Gustave Courbet

   
*10. 6. 1819 in Ornans bei Besançon, +31. 12. 1877 in La-Tour-de-Peilz (Schweiz); französischer Landschafts-, Porträt- und Genremaler, übte auf die französische Malerei in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts großen Einfluß aus, da er als einer der ersten Maler seiner Zeit die Kunst als Selbstbehauptung der Persönlichkeit gegen die akademische Tradition begriff. Courbets ganzes Leben stand im Zeichen der Auflehnung gegen überkommene und veränderungswürdige Lebens- und ästhetische Anschauungsformen. Schon während seiner Schulzeit eignete sich Courbet in Besançon im Atelier von Charles-Antoine Flajoulot die ersten Grundkenntnisse in Malerei und Zeichnen an. Mit zwanzig ging er nach Paris, studierte kurze Zeit im Atelier Carl von Steubens und Henri Joseph Hesses, ehe er endgültig auf jede Lehre verzichtete und sich autodidaktisch weiterbildete.
Nach einer kurzen Phase romantisierender Malerei nach literarischen Sujets (u. a. von Goethe, Victor Hugo, George Sand) malte er mit 25 Jahren sein erstes für ihn charakteristisches Bild Courbet mit schwarzem Hund (Paris, Musée du Petit Palais), das 1843 von der Jury des Salons angenommen wurde. Hier zeigen sich zum ersten Mal Courbets Fähigkeit, präzis zu beobachten, seine Liebe zum Detail, die Ausdrucksstärke und Plastizität seiner Figuren. Obwohl er diese Qualitäten auch in anderen Porträts, z. B. Der Gitarrist (1845, Privatsammlung) oder Der Mann mit dem Ledergürtel (1844, Paris, Musée National du Louvre) bewies, blieb ihm der Zugang zum Salon bis 1849 versperrt. Erst nach der Februarrevolution von 1849 und der Abschaffung der Auswahlkommission stellte Courbet wieder im Salon aus, u.a. sein Bild Nachmittag in Ornans (1849, Lille, Palais des Beaux-Arts), das einen Affront hinsichtlich der akademischen Tradition bedeutete: Courbet sitzt mit seinem Vater und Jugendfreunden an einem Tisch. Jeder ist mit etwas anderem beschäftigt: einer spielt Violine, der andere raucht Pfeife, der dritte ist eingeschlafen. Courbet ging in seiner Mißachtung der akademischen Regeln sogar so weit, eine der Personen in der Rückansicht zu zeigen. Er wurde mit der Goldmedaille ausgezeichnet, die ihm das Recht einräumte, alljährlich im Salon auszustellen; das Bild wurde von der französischen Regierung gekauft. In der Öffentlichkeit allerdings stieß Courbets realistische Darstellungsweise auf Kritik und Ablehnung. Vor allem die Gemälde Die Steinklopfer (1849, ehemals Dresden, Gemäldegalerie, 1945 vernichtet) und besonders das Begräbnis von Ornans (1849, Paris, Musée National du Louvre) riefen Proteste hervor, u. a. wegen der Profanierung sakraler Zeremonien. Das Bild zeigt ein Begräbnis in der Heimatstadt des Malers mit einer sehr vielfältig nuancierten Trauergemeinde, dargestellt in einer Skala der Verhaltensweisen, angefangen mit der Trauer bei der betroffenen Familie über eingeübte Gesten bei dem Geistlichen und den Sargträgern bis hin zu Neugierde, Langeweile und Geschwätzigkeit bei den anwesenden Bauern. Um jedoch seinen Kritikern zu zeigen, daß er auch gefälligere Sujets abzubilden verstand, malte er 1852 Die Dorfmädchen (New York, Metropolitan Museum of Art), ein Bild, das durch die sentimentale Art der Darstellung jedoch weder den Beifall der Freunde fand noch die Kritiker zum Verstummen brachte.
Courbet wandte sich daraufhin wieder seiner kraftvollen, freizügigen und oft schonungslosen Malweise zu, wie sie vor allem in den Gemälden Die Badenden (1853, Montpellier, Musée Fabre) und Die Kämpfenden (1853, Privatsammlung) zum Tragen kam. Da sich die Pariser Sammler weiterhin ablehnend verhielten, reiste Courbet nach Montpellier zu dem Kunstmäzen Alfred Bruyas, der ihm einen längeren Aufenthalt in Südfrankreich ermöglichte. Um die südfranzösische Landschaft treffender im Bild festzuhalten, verwendete Courbet neue Farbtöne. Er verzichtete auf den gewohnten dicken Farbauftrag; die schweren, dunklen Farben traten zugunsten heller und klarer Töne zurück. Sein Meisterwerk aus dieser Zeit war Die Begegnung (Bonjour, Monsieur Courbet) von 1854 (Montpellier, Musée Fabre). Es zeigt eine Begegnung zwischen ihm und seinem Mäzen Alfred Bruyas. Nach Paris zurückgekehrt, malte Courbet Das Atelier (1855, Paris, Musée National du Louvre), ein Bild, das zugleich eine Allegorie und eine Porträtsammlung seiner besten Freunde wurde. Es zeigt Courbet bei der Arbeit an einer Landschaft der Franche-Comté, in Gesellschaft einer schönen nackten Frau, eines Hirtenjungen und einer Katze als Zeichen seiner realistischen Kunst. Rechts davon stehen Figuren, die symbolisch Arbeit, Handel, Theater und - eine gefesselte Frau - die akademische Kunst darstellen. Links von ihm stehen seine Freunde, darunter der Sozialphilosoph Pierre Joseph Proudhon, die Schriftsteller Jules Champfleury, Max Buchon und Charles Baudelaire und der Förderer der realistischen Kunst, Alfred Bruyas. Das Bild wurde vom Salon abgelehnt, aber Courbet organisierte auf eigene Rechnung eine Ausstellung seiner Bilder, die nur mäßige öffentliche Resonanz fand.
Blick auf Frankfurt, 1858
Dagegen feierte er im Ausland größere Erfolge; in Frankfurt a.M. und München fanden seine Bilder starke Beachtung. Er malte zu dieser Zeit Landschaften und beschäftigte sich mit Tierdarstellungen. Auch in den Bildern Kämpfende Hirsche von 1861 (Paris, Musée National du Louvre), Hirsch am Wasser (1861, Marseille, Musée des Beaux-Arts) und Treffpunkt der Rehböcke an der Quelle von Plaisir-Fontaine (1866, Paris, Musée National du Louvre) nahm Courbet keine Rücksicht auf Konventionen: Das Wild erscheint weder als Dekoration der Landschaft noch als prunkvolle Jagdbeute, sondern ungestellt in seiner natürlichen Umwelt. Eine Reise an die französische Kanalküste führte ihn in Trouville und Étretat mit Eugène Boudin, Édouard Manet und James Abbot McNeill Whistler zusammen. Der Impressionismus blieb ihm jedoch fremd: Seine Meeresansichten zeigen die Bedrohlichkeit und Macht des Meeres, nicht dessen gekräuselte, ständig bewegte Oberfläche. Seine Farben sind, gemessen an den Impressionisten, dunkel, schwer, dick aufgetragen, die Konturen bleiben fest. Trotz eines weiteren Mißerfolgs beim Publikum anläßlich der Weltausstellung 1867 und obwohl die Pariser Sammler und Kunstsachverständigen nicht bereit waren, seine Landschaftsporträts und Aktbilder (Venus und Psyche, 1864, Privatsammlung; Schlafende Frauen, 1866, Musée du Petit Palais, Paris) zu akzeptieren, und das ungeachtet ihrer brillanten Technik und Darstellungsform, wuchs Courbets Ruhm im Ausland, besonders in Deutschland. 1869 wurde ihm im Münchner Glaspalast ein eigener Saal zugeteilt. Die Münchner Künstlerschaft bereitete ihm einen enthusiastischen Empfang.
Sein widerspruchsvoller Geist rebellierte immer mehr gegen das französische Second Empire, und zwar in um so stärkerem Maße, als die staatliche Ordnung der Durchsetzung seines Realismus und der sozialistischen Ideen Proudhons im Wege stand. Die Steinklopfer und Die Kornsieberinnen (1853, Nantes, Musée des Beaux-Arts) waren bereits Angriffe auf die sozialen Verhältnisse, Die Rückkehr von der Konferenz (1863, Privatsammlung) stellte eine boshafte Attacke gegen den französischen Klerus dar: Eine Gruppe von Geistlichen schindet einen Esel. 1870 lehnte Courbet die Aufnahme in die Ehrenlegion ab; am Sturz des Second Empire im selben Jahr beteiligte er sich aktiv. Wegen seines als Präsident der Künstlervereinigung gemachten Vorschlags, die Vendôme-Säule als wertloses und unwürdiges Denkmal abzureißen, und wegen deren im Mai 1871 tatsächlich erfolgten Zerstörung wurde Courbet nach der Niederlage der Kommune zu sechs Monaten Haft verurteilt. Nach einem Klinikaufenthalt in Neuilly kehrte er in seine Heimatstadt Ornans zurück. Versuche, seine Bilder erneut im Salon auszustellen, scheiterten am Widerstand des siegreichen Versailler Regimes. Als er die Kosten für die Wiederaufrichtung der Vendôme-Säule tragen oder andernfalls in Schuldhaft genommen werden sollte, floh Courbet nach La-Tour-de-Peilz am Genfer See. Sein Vermögen wurde konfisziert. In der Schweiz malte er noch einige Stilleben, Akte und Landschaftsbilder, aber die Schikanen der letzten Jahre hatten ihn erschöpft. In Frankreich schenkte man Courbets Tod 1877 trotz seiner überragenden Stellung in der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts keine Beachtung.
Er war der Schöpfer einer kraftvollen, stets auf den Augenblick bezogenen, das Detail radikal erfassenden Kunst, die besonders die deutsche Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts beeinflußte. Durch seine offene Stellungnahme gegen die akademische Tradition und die Organisation selbstfinanzierter Ausstellungen ebnete er den Impressionisten den Weg. Sein politisches Engagement veranlaßte die Vertreter des Sozialistischen Realismus, ihn als ihren Vorläufer einzuordnen. Neben seiner Malerei verdienen Courbets grafische Arbeiten Erwähnung, obwohl sie nicht die Bedeutung seiner Bilder haben. Das Hauptblatt dürfte die Lithografie Der Apostel Jean Journet sein. Wertvoll sind auch seine faksimilierten oder von anderer Hand gestochenen, geschnittenen oder gezeichneten Illustrationen, z. B. für das "Album autographe" (1867 und 1868), für die "Essais poétiques" Max Buchons (Besançon 1839) und für die "Misères des gueux" Jean Brunos (1872).
Literatur
  • L. Aragon, Das Beispiel Courbet, Dresden 1956.
  • R. Fernier, G. Courbet, Peintre de l'art vivant, Paris 1969.
  • L. Dittmann, Courbet und die Theorie des Realismus, in: Beiträge zur Theorie der Künste im 19. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1971.
  • J. Lindsay, G. Courbet, His Life and Art, Bath 1973.
  • B. Nicolson, Courbet, The Studio of the Painter, London 1973.
  • T. J. Clark, Image of the People, G. Courbet and the 1848 Revolution, London 1973.
  • B. Foucart, G. Courbet, Paris 1977
  • R. Fernier, La vie et l'oeuvre de G. Courbet, 2 Bde., Paris 1977 u. 1978.
  • K. Herding (Hg.), Realismus im Widerspruch, Die Wirklichkeit in Courbets Malerei, Frankfurt a.M. 1978.
  • A. Callen, Courbet, London 1980.
  • N. Aradi, G. Courbet, Budapest 1985.
  • Ausstellungskataloge:
  • G. Courbet 1819-1877 Museum of Art, Philadelphia, 1959.
  • Autoportraits de Courbet, Musée National du Louvre, Paris, 1973.
  • G. Courbet, Grand Palais, Paris, 1977.
  • Courbet und Deutschland, Kunsthalle, Hamburg, 1978.
 
Link: Courbet im WebMuseum, Paris.

Quelle: Lexikon der Kunst in zwöf Bänden, Karl Müller Verlag, 1994

Zurück