Die Schule von Barbizon

   
Théodore Rousseau
Das Weidengehölz
Bezeichnung für eine Gruppe von Malern, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Dorf Barbizon am Wald von Fontainebleau lebte und dort aus unmittelbarem Erleben der Natur zu einer damals revolutionären Auffassung von Landschaftsmalerei gelangte. Bereits 1832/33 hatte Théodore Rousseau vorübergehend in Barbizon gemalt und als Anhänger der von den Engländern John Crome und John Constable eingeführten Freilichtmalerei den malerischen Reiz bisher unbeachteter Motive, etwa einzelner Baumgruppen, entdeckt. Doch seine Bilder waren nicht im üblichen Sinn schön. Sie widersprachen den nach heroischen und romantischen Vorstellungen komponierten Landschaftsdarstellungen und wurden regelmäßig vom Salon zurückgewiesen. Darüber verärgert, ließ er sich 1847 endgültig in Barbizon nieder, wo sich bald andere Maler um ihn sammelten und mit ihm das Ideal des fern vom Großstadtgetriebe in der Einsamkeit schaffenden Künstlers verwirklichten.
Es waren meist etwa gleichaltrige, noch nicht anerkannte Maler, die der holländischen Landschaftskunst, besonders Meindert Hobbema und Jacob van Ruisdael, nacheiferten, aber nach akademischer Tradition bisher im Atelier gemalt hatten. In Barbizon dagegen strebten sie in Freilichtstudien nach einer mehr realistischen Naturdarstellung. Sie begannen dem wahren Charakter der Landschaft nachzuspüren, Wald, Wiesen und Wolken genau zu studieren und das Licht des flüchtigen Augenblicks einzufangen und setzten damit den großkomponierten und klassisch-idealen Landschaften den intimen, emotional empfundenen Naturausschnitt entgegen, und zwar in der neuen Sicht der bereits zum Impressionismus hinüberleitenden "Paysage intime".
Dennoch ist es irreführend, von einer Schule im eigentlichen Sinn zu sprechen. Was diese Maler miteinander verband, war mehr die allen gemeinsame Abwendung vom akademischen Klassizismus als ein in der Technik, im Stil und in den Motiven gemeinsames Ziel. Die stärksten Begabungen neben Théodore Rousseau, dem eigentlichen Haupt der Gruppe, waren Henri Harpignies mit vorwiegend kleinformatigen Aquarellen und Narcisse Diaz de la Peña, der seine Bilder gern mit jugendlicher Staffage bereicherte. Constant Troyon und Charles Jacque blieben stärker in der holländischen Tradition und stellten Tiere in ihre Landschaften, während in den blühenden Obstbäumen Charles-François Daubignys und den lichtdurchfluteten Wolkenhimmeln von Jules Dupré Einflüsse von englischen Vorbildern, wie John Constable und William Turner, nachklangen. Zwei andere Pleinairmaler, die oft mit Barbizon genannt werden, gehören eigentlich nicht in diesen Kreis: Camille Corot, der bereits 1830 in Fontainebleau gemalt hatte und sich 1846 nur kurz in Barbizon aufhielt, im Grunde aber den Süden bevorzugte, und Jean-François Millet, der zwar von 1849 bis zu seinem Tod in Barbizon lebte, aber mit seiner sozial betonten Realistik doch mehr den Menschen als die Naturlandschaft darzustellen suchte.
Literatur
  • C. D. Thomson, The Barbizon School of Painters, London, 1890.
  • C. Roger-Marx, Le Paysage français de Corot à nos jours, Paris, 1952.
  • J. Bouret, L'École de Barbizon et le paysage français au XIXe siècle, Neuchâtel, 1972.
  • Ausstellungskatalog: Zurück zur Natur, die Künstlerkolonie Barbizon, Kunsthalle, Bremen, 1977.
 

Quelle: Lexikon der Kunst in zwöf Bänden, Karl Müller Verlag, 1994

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