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Die Malercolonie Cronberg im Taunus

Von Karl Wolff

Volk und Scholle, Heimatblätter für beide Hessen, Nassau und Frankfurt am Main, 5, 1927, 260-264

  Blühende Obstgehege, stattliche Kastanienhaine und waldige Bergeshöhen mit der kühn gereckten Ritterburg gestalten Cronbergs liebliches Bild.
Der Taunuswanderer unterscheidet ein Alt- und ein Neu-Cronberg. Was am Berge um die Burg und im Tal um die Mühle liegt ist Alt-Cronberg, was villenartig drum herum und weiter hinaus sich dehnt, samt dem imposanten Kaiserschloß und seinen kunstvollen Anlagen, ist Cronberg von heute.
Das Neue in Ehren! Wer aber historischen Sinn hat und das Romantische liebt, für den ist Alt-Cronberg der interessantere Teil, denn Cronbergs Altstadt hat noch Gepräge, ist noch in ihrer Ursprünglichkeit erhalten und wirkt malerisch sowohl im Bilde einzelner Häusergruppen wie auch im Gesamtbilde der Stadt. Verständlich ist es daher, daß sich Künstler, besonders Maler, durch Cronberg und seine paradiesische Umgebung angezogen fühlten und dauernden Aufenthalt daselbst nahmen.
Der erste Maler, der sich dauernd in Cronberg niederließ, war Philipp Rumpf. Ihm folgten Anton Burger und Johann Fürchtegott Dielmann. Alle drei waren Frankfurter, die erstgenannten Altstädter, Dielmann Sachsenhäuser. Sie waren eng befreundet, von gleicher künstlerischer Anschauung beseelt und Schüler des Städel. Diese drei kann man als die Gründer der Malerkolonie zu Cronberg ansehen. Zwar halten manche Dielmann allein für den Begründer, das ist aber ein Irrtum. Frau Maler Kinsley, eine Tochter Burgers, wie auch Herr Maler Emil Rumpf, ein Sohn Philipp Rumpfs, beide in Cronberg, wissen, daß einer allein als Begründer nicht in Betracht kommt. Wolle man aber den ersten Ansiedler von den Dreien als solchen ansehen, dann käme Philipp Rumpf in Frage, der 1842 nach Cronberg übersiedelte. Ich persönlich habe die Malerkolonie in den 1890er Jahren unter Rumpf und Burger kennengelernt. Dielmann war damals bereits tot. Aber niemals hat man in Malerkreisen von einem bestimmten Gründer gesprochen. Nach meiner Meinung bildete sich die Kolonie zwanglos aus dem Gefühl der Zusammengehörigkeit und engen Freundschaft der drei Künstler heraus, die in Künstlerkreisen unter dem Namen "Cronberger Kleeblatt" populär waren. Sie blieben nicht lange allein in Cronberg. Freunde derselben Kunstrichtung folgten ihrem Rufe als Ansiedler. Die ersten, die sich den drei anschlossen, waren Jakob Maurer, Adolf Dreßler, Hohenbaum, Karl Schäffer und Hugo Kaufmann. Als man dann später daran dachte, sich enger zusammenzuschließen, fand man, daß es bereits geschehen war, ahnungslos und ohne daß man es gewollt hatte. Hier sei gleich bemerkt, daß nicht alle Maler, die später in Cronberg wohnten, der engeren, eigentlichen Kolonie angehörten, sondern nur die, welche der Kunstrichtung der drei Begründer folgten. Philipp Rumpf ward am 19. Dezember 1821 als Sohn eines Konditorei-Besitzers auf der Bleidenstraße zu Frankfurt geboren. Er starb zu Sachsenhausen am 16. Januar 1896. Philipp sollte Konditor werden. Drei Jahre übte er sich in der Kunst, Süßigkeiten herzustellen, bis er den Konditorlehrbrief in Händen hielt.
Zeichnerisch war Rumpf vorzüglich veranlagt. Auf den Gedanken, Maler zu werden, kam er aber erst, als er eine Gruppe junger Maler auf einem Ausflug in den Taunus Skizzen nach der Natur anfertigen sah. Er schloß sich diesen jungen Künstlern an, besuchte den Städel und machte solche Fortschritte, daß er nach Absolvierung des Städel es wagen durfte, in Frankfurt eine Malerschule zu begründen. Der Ertrag aus derselben gestattete ihm, Kunstreisen nach Dresden, München und Oberitalien zu machen.
Rumpf war Meister nicht nur in landschaftlicher, sondern auch in figürlicher Darstellung. Das führte ihn in die höchsten Kreise ein. Er malte die Prinzessinnen Löwenstein-Heubach vor ihrem Eintritt ins Kloster, die Großherzogin Adelheid von Luxemburg, die Gemahlin Adolfs, des letzten Herzogs von Nassau, sowie beider Tochter Hilda, Großherzogin von Baden. Großherzog Adolf ernannte ihn zu seinem Hofmaler und verlieh ihm den Titel Professor. Auch am Hessischen Hof und noch anderen Fürstenhöfen war Rumpf gut eingeführt und verkehrte daselbst als Freund. Originell war Rumpf in der Unterhaltung. Sein Sohn Emil erzählte mir folgende Anekdoten. Der Vater war zu einer fürstlichen Tafel geladen. Da wurden feinere Konditorsachen herumgereicht. Beim Aussuchen belehrte er seine Tischnachbarin, eine junge Prinzessin, in echt Frankfurter Mundart: "Königliche Hoheit, gewwe Se Obacht! Nemme Se net des Stück da, nemme Se liewer des annere hier! Des da sieht zwar scheener aus, awwer des hier schmeckt besser!" - Auf die nun folgende Frage: "Aber Herr Professor, woher wissen Sie das so genau?" erklärte Rumpf lächelnd: "Das muß ich doch wissen, ich bin doch ausgelernter Konditor!" - Ein andermal, als er mit seinem Freund Schmöle einen Spaziergang über die Taunushöhen machte, blieb er, überrascht von einer besonderen Naturschönheit, plötzlich stehen, faßte Schmöle bei der Hand und rief begeistert aus: "Liewer Schmöle, guck emol da hinaus, is das nit herrlich? Was is doch der Rotschild mit all seinem Geld für en armer Deiwel gege uns. All das Scheene, das uns hier entzückt, sieht er nit!" -
Rumpf hat herrliche Malereien und Radierungen hinterlassen. Seine Spezialität waren Familien-Genres. Er bediente sich der einfachsten Motive, verstand es aber, seinen Bildern eine Innigkeit der Empfindung zu verleihen, die tief zu Herzen geht. Viele seiner Darstellungen entnahm er der eigenen Familie. In seinen Mädchenbildern ist seine Tochter Thekla, in den Bildern, die das Mutterglück darstellen, die eigene Gattin Hauptmotiv. Sein Heim, die Stube, gab ihm Anregung. Der Sohn erzählt mir, daß Dielmann oft bewundernd in des Vaters Atelier gestanden und gemeint habe: "Annern mache große Reise, um was zu finne und finne nix. Du bewegst Dich nit vom Platz und findst die scheenste Sache dehaam in Deiner Stubb!" - Dielmann hat Recht, gerade was die Rumpfschen Familien-Genres betrifft, ist bisher kaum Besseres auf die Leinwand gezaubert worden. Ein Porträt Rumpfs, eine Kohlezeichnung, befindet sich im Städel. Sein letztes lebensgroßes Bildnis ist im Besitze seines Sohnes und ward von diesem kurz vor dem Tode des Vaters gemalt.
Johann Fürchtegott Dielmann, der älteste der "drei Cronberger", ward am 9. September 1809 zu Sachsenhausen geboren. Er starb am 30. Mai 1885 zu Frankfurt. Er hatte keine angenehme Jugend. "Seine Wiege", schreibt Kaulen, "war nicht mit Blumen bekränzt." Ein "studierter" Vetter namens Freyeisen nahm sich des zeichnerisch veranlagten Knaben an, unterstützte ihn in seinem Streben nach der Kunst und gab ihm sogar wissenschaftlichen Unterricht. Er verschaffte ihm auch ein kleines Einkommen, das sich Dielman durch Kolorieren von Bilderbogen verdiente. Im Städel habe ich einige dieser Erstlingsarbeiten Dielmanns gesehen. In der Vogel'schen Kunstanstalt zu Frankfurt lernte Direktor Veit vom Städel das Talent Dielmanns kennen. Er vermittelte dem strebsamen jungen Manne ein Stipendium, so daß es diesem möglich wurde, die Kunstanstalten Frankfurts und Düsseldorfs zu besuchen. Nach einem längeren Aufenthalt zu Willingshausen in der Schwalm, wo ihm die Tracht der oberhessischen Bauern, die Bauart ihrer Häuser und der Zauber der dortigen Landschaft reiche Motive bot, nahm er seinen Wohnsitz zunächst in Frankfurt und dann auf Veranlassung Rumpfs in Cronberg.
Von Cronberg aus machte Dielmann Studienreisen an den Rhein, die Lahn und auf den Westerwald. Seine Bilder schildern getreulich das damalige Leben des Volkes, nicht nur die heitere Seite im Leben des Landvolks, auch die harte und mühevolle Arbeit des Landmanns, wie Kaulen sagt, "mit klarem, scharfem Auge, mit warmem Herzen und einem Verständnis, das jeden künstlerischen Putz verschmäht". Dielmann malte mit Vorliebe Bauernkinder. Hunderte hat er gemalt. Das war eine seiner Liebhabereien. Keiner brachte sie aber auch so schön auf die Leinwand, wie er. Manchem dürften seine flachshaarigen Kinderköpfe aus der Schwalm bekannt sein, die sog. "Mottenköpfe". Dielmanns Werke sind nicht so "wenig zahlreich", wie Weizsäcker meint. Er hat leider, wie mir Emil Rumpf sagte, die Schwäche gehabt, viele seiner Bilder zu verschenken. Dadurch befindet sich vieles in Privatbesitz und ist so für die Allgemeinheit verloren. Der Städel besitzt übrigens, wie ich gesehen habe, eine stattliche Sammlung Dielmann-Werke. Viele davon sind in Willingshausen entstanden, aber auch Bilder aus dem Nassauischen sind darunter, Höchst, Dausenau, Cronberg, Falkenstein, Mammolshain und andere. Ein Porträt Dielmanns ist im Städel vorhanden.
Anton Burger überlebte seine beiden Freunde um viele Jahre. Auf der Altegaß zu Frankfurt am 14. Nov. 1824 geboren, starb er zu Cronberg am 6. Juli 1905. Wie Rumpf und Dielmann, hat auch er sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Er sollte Weißbinder werden, wie sein Vater, da er sich künstlerisch hervortat, durfte er nebenbei den Städel besuchen. Als er dann hier ein Bild aus seinem damaligen Berufe zur Ausführung brachte, das einen Weißbindergehilfen darstellt, der pfeifend einem Zimmer die "Farbe der Unschuld" anlegt, war seine künstlerische Laufbahn gesichert. Burgers Weiterbildung fand in München und Düsseldorf und für kurze Zeit in Paris statt, wo er mit dem Schlachten- und Pferdemaler Adolf Schreyer, auch ein Frankfurter, zusammenarbeitete. Im Jahre 1848 siedelte er nach Cronberg über.
Zu den Hauptwerken Burgers zählen die Bilder über Alt-Cronberg und Alt-Frankfurt. Letzteres hat er in seinen historischen Partien vollendet gemalt. Von den Hauptwerken Burgers nenne ich nur: "Der Adlerwirt Renker zu Cronberg in seiner Gaststube", ein Bild, das ihm die goldene Medaille von München eintrug und von der Neuen Pinakothek angekauft wurde; äDer Barbier in der Cronberger Schmiede"; "Die Frankfurter Schirnen"; "Der Eingang zum Alten Markt" und "Die Judengasse". Burger war vielseitig. "Mit Seinen Werken", sagt Kaulen, "könnte man eine Galerie bilden. Kein Fach, kein Genre der Malerei bliebe da unvertreten. Figurenbilder und Landschaften, Jagd- und Tierbilder, Still-Leben und Innenbilder, Ögemälde, Aquarelle, Kreide- und Bleistiftzeichnungen hat dieser Künstler geschaffen. "Burger war eine populäre Persönlichkeit, liebenswürdig und hilfsbereit." Herr Apotheker Dr. Neubronner-Cronberg nannte ihn seinen väterlichen Freund. Er besitzt eine stattliche Reihe wertvoller Bilder von ihm, die ich zu besichtigen Gelegenheit hatte. Das Nebenzimmer zum Sälchen in der oberen Etage der Cronberger Apotheke ziert ein herrliches Deckengemälde "Amor im Blumenflor", das von Burger entworfen und von seinen Schülern ausgeführt worden ist.
Der Ruf der Cronberger Kolonie rief zahlreiche angehende Künstler herbei. Das führte dazu, daß sich in Burgers Atelier eine Malerschule bildete. Burger verstand es, künstlerisch anzuregen. Er zog mit den jungen Leuten hinaus in die Berge, ließ sie in der herrlichen taunischen Natur Eindrücke sammeln und die Skizzenmappe bereichern und zeigte ihnen täglich, daß man auch in einem kleinen deutschen Gebiet Motive zu künstlerischer Ausbildung finden könne.
Trotz aller Liebenswürdigkeit war Burger streng in der Kritik. "Bei Bewertung der Kunst hört alle Gemütlichkeit auf," meinte er oft. "Können Sie die Wahrheit vertragen? Geben Sies auf, Sie haben keine Spur von Talent." - Johann Wilhelm Hoff erzählt von sich selbst, wie er im Hof des "Goldenen Reichsapfel" zu Frankfurt gemalt habe und Burger dazugekommen sei. In Erwartung einer lobenden Anerkennung für seine Malerei habe er stolzen Blickes zu dem Altmeister emporgesehen. Aber schnell sei sein Größenwahn durch Burgers drastische Art geheilt worden. "Pfui Deiwel, was en Zeug!" habe er nur gesagt und fort sei er gewesen. Strebsame Künstler ermutigte er auch. "Ein bißchen Geduld und etwas Ausdauer, dann wird der Knopp platzen und die Blüte kann sich entfalten." - Das war Burgers Art. Von seinem urwüchsigen Humor erzählt Hoff folgendes Stückchen. Er sei zu dem Meister ins Atelier getreten, als dieser gerade an dem Bilde für Stadtrat Konrad Binding: "Ruhe nach der Jagd", gemalt habe. Kaum habe sich Burger nach ihm umgedreht und sein damals von mächtigem Vollbart umrahmtes Gesicht gesehen, sei es echt frank- furtisch aus seinem Mund gekommen: "Himmel, hat der an Kopp! - Der reinste Räuwer! - Sie wern gemalt!" - Burger, der letzte der drei Altmeister, blieb Mittelpunkt der Kolonie bis zu seinem 1905 erfolgten Ableben. Zu seinem 70. Geburtstage hatte ihm die Stadt Cronberg das Ehrenbürgerrecht verliehen. Nach seinem Tode benannte sie eine Straße nach ihm. Cronbergs Künstlerschaft hat ihm am Bleichweiher daselbst ein Denkmal gesetzt. Ferdinand Brütt hat ihn im Bilde verewigt.
Mit den "drei Cronbergern" ging ihre Kunst von hinnen. Sie räumte dem "Fortschritt" der modernen Zeit schweigend und willig den Platz. Was ich an den drei Künstlern besonders hervorhebe, ist, daß sie Künstler unserer Heimat waren. Sie waren Künstler, die nicht in die Ferne schweiften, sondern der Heimat bis an ihr Lebensende treu blieben. Die Heimat, von der sie selbst gebildet wurden, haben sie wiederum aus sich selbst heraus zum Bilde werden lassen Hieraus ergibt sich der Charakter ihrer Kunst, die eine Heimatkunst ist und unseren Heimatbestrebungen dient. Die Werke der drei Meister sind für uns daher mehr als kunstvoll zum Bilde aneinandergereihte Farbentöne, sie sind für uns Bilder voll heimischen Lebens, Bilder echter Wirklichkeit, die uns unser heimisches Volks- und Familienleben schildern, die aus der Liebe zur Heimat hervorgegangen sind und daher auch Liebe zur Heimat erwecken und erhalten.
Die Cronberger Maler verstanden auch Heiterkeit zu pflegen. Das Gasthaus "Zum Adler" in Cronberg, der "Schwarze Adler", war ihre Malerherberge. Hier wohnten und malten sie anfänglich, hier hielten sie ihre abendlichen Zusammenkünfte ab. Das Adlersälchen, das auch ihr Atelier war, weist heute noch 34 Wandmalereien von der Hand der damaligen Künstler auf. Dieser historische und wertvolle Wandschmuck stammt aus den 1860er Jahren. Durch ihn ist das Adlersälchen sehenswert geworden. Der österreichische Doppeladler, der vor dem "Schwarzen Adler" als Wirtsschild über der Straße hängt, zeugt ebenfalls von dem Wirken der Maler im Adler. Ihm hat nämlich der Humor Burgers statt Reichsapfel und Szepter eine Palette und einen Pinsel in die Krallen gegeben. Auch in Falkenstein bei Hasselbach im Nassauer Hof, sowie in Niederhöchstadt bei Bommersheim im Grünen Baum unterhielten sie sich beim Kegelspiel. Manche heitere Erinnerung knüpft sich an diese Zeit.
Die Schüler und Schülerinnen der Cronberger Schule sind zahlreich. Es wohnten einmal 36 Maler zu gleicher Zeit in Cronberg. Heute sind es nur noch vier: Emil Rumpf, der Sohn Philipp Rumpfs, Nelson Kinsley, der Schwiegersohn Burgers, Fritz Wucherer, ein Schüler Burgers und Fritz Heimes.
Unter den Cronberger Malern, die außerhalb der eigentlichen Kolonie standen, sei Adolf Schreyer hervorgehoben. Er ward 1828 zu Frankfurt geboren und starb 1899 zu Cronberg. Er war kein Maler der Heimat. Als Schlachten- und Pferdemaler durchwanderte er viele Jahrzehnte das Ausland. Seine Schlachtenbilder aus dem Krimkrieg sowie seine Pferdebilder aus den ungarischen Pußten, der Walachei, Südrußland, Arabien und Algier offenbaren den Reichtum seines poetischen Gemüts Von 1870 ab wohnte Schreyer bei seinen Freunden Rumpf, Dielmann und Burger in Cronberg. Auf dem neuen Friedhof zu Cronberg ruht er von seiner Kunst aus. Auf seinem Grabdenkmal steht: "Suchet mich nicht hier, suchet mich in eueren Herzen!" Eine Schreyerstraße in Cronberg erinnert an den Künstler.

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