Jean-François Millet

   
*4.10.1814 in Gruchy bei Cherbourg, +20.1.1875 in Barbizon; französischer Maler, wurde als Schilderer des französichen Bauernstandes berühmt. Er setze die große realistische Tradition der Brüder Le Nain und Jean-Baptiste Siméon Chardins fort und stand an der Schwelle zu einem sozial engagierten Realismus. Er selbst stammte aus dem mittleren Bauernstand, studierte 1835 in Cherbourg und erhielt 1836 ein Stipendium zum Studium an der École des Beaux-Arts in Paris, wo er sich bei Paul Delaroche einschrieb und Zeichnungen nach den alten Meistern im Louvre anfertigte.
Erst nach 1837 schuf er die ersten, noch schwerfälligen und eklektischen Ölbilder. 1841 kehrte er nach Cherbourg zurück und malte dort vor allem Porträts und galante Szenen aus dem 18. Jahrhundert. Erst in den letzten Jahren wurde sein umfangreiches Werk als Porträtist bekannt, das an die einhundertfünfzig Bilder umfaßt. Feine Charakterisierung und das zart modellierende Licht zeichnen z. B. das Porträt seiner Frau (Pauline Ono im Morgenrock, 1842 - 43, Cherbourg, Musée Thomas-Henry) sowie eine Reihe empfindsamer Selbstbildnisse aus. Im Stil des Rokoko malte er Szene in einem Park (1843, Cherbourg, Musée Thomas-Henry) oder Daphnis und Chloë (1845, Privatsammlung), das schon eine Tendenz zur Zerlegung des Gegenständlichen in farblich abgestufte Flächen zeigt. Seine Behandlung mythologischer Themen stieß beim Publikum auf spöttische Kritik. Mit dem Ödipus von 1847 (Ottawa, National Gallery of Canada) schloß er praktisch diese Periode seines Schaffens ab und eröffnete im folgenden Jahr ganz vermittelt in schweren, graubraunen Tönen die neue Phase, in der er die Arbeit und den Alltag der Bauern zum alleinigen Thema seiner Kunst machte.
Die Ährenleserinnen, 1857
Das erste Bild dieser Art war Der Getreideschwinger (1848, Paris, Musée National du Louvre). Im Juni 1849 zog er nach Barbizon, lebte in der Nähe von Théodore Rousseau, mit dem er befreundet war, doch betrieb er nicht wie die anderen Maler im Wald von Fontainebleau die Freilichtmalerei, sondern verarbeitete seine Skizzen im Atelier. Diese Methode erlaubte ihm, die Wirklichkeit aus dem engen Zusammenhang des zufällig Sichtbaren zu lösen, und bewahrte ihn vor einem allzu eng gefaßten Realismus. Bilder wie Die Reisigsammler (1850, Paris, Musée National du Louvre), Die Mahlzeit der Erntearbeiter (1853) und Der Sämann (1850, beide Boston, Museum of Fine Arts) wurden als trivial und vulgär bezeichnet, denn Millet stellte harte, mühsame Arbeit, Armut und Entbehrung dar. Seit 1850 etwa begann er bestimmte Typen, die immer wiederkehrten, zu einer fast bildhauerischen Monumentalität zu entwickeln; gleichzeitig wirkte sich die Tendenz zur religiösen Mystik zunehmend stärker aus, wie sie im Angelusläuten von 1858/59 und in Die Ährenleserinnen von 1857 (beide Paris, Musée National du Louvre) die rein naturalistische Wiedergabe des Sichtbaren transzendiert. Die Verwendung des weichen, sanften Lichts sowie die gesammelte Stille und Beschaulichkeit der Szenen ( Hirtin mit der Herde, 1863, Paris, Musée National du Louvre) brachten ihn teilweise in die Nähe der Kitschproduktion des 19. Jahrhunderts. 1867 wurde eine Retrospektive seines Werkes anläßlich der Weltausstellung in Paris veranstaltet.
Die Vielseitigkeit seines Stils zeigt sich auch in seinen Landschaftsbildern (Der Frühling, 1868 - 73, Paris, Musée National du Louvre), in denen sich die Verwandtschaft, aber auch die Distanz zum Impressionismus zeigte. Für ihn war die Verwendung des Lichts nie zufällig, sondern eher mystisch.
Das Vorbild von Georges de La Tour zeigt sich etwa in Zeichnungen wie der Kerzenflamme (Paris, Musée National du Louvre). Seine grafischen Blätter, seine Radierungen, Pastell- und Kreidezeichnungen sind Meisterwerke in der Erfassung von Bewegungsimpulsen und Kraftlinien.
Literatur
  • Eigene Schrift: E. Moreau Nelaton (Hg.), Millet raconte parlui même, 3 Bde., Paris 1921.
  • L. Lepoittevin, J.-F. Millet, Bd. 1: Portraitiste, Paris 1971, Bd. 2: L'ambiguite de l'image, essai, Paris 1973.
  • S. Dali, Il mito tragico dell'Angelus di Millet, Mailand 1978
    Ausstellungskataloge:
  • Millets Gleaners, The Minneapolis Institute of Arts, Minneapolis, 1978.
  • Millet, Corot and the School of Barbizon, The Seibu Museum, Tokio, 1980.
  • J. F. Millet, Museum of Fine Arts, Boston, 1984.
    Bibliografie:
  • L. Lepoitevin, J.-F. Millet, Bibliographie generale et sources, Cherbourg 1980.
 

Quelle: Lexikon der Kunst in zwöf Bänden, Karl Müller Verlag, 1994

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