Beurteilungen eines Zeitgenossen

  Zu Dielmann: ... Anders der treffliche Jakob Becker, 1810 zu Dittelsheim bei Worms geboren, welcher sich ausschliesslich dem Bauerngenre und zwar zumeist mit enger örtlicher Begränzung (Westerwald) widmete. Seine "wallfahrende Landleute", "durch ein Gewitter von der Ernte aufgeschreckte Landleute" und der "vom Blitz erschlagene Hirt" würden ihm allein einen Platz unter den ersten deutschen Genremalern sichern. Seit 1841 wirkt der Meister neben dem jüdischen Genremaler Mor. Oppenheimer am Städel'schen Institut zu Frankfurt. Ihm persönlich als unzertrennlicher Freund und auch künstlerisch nahe steht Jac. Dielmann, geb. zu Sachsenhausen 1811, welcher jedoch in allzu kleinen Maasstabe arbeitend besonders in seinen zierlichen Aquarellen beinahe miniaturartig erscheint.
Zur Frankfurter Kunstszene: In Frankfurt am Main, dessen Städel'sche Stiftung dem Kunstunterricht so reiche Mittel darbietet, hatte die Historienmalerei seit Veit's Ausscheiden trotz Steinle's Bemühungen keinen fruchtbaren Boden mehr gewinnen können. Steinle selbst fand sich in genreartigen Darstellungen aus den Dichtern und näherte sich dadurch den schon gerühmten Frankfurter Genremalern Jac. Becker und Mor. Oppenheim. Unter den neueren Vertretern des Genre ragt aber neben Ferd. Becker Alb. Hendschel, geboren 1834 zu Frankfurt, besonders als Zeichner hervor, durch sein "Skizzenbuch" allbekannt, und einen L. Richter in Dresden, wenn auch nicht an Zartheit des Eingebens in's Kinderleben erreichend, so doch an Vielseitigkeit, schlagender Charakteristik und in der Formensprache überbietend. Auch L. Bode dürfte sein gemaltes Genre als Illustrator hinter sich lassen. Dagegen darf Carl Hoff nach seiner "Rococowhistpartie", "Ruhe auf der Flucht", "Erste Kritik" u.s.w. als einer der brilliantesten Coloristen gerühmt werden. C. Engel und C. Th. Reiffenstein mögen noch genannt werden. - In der Landschaft hat Frankfurt Ursache, abgesehen von dem älteren sorgfältigen E. W. Pose, geb. 1812 zu Düsseldorf, auf C. P. Burnitz, geb. zu Frankfurt 1824, stolz zu sein, welcher seine aus der Umgebung der Mainstadt oder aus den bayerischen Vorbergen entnommenen Motive mit seltener Wahrheit und landschaftlicher Empfindung wiederzugeben weiss. Auch J. Chr. Heerdt, geb. 1818 zu Stuttgart, und der vorzugsweise die italienische Landschaft mit weiten Fernsichten cultivirende A. Höffler geniessen eines guten Namens. Weniger bekannt ist der Stimmungslandschafter R. Fresenius, neben welchem noch J. Maurer und H. Winter, letzterer zum Genre neigend, zu nennen sind.

Zu den gefeiertsten und populärsten Künstlern Frankfurts gehört endlich Ad. Schreyer, in Paris gebildet, einer der hervorragendsten Pferdemaler der Gegenwart, dessen "Kosakenpferde im Schneegestöber" sogar in der Seinestadt Aufsehen erregten. Kühnheit, Lebendigkeit und Wahrheit in Composition, Formgebung und Colorit zeichnen seine Werke in gleicher Weise aus, besonders wenn er sich auf das rauhhaarige Steppenpferd der untern Donau- oder Donländer beschränkt. Neben ihm kann Ant. Becker als Thiermaler nur gennant werden.

Zu Thoma: Unter den Vertretern jener schnöden coloristischen Extravaganz, die von Frankreich ausgehend die verschiedenen Kunstzweige auf Erzielung schneidender Contrasteffekte hingelenkt und in die Münchener Historienmalerei - freilich durch Zuzug von Aussen - einen Böcklin gebracht, ist glücklicher Weise nur ein namhafter Landschafter zu verzeichnen, nemlich Hans Thoma. Verfasser dieses wenigstens kann und will nicht glauben, dass das ungebrochene Nebeneinander von abtönungslosen Farben, die schneidenden Grün, Blau und Rosa, der Mangel von Schattenwirkung und Luftton mehr als eine geniale Wunderlichkeit, und in Wahrheit Vorboten der Zukunftskunst, geschweige denn diese selbst sein sollen.


Dr. Franz Reber: Geschichte der Neueren Deutschen Kunst, Meyer & Zeller's Verlag, Stuttgart 1876 (Auszüge).