance. Dies war damals ein zeittypisches Phänomen, aber ihrem Engagement und Kenntnisse auf dem Gebiet ist es unter anderem zu verdanken, daß italienische Kunstschätze in die Berliner Museen aufgenommen wurden.
"Die Kronprinzessin allein war es, der Berlin die Schätze italienischer Kunst aus der Blüte der Renaissance in dem Kaiser-Friedrich-Museum verdankt. Mit unermüdlichem Eifer und unter Anwendung des vollen Schwergewichts ihrer und des Kronprinzen hoher Stellung hat sie erreicht, was heute das Museum bietet."[177]
Nach dem Tod ihres Mannes sorgte Vicky zusammen mit Bode für die Vollendung des Gebäudes, die Wilhelm II., wohl aufgrund der Antipathie zwischen Mutter und Sohn, nicht sonderlich vorantrieb.
"Ich hatte, um endlich eine Entscheidung herbeizuführen, mir von der Kaiserin Friedrich als Honorar für den Katalog ihrer Sammlungen ihre Unterstützung bei der Durchbringung des Neubaus, für den sie sich selbst von jeher warm interessiert hatte, und zu dessen Ausführung ihr Schützling Ihne auserkoren war, versprechen lassen. Als ich im Winter 1895/96 den Katalog fertig überliefern konnte, und die Kaiserin sehr befriedigt erklärte, sie wisse gar nicht, wie sie mir dafür danken solle, erinnerte ich sie an ihr altes Versprechen. Sie lehnte schroff ab. Von ihrem Sohn wolle und könne sie nichts erbitten, keinesfalls!"[178]
Nun jedoch zog sie sich allmählich aus Berlin zurück; eine Ausnahme war die Übernahme des Protektorats der internationalen Ausstellung 1891, welches ihr angetragen worden war in der Hoffnung, durch ihren Bekanntheitsgrad höhere Zuschüsse zu erhalten - ein Wunsch, der sich auch erfüllte. Anton von Werner berichtet darüber, ihm
"kam [...] der Gedanke, ob nicht die als ausübende Künstlerin und Mitglied der Akademie der Künste besonders legitimierte Kaiserin Friedrich [...], das Protektorat der vor zwei Tagen beschlossenen internationalen Kunstausstellung übernehmen [könnte], was nicht nur für uns überaus wertvoll sein würde, vor allem würde damit wenigstens ihren Gedanken eine innersten Neigungen entsprechende Beschäftigung gegeben und die hohe Frau vielleicht aus Grübeleien trauriger Art abgelenkt werden."[179]
Denn die Kaiserin war nach dem Tod ihres Mannes unausgefüllt, da sie neben ihren künstlerischen und sozialen Aktivitäten keine eigene Aufgabe inne hatte.
Großes Engagement zeigte das Kronprinzenpaar und besonders Victoria hingegen bei der Wiederbelebung des Kunsthandwerks und der Begründung des Berliner Kunstgewerbemuseums. Dem Kronprinzenpaar ist es zu verdanken, daß dem Kunsthandwerk in Preußen bzw. Deutschland eine bessere Stellung zuteil wurde.
Bei ihrer Ankunft in Berlin war die Hochphase des preußischen Kunsthandwerks mit dem Tod Karl Friedrich Schinkel 1841 bereits abgeflaut. Zwar stand auf der ersten Weltausstellung Preußen qualitativ noch über England, jedoch gelang es nicht, sich den gesteigerten Ansprüchen auf diesem Gebiet in den Folgejahren anzupassen. Bereits 1862 mußte man auf der zweiten Weltausstellung in London feststellen, daß Preußen weit abgeschlagen war.[180]

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