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Richard Fresenius (1844-1903)
Waldinneres
1886. Öl auf Holz, 36 x 23,7 cm
Stiftung Kronberger Malerkolonie
Foto: Stephan Cropp, Kronberg
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Neben den Genrebildern - mit einem Beispiel haben wir unsere Reihe "Bild des Monats" im Mai begonnen - waren es vor allem die Natur- und Landschaftsdarstellungen, die zu den beliebtesten Motiven der Kronberger Maler gehörten.
Zu den wichtigsten Vertretern dieser Gattung gehört Richard Fresenius. Nach einer Lithographenausbildung trat der 1844 geborene Frankfurter 1862 in die Städelschule ein und erhielt dort Unterricht in der Klasse Jakob Beckers. Schon ein Jahr später ging Fresenius nach München, wo er u.a. die Münchner Akademie besuchte. Zwischen 1866 und 1872 lebte Fresenius in Karlsruhe und nahm Unterricht bei dem norwegischen Landschafts- und Marinemaler Hans Gude, der Fresenius' Werk vor allem in thematischer Hinsicht, nämlich in der Vorliebe für Seestücke, prägte. 1872 ließ sich Fresenius fest in Kronberg, in der heutigen Jaminstraße, nieder. Reisen führten ihn in die Rhön, an die Nordsee, in die Normandie, nach Italien, in die Alpenländer und mehrfach nach Norwegen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Fresenius im Süden. Vor 100 Jahren starb er in Monte Carlo.
Fresenius' hauptsächliches malerisches Interesse galt den Meeres- und Küstenlandschaften aus ganz Europa, in denen er unterschiedliche jahres- und tageszeitliche Stimmungen aufnahm und den vielfältigen Witterungsbedingungen Ausdruck verlieh. Mit diesen Themen war sein Oeuvre im Kreis der frühen Kronberger Künstler singulär. Zugleich aber zeigte sich Fresenius von der französischen Landschaftsmalerei beeinflußt. Angeregt von den Malern in Barbizon, jener Künstlerkolonie nahe Paris, die seit den 1830er Jahren den Ausgangspunkt für eine neue Landschaftsauffassung in der Kunst des 19. Jahrhunderts bildete, wählten auch viele Kronberger und Frankfurter Künstler unprätentiöse Naturausschnitte als Bildthema. Die komponierten Landschaftsdarstellungen waren obsolet. Das genaue Naturstudium vor dem Objekt stand im Mittelpunkt und prägte zusehends auch die Atelierbilder. Die modern gesinnten Maler verbanden ihren subjektiven Eindruck der schlichten Wirklichkeit mit der kontemplativen Stimmung der Natur. Insofern bewegten sie sich zwischen realistischen und romantisierenden Tendenzen. Mit der neuen Landschaftsauffassung des 'paysage intime' hatten sich zahlreiche Künstler bei ihren Reisen nach Frankreich intensiv beschäftigt.
Obwohl sich für Richard Fresenius ein Aufenthalt in Barbizon nicht nachweisen läßt, führt unser Bild des Monats mit dem Blick in ein "Waldinneres" das auf die heimische Landschaft übertragene französische Formen- und Stimmungsrepertoire präzise vor.
Durch das dichte Laubdach der hohen, vom Bildrand beschnittenen Bäume dringt nur wenig Sonnenlicht partienweise auf das nach vorn abfallende Gelände. Das Lichtspiel auf dem moosigen Waldboden und den feuchten Steinen bringt Varianten von hellsten Grüntönen bis hin zu tiefbraunen Farbnuancen hervor. Der Blick führt den sich windenden, terrassenartigen Bachlauf hinauf zu der hellen, leicht aus der Bildachse gerückten Waldöffnung am Horizont. Sowohl mit der betonten Ausschnitthaftigkeit als auch mit der fehlenden Himmelszone griff Fresenius hier typische Merkmale des französischen 'interieur du forêt' auf - ein Sujet, das die Maler in Barbizon etabliert hatten. Auch eine gewisse Bizarrheit und Mystik - hervorgerufen durch die findlingsartigen Steine, die Unwirtlichkeit, die einerseits dämmrige, fast ein wenig unheimliche Beleuchtung und andererseits die helle, zum Nymphentanz einladende Lichtung im Hintergrund - erwecken jene Stimmung, die zugleich dem Rousseauschen "Zurück zur Natur" wie auch dem Respekt vor der Natur Anerkennung zollt. Eine Mischung, die ebenso für die französischen Landschaften der Schule von Barbizon charakteristisch ist.
Das Gemälde ist die jüngste Neuerwerbung der Stiftung Kronberger Malerkolonie. Mit diesem Ankauf ist es gelungen, eines der seltenen Beispiele für die französisch geprägte Darstellung einer heimischen Landschaft im Œuvre Fresenius' in die Sammlung zu integrieren.
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