Frankfurter Künstler

Erinnerungen und Gedanken eines Achtzigjährigen

Johann Friedrich Hoff

1914

  Trieb es uns angehende Maler in der Mitte der vierziger Jahre nach Cronberg, so gab es zwei Möglichkeiten, dahin zu gelangen: entweder man fuhr gegen Abend von der großen Bockenheimergasse mit Wecks Omnibus die Landstraße über Eschborn, wo vor dem Gasthause "Zum goldenen Hirsch" kurzer Halt gemacht wurde, oder man wanderte, das Ränzel auf dem Rücken, in der Frühe den dreistündigen Weg. Beides hatte seine eigenen Reize, besonders letzteres wegen der Ersparnis! Bei der Fahrt saß man auf dem Deck und hatte den Genuß, das Getreide und Hantieren der Bewohner der noch ursprünglichen Dörfer, besonders Sonnabends, bequemer zu beobachten und in sich aufzunehmen. Hatte man Niederhöchstadt hinter sich, so wurde der Blick mehr und mehr durch das Gebirge gefesselt, das uns "immer näher rückte", und dessen Dörfer, auf der Höhe Neuenhain mit den drei Linden, Kronthal, darüber Mammolshain, Cronberg und Falkenstein uns grüßten. Vor allem war es Cronberg mit seinem Kastanienwald, das großen Zauber übte. Ach, wie anders war die Frankfurterstraße, auf der man einzog! Sie ist kaum noch zu erkennen.
Man sehe sich die schöne Radierung von Karl Schäffer nach Burger an: Cronberg vor fünfzig Jahren! Das ruft zurück: Vorn der uralte Friedhof mit den Riesenpappeln und dem Denkmal Caspars II. von Cronberg (+1575), daran anschließend der einstige Garten des Dr. med. Ehemant mit den vielen großen Kastanien. Die holperige Straße zeigt an ihrem Ende das damals vornehme Gasthaus, den niederen, langgestreckten "Schützenhof" von Ellenberger. Eben kommt Rumpf mit seiner Familie spazierend, in Begleitung des Hündleins, daher, hinter ihnen ein Bauer mit dem Pfuhlfaß auf dem Kuhwagen - eine echt Burgersche Staffage. Über dem allen thront das Schloß mit seinen Kapellchen und in der Ferne die Burg Falkenstein. Welche Wonne waren für das Künstlerauge der einstige pompöse schmiedeiserne immerfließende Marktbrunnen - die Gemeinde verkaufte ihn - wie auch all die aufsteigenden, buckeligen Straßen und Treppen, die nach dem Schloß führen! Immer wieder lugen zwischen den malerischen Genisten und den weitästigen, uralten Maulbeerbäumen die reichen Schloßgiebel, der schlanke, so fein gegliederte Turm und das Burgkapellchen hervor. Schade, wie das jetzt vielfach entstellt ist, und wie die, bei welchen noch all die Plätze und Eckchen in der Erinnerung fortleben, sie vermissen. Und nun durch die reizende Pforte in den Schloßhof mit dem plätschernden Brünnchen unter der Weide - welcher Reichtum von Architektur umfing uns! Hier auf dem weiten felsigen Platz tummelte sich unter den alten Kirschbäumen die Schuljugend des greisen Rektors Glaesner. Und jetzt? Er ist geschlossen: der Lieblingsort der Künstler, der luftige Ruheplatz unter den beiden Lärchen, von wo man in die leuchtende, weite Ferne träumte, ist uns schon lange nicht mehr zugänglich. Das war eine Welt, wo dem Maler das Herz aufging, wo die Hand dem Auge nicht schnell genug folgen konnte, um all die Herrlichkeiten ins Skizzenbuch zu bannen. Und doch wie schön ist's noch! Und hinunter durch die abschüssigen Straßen, an der Thalmühle vorbei, hinauf nach dem Kastanienwald: das zeigt uns Philipp Rumpfs herrliche Originalradierung - dieselbe Ansicht, welche er auch malte - mit dem Blick nach dem Schloß und dem aus dem Häusergewirre hervorlugenden Eichentor und der evangelischen Kirche. Ein großer Zauber liegt in den unter dem Schloßberg sich gruppierenden sonnigen Kastanienbäumen. Auch hier geht des Künstlers Frau mit ihren Kindern, den Sonnenschirm aufgespannt, am schattigen Abhang dem Bächlein zu. Dahin zogen vor sechs Jahrzehnten die drei Genossen Dielmann, Rumpf und Burger, die Gründer der Cronberger Malerkolonie. Der Braven trieb es noch mehr hin, so daß ein immer regeres Kunstleben sich entfaltete. Es seien Jakob Maurer und Adolf Schreyer genannt, der sich 1870 nach jahrzehntelangem Aufenthalt in Paris hier niederließ.
Mit der Zeit siedelten sich in Cronberg an: Eugen Peipers, Christian Heerdt, Karl Schäffer, Dr. Peter Burnitz, Viktor Müller und Otto Scholderer, die drei letzteren, als sie die Villa von Jacques Reiß ausmalten; Heinrich Winter, Richard Fresenius, Wilhelm Friedenberg, Norbert Schrödl, Hans Thoma, Louis Eysen, Ferdinand Brütt und dessen Schüler Karl von Bertrab. Cronberg, das immer neue Cronberg, war das Hauptziel meiner Wanderungen. Ich wurde mit den Malern bekannt; die weit älteren Herren kamen mir äußerst gütig entgegen. Rumpf wohnte mit seiner Familie vor dem Tor am Ausgang der Eichenstraße, Dielmann und Burger im "Schwarzen Adler". Wie schön klang der zweistimmige Gesang, den Burger und seine junge Frau abends zur Zither aus ihrem Fenster ertönen ließen. Im "Adler" pflegten die Künstler ihre Abendzusammenkünfte zu halten. Der Tanzsaal ist noch mit Landschaften und Figuren von den Malern jener Zeit geschmückt. Burger hat seinen Freund Dielmann im bescheidenen schrägen Dachstübchen, an der Staffelei arbeitend, in einer getuschten Zeichnung vorzüglich dargestellt. Ebenso Dielmann in einem Aquarell Rumpf mit seinem Hündchen, im Freien rauchend. Dann wohnten noch im "Adler" Ernst Schalck und der mir aus dem Städel bekannte Engländer Frederick Leighton, mit welchen ich zuweilen hinausging, Studien zu machen. Leighton zeichnete vollendet! Ich erinnere mich noch der angetuschten Federzeichnung des in der engen Pferdsgasse aus Holzfachwerk erbauten altdeutschen Hauses, an dessen Erker am Samstag abend ein mit Blumen geschmücktes Madonnenbild beleuchtet wurde. Sie steht heute noch, die reizende Reliquie.
... Wie nach manchem anderen, wurde auch nach Burger eine Straße benannt; ja er wurde auf seinen 70. Geburtstag, am 14. November 1894, zum Ehrenbürger Cronbergs erhoben, und seine Freunde setzten ihm, nach seinem Tode, am 6. Juli 1905, an schönster Stelle am Weiher ein Denkmal (gefertigt von Bildhauer Ludwig Sand), das uns seine liebe Persönlichkeit zeigt.