Freilichtmalerei

   
Freilichtmalerei (franz. Peinture en pleinair, Freiluftmalerei), im Gegensatz zur Ateliermalerei das Malen im Freien, "vor dem Motiv". Die Beschäftigung mit dem Phänomen des natürlichen Lichts reicht zurück bis in die Renaissance (Leonardo da Vinci, "Traktat über die Malerei"). Als Schöpfer des sog. Freilichts im Sinn von einheitlich flutendem Licht im freien Raum gelten die Brüder Hubert und Jan van Eyck und ihre Nachfolger. Die niederländischen Maler des 16. und 17 Jahrhundert arbeiteten zwar nach Freilichtstudien, führten aber das Gemälde im Atelier aus. Die Landschaftsdarstellung wurde hier weitgehend unabhängig von dem Naturvorbild nach Kompositionsregeln aufgebaut. Das Erbe der großen holländischen Landschaftskunst wurde erst um die Wende zum 19. Jahrhundert in Frankreich und England fruchtbar.
Von den Franzosen malte zuerst Pierre-Henri de Valenciennes im Freien (Bei der Villa Farnese: zwei Pappeln, um 1786, Paris, Musée National du Louvre), dann Georges Michel, der als Vorläufer der Schule von Barbizon gilt. Die heimische Landschaft und die Wetterphänomene wurden nun auch unter dem Eindruck von Jean-Jacques Rousseaus Naturphilosophie neuer Anreiz und Gegenstand der Beobachtung, der sich nicht mehr tradierten Kompositionsregeln unterwarf. Eine von Richard Parkes Bonington bevorzugte Technik war das Aquarell, das sich zur Darstellung flüchtiger Natureindrücke als geeignet erwies.
Constable, der zunächst von Thomas Girtin und Claude Lorrain beeinflußt war, malte 1821-22 auf genauer Naturbeobachtung basierende Ölskizzen von Wolken, wobei er selbst Tageszeit und Wetterverhältnisse notierte. William Turner ging noch einen Schritt weiter, als er das Erlebnis der formverändernden Wirkung des Tageslichts in Italien zuerst in lichtdurchflutete Landschaftsimpressionen und dann in visionäre Bildschöpfungen mit symbolhaftem Charakter umsetzte.
Die Ausstellung von Constables Werk 1824 in Paris veranlaßte viele französische Maler zur Arbeit in der Landschaft. Jean-Baptiste-Camille Corot malte in Italien wie auch schon vorher in Frankreich in der Natur, doch unterschied sich seine Methode teilweise von der Paul Huets, Théodore Rousseaus, Jean-François Millets oder Narcisse-Virgile Diaz de la Peñas durch eine Transposition der Realität in klassischerem Bildaufbau.
Die römische Wurzel der Freilichtmalerei läßt sich auch bei den Deutschen, u. a. Ernst Fries, Karl Blechen und Friedrich Nerly (1807-78), nicht verleugnen, doch überwiegt in der Entwicklung die heroische und romantische Interpretation. Im Impressionismus setzte sich die Tradition der französischen Malerei fort; im Vergleich zur Schule von Barbizon hellte sich die Palette noch wesentlich auf, die Malerei wurde zum Lichtereignis und erfuhr im Neoimpressionismus ihre letzte Steigerung. In den Künstlerkolonien, etwa der Dachauer Schule, wurde die Freilichtmalerei bewußt gepflegt und in der Tradition der Schulen von Barbizon und Pont-Aven fortgesetzt. Im 20. Jahrhundert ist sie zur Selbstverständlichkeit geworden.
Literatur
  • W. Schöne, Über das Licht in der Malerei, Berlin 1954.
  • C. Marumo, Barbizon et les paysagistes du XIXe siècle, Paris 1975.
  • K. Kroeber, Romantic Landscape Vision, Constable and Wordsworth, Madison 1975.
  • H.-P. Bühler, Die Schule von Barbizon, Französische Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert, München 1979.
  • S. Wichmann, Meister, Schüler, Themen, Münchner Landschaftsmaler im 19. Jahrhundert, Herrsching 1981.
    Ausstellungskataloge:
  • Französische Malerei des 19. Jahrhundert, Haus der Kunst, München, 1965.
  • Die Schule von Barbizon, Französische Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert, Galerie Bühler, München, 1979.
  • Un siècle de paysage de France, 1870 - 1970, Grand Magasin Matsuzakaya, Tokio, 1980.
 

Quelle: Lexikon der Kunst in zwöf Bänden, Karl Müller Verlag, 1994

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