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Heinrich Winter (1843-1911)
Der Bannerreiter
Öl / Leinwand, 92 x 56 cm
Stiftung Kronberger Malerkolonie
Foto: Stephan Cropp, Kronberg
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Das Gemälde "Der Bannerreiter" ist - so mag es auf den ersten Blick erscheinen - ein höchst kurioses Bild, weit entfernt von den anderen Motiven der Ausstellung, den Landschaften und den Genreszenen. Im Gegensatz zu diesen hat es einen ganz konkreten, realen Anlaß. Das Bild selbst erschließt uns, wenn wir die Texte auf dem Banner und auf der Dokumentenrolle lesen, die Geschichte seiner Entstehung: Ein Mann aus Königstein, der königliche Rechnungsrat Otto, hatte beschlossen, mit seiner Pensionierung im Jahre 1883 seinen Wohnsitz nach Kronberg zu verlegen. Die Freude der Kronberger Honoratioren darüber war groß. Sie schätzten seine Aufgeschlossenheit und seinen Humor und empfanden seinen Zuzug als gesellschaftliche Bereicherung. Heinrich Winter erhielt daher den Auftrag, ein Bild zu malen, das dem königlichen Rechnungsrat als Willkommensgruß überreicht werden sollte, was, wie in der zweiteiligen Urkunde unten im Bild festgehalten ist, dann bei "vielerlei Kurzweil und Festivitaet" und in Anwesenheit des Bürgermeisters Jamin und des Rates und vieler "Maler, Grünroecke, Militarii’s, Pharmazeutii’s, Doctores, Directorii’s von der Dampfkutsche [gemeint ist die Eisenbahn] und dem Sawerbrunnen [gemeint ist der Kronthaler Kurbetrieb]" geschah. Die Faksimiles der Unterschriften zeigen die Namen bekannter Persönlichkeiten Kronbergs. "Urkundlich" festgehalten ist sogar, wo das Bild künftig hängen sollte: "in dem Gesellschaftshaus derer von Cronenburg ... wo der Rath sein Krüglein leeret."
Heinrich Winter zeigt - weit über die Hälfte des Bildes füllend - den Reiter und sein kräftiges Pferd in einem Moment des Innehaltens aus schnellem Galopp, sozusagen um dem Betrachter, dem er sich zuwendet, Gelegenheit zu geben, die Aufschrift auf dem Banner zu lesen. Wie es Heinrich Winters Art war, ist alles aufs genaueste dargestellt. In der Ferne erscheint die Burg Kronberg und in der oberen linken Ecke das - eine wahre Reminiszenz an die Stadt Kronberg.
Das untere Bilddrittel wird beherrscht von dem ausgebreiteten Dokument. Das Ereignis der Ankunft des beliebten und gerngesehenen Rates ist dort mit Unterschrift, Datum und Siegel beurkundet.
Die innere, gemalte Rahmung und das grüne Laubwerk trennen die beiden Bedeutungsebenen der Urkunde und der Reiterszene, die den Typus des barocken Reiterstandbildes aufnimmt. Ein breites Band in den Farben des Deutschen Reiches ist durch das Eichenlaub geschlungen.
Heinrich Winter, 1843 in Frankfurt am Main geboren, Schüler von Jakob Becker am Städel, lebte und arbeitete nach einem dreijährigen Paris-Aufenthalt seit 1870 in Kronberg. Bekannt wurde er vor allem durch seine Darstellung von Pferden, die ihn zu einem gefragten Porträtisten dieser Tiere werden ließ und durch die Schilderungen seiner Kriegserlebnisse im deutsch-französischen Krieg 1870/71. In den Jahren 1868, 1874 und später noch einmal bereiste er Ungarn und Südosteuropa. Seine Eindrücke aus diesen Ländern und von ihren Bewohnern hat er in zahlreichen Bildern verarbeitet. Heinrich Winter starb 1911 in Kronberg.
Das Gemälde ist nicht allein ein interessantes Zeitzeugnis, sondern auch ein gutes Beispiel dafür, daß die Künstler der Malerkolonie in das gesellschaftliche Leben Kronbergs einbezogen waren und sogar Aufträge des städtischen Rates erhielten.
Text: Dr. Helmut Schuster
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