Philipp Franck: Die Kronberger Malerkolonie

Aus: "Vom Taunus zum Wannsee. Erinnerungen.", 1920

  Von den Künstlern der eigentlichen Malerkolonie in Kronberg kannte ich außer Anton Burger noch keinen persönlich. Auf Veranlassung Dr. Roberths hatte ich Burger einmal einige meiner Zeichnungen gebracht. Dielmann, das Haupt oder eigentlich den Begründer der Kolonie, kannte ich nur aus seinen Bildern. Anfänglich zog mich auch Burger viel stärker an als Dielmann. Burger war eine leidenschaftliche, vollsaftige Natur. Ein geborener Altegässer, also aus dem Herzen von Frankfurt, war er trotz seiner kleinen Figur ein Athlet, der mit den Kronberger Bauern Ringkämpfe ausfocht, und ein leidenschaftlicher Jäger, dem die Jagd viele seiner schönsten Motive gab. Er war bei den Bauern in Kronberg gefürchtet wegen seiner Heftigkeit und Stärke, und geliebt, weil man fühlte, daß er die Bauern, die "Kaffern", wie er sie nannte, wieder liebte, wenn er sie auch manchmal verdrosch. Einmal war ich Zeuge eines Auftritts, wie er einen Tischler würgte, der ihm einen zu kleinen Rahmen geliefert hatte. Unten im Hausflur hörte man den Mann jammern: "Ach, Herr Burger, dun Se mer doch nix."
Aus Kronberg war Burger kaum herausgekommen. Als ihn sein Freund, der Maler Angilbert Göbel, mit vieler Mühe und Not dazu bewogen hatte, einmal nach Paris zu gehen, hielt er's dort gerade drei Wochen aus. Dann zog ihn die Sehnsucht nach Kronberg zurück. Doch spielte Paris eine große Rolle im Kronberger Kunstleben. Göbel war einer der Vermittler, der Millet gesehen und bei Courbet gemalt hatte. Courbet selbst hatte sich längere Zeit in Frankfurt aufgehalten. Der Maler Dielmann erzählte mir, daß Delaroche aus Paris zu ihm gekommen sei, "um den Vater dieser (gemalten) Kinder zu sehen". Dielmanns ganz kleine Kinderbildchen machten damals ein heute nicht mehr ganz begreifliches Aufsehen.
Für die fortdauernde Beziehung der Kronberger zu Paris sorgte auch Adolf Schreyer, der, gleichfalls ein geborener Frankfurter, eine Villa mit großem Atelier in Kronberg hatte und den Sommer immer dort zubrachte. Wie eng Burger sich an ihn angeschlossen hatte, beweist, daß er und Schreyer ein Bild gemeinsam gemalt haben, das noch im Besitz von Burgers Tochter ist. Trotzdem war Burgers Kunst in keiner Weise schreyerisch oder französisch. Sie wurzelte tief in der Heimat. Will man eine Formel für sie finden, so könnte man sagen: halb Ostade, halb Spitzweg. Aber das trifft ihn im Grunde nicht, da er doch eigentlich ganz selbständig war.
Bauern beim Kegeln, im Wirtshaus und auf dem Felde, die Straßen und Höfchen von Kronberg, die alten Winkel und Häuser, belebt mit der Staffage der Kuhgespanne und der arbeitenden Bauern, der Frauen und Kinder: das wurde ihm zu Bildern. Naturstudien wurden viele gemacht, jedoch meist Zeichnungen, und die Bilder größtenteils aus dem Kopfe gemalt. Verkauft wurde alles. Frankfurt verbrauchte seine Maler. Oft waren die ungemalten "Burgerchen" schon vorher verkauft. Auf der Jagd wurden sie im voraus versteigert. Wenn Burger, der die Jagd nach dem Altkönig zu gepachtet hatte, mit seinen Jagdfreunden zusammen war, rief er plötzlich: "Seht hier den Hünerkopf in der Abendsonne, wer bietet?" - "Acht Gulden" , sagt einer. "Ich mal' noch ein Reh hinein als Staffage!" rief Burger. "Neun Gulden" sagte ein anderer, "zehn Gulden" ein dritter, und so kam's, daß Burger auf der Jagd eine Anzahl Bilder versteigert hatte, die er dann abends bei der Lampe, die lange Pfeife im Munde, ausführte. Mit Kohle unterzeichnet, mit Aquarellfarben leise angetönt, entstanden so oft die reizvollsten Improvisationen, wohl aber auch viele Wiederholungen von Themen, die dann ins Konventionelle ausliefen.
Mit seinen hübschen, blitzenden, dunklen Augen schritt Burger stolz durch die Gäßchen des Ortes. Wir Jünger und Schüler nannten ihn dann heimlich den "König von Kronberg". Oft hatte er auch ein ganzes Gefolge von Damen um sich, die sich seine Schülerinnen nannten und bei ihm malten und zeichneten. Wenn man malend hoch über einem Hohlweg saß, hörte man oft unten durch den Weg den Meister mit den Damen kommen, beständig von deren "Herr Burger, Herr Burger" umschwirrt, so daß man sich tief auf die Staffelei bückte, wenn man gerade im Augenblick die Damen nicht brauchen konnte.
Ja, die Damen von Kronberg! Da war Pauline Fresenius, Burgers Schülerin und später seine dritte Frau, und Burgers Tochter Luise, die sich allerdings niemals das Laster des Malens angewöhnt hat. Da war die Malerin Ida Braubach, und da waren die Schwestern Neubronner, Sophie und vor allem sie, die Krone von Kronberg, die himmlische Lila. Wie die Sterne, so begehrte sie wohl keiner, nur dem kühlen Chelius sagten wir es als Gipfel der Schamlosigkeit nach, daß er sich Hoffnungen mache, hauptsächlich, wenn er bei festlichen Gelegenheiten seine Darmstädter Dragoneruniform angezogen hatte. Für uns stand sie zu hoch!
Der Burger-Schüler Nelson G. Kinsley sicherte sich gleich eine der Damen, indem er sich mit Luise Burger verlobte. Welcher Prinz Lila Neubronner einmal bekommen würde, interessierte uns sehr. Wir wußten keinen, der uns für sie gut genug gewesen wäre.
Zunächst hatten wir alle Gelegenheit zur Beobachtung ihres weiteren Schicksals, denn ihr Vaterhaus, die Kronberger Apotheke, öffnete uns Burger-Schülern sein gastliches Tor, und ihr Bruder, der Dr. Julius Neubronner, wurde unser Freund, trotzdem oder gerade weil auch er sich das Malen nicht angewöhnt hatte. Meine Wohnung nahm ich bei der Frau Schmidt im Tale. Dort hatte ich zwei Zimmerchen inne, und sie wurden meine Welt. Aus dem hinteren Stübchen genoß man die weite Aussicht in die Mainebene, seitlich nach vorn guckte man in die Talstraße hinunter, über der sich in der Ferne der Falkensteiner Berg erhob. Aber wie klein war alles! Jetzt, wo das Häuschen abgerissen ist und ein winziges Viereck die Grundfläche zeigt, auf der es stand, begreift man nicht, wie es darauf Platz finden konnte, um so weniger, als doch noch ein Seitengang neben dem Häuschen in den Garten führte. Und in dem Vorderzimmer habe ich doch einmal ein anderthalb Meter großes Bild gemalt!
Ein alter Soldatenmantel und ein Filzhut mit einer Pfauenfeder bildeten meine Kostümkammer, zusammen mit dem Sganarellekostüm der Frankfurter Molièreaufführung. Mit Hilfe dieser Dinge malte ich mein erstes Ölbildchen, "Wegelagerer" betitelt, das nach kurzer Ausstellung im Frankfurter Kunstverein verkauft wurde. Das muß im Jahre 1879 oder 1880 gewesen sein. Wohin das Bildchen gekommen ist, habe ich nicht erfahren. Wie gern würde ich es einmal wiedersehen! Eine Anzahl kleiner Figürchen lagert um ein brennendes Feuer in der Heide; fast alle haben meinen alten Soldatenmantel an, einige auch den Filzhut und andere das Sganarellebarett. Selbst die Pfauenfeder wurde abwechselnd ange- bracht.
Zu meiner großen Freude zog meine gute Frau Fiedler, die schwer brustleidend war, nach Falkenstein und blieb dort fast zwei Jahre. Täglich, im Sommer und im Winter, wanderte ich nach getaner Arbeit von Kronberg nach Falkenstein und abends wieder zurück, trotz der ängstlichen Warnung der Tischlersfrau, bei der Frau Fiedler wohnte und die als Försterstochter nicht genug vor den Wilddieben warnen konnte. Besonders ich als Burger-Schüler, meinte sie, müsse mich hüten, da ich allen bekannt sei, um so mehr, als Burger die Kronberger Jagd gepachtet habe. Wohl glaubte ich vielfach spätabends mancherlei verdächtiges Treiben zu sehen, hörte Pfiffe, sah Männer schwerbepackt über den Weg huschen, aber geschehen ist mir nicht das geringste. Oft kam ich an Zigeunerlagern mit brennenden Feuern vorbei. Neben der Kreuzung der Falkensteiner mit der Königsteiner Chaussee hielten die Zigeuner ihre Rast. Aber auch da bin ich kaum einmal angebettelt worden.
Mein Mitschüler bei Burger war damals der schon erwähnte Kinsley, der später Burgers Tochter geheiratet hat und als damaliger Bräutigam natürlich eine besonders bevorzugte Stellung inne hatte. Dann war es der gleichfalls schon genannte Chelius, der für mich sozusagen als Phönix aus der Asche in Kronberg plötzlich wieder auftauchte. Denn er war schon im Städelschen Institut bei Hasselhorst unser Kollege gewesen, aber wir hatten damals seiner nicht sonderlich geachtet. Ja, er war sogar in den Anfängen seines Ölmalens wegen bestimmter, das Auge verletzender Tönchen, die er zu mischen verstand und die wir "Cheliustönchen" nannten, weil wir sie niemals vorher gesehen und kein andres Wort für sie fanden, nicht besonders angesehen. Nun aber trat er uns mit eignen Bildern entgegen, die uns erstaunten und zu der Frage brachten: "Hast du das nach Burger kopiert?" Alles war da, um einen meist sehr mäßigen Burger vorzutäuschen. Burger hatte in seinem zur Verschwendung neigenden künstlerischen Reichtum Chelius auch seine Skizzenbücher zur Verfügung gestellt mit Hunderten von Staffagefiguren, Pferde- und Kuhgespannen, Hunden, Jägern und Treibern. Über diese Zeichnungen legte Chelius nun Pauspapier, zog die Linien nach und verwandte die Figuren mit geringen Abänderungen in seinen Bildern. Erst staunten wir mächtig über die Poesie dessen, den wir für kühl gehalten hatten. Aber dann sahen wir doch, wie leicht die Nachahmung selbst ganz individueller Kunst ist.
Tages Arbeit, abends Gäste - das war ein Wort, das auch Burger unterschrieb. Kegeln und Scheibenschießen, kleine Aufführungen in Burgers Atelier, an die sich Verlosungen anschlossen, zu denen Burger und wir Schüler Skizzen beisteuerten, wechselten ab.
Was Wunder, daß da wieder der Theaterteufel sein Haupt erhob und diesmal ein ganz großer Streich ausgeheckt wurde. Gleich bei der ersten Kunde davon eilten Fritz Rumpf und Oskar Göbel, der Kronprinz der Künstlerdynastie Göbel, aus Frankfurt herbei, um mitzutun.
Aber noch an einer anderen Stelle hatte der Theaterteufel große Macht: bei Neubronners in der Apotheke. Dort pulste richtiges Theaterblut. Frau Neubronner stammte aus der großen Schauspielerfamilie der Löwes, und Lila und Julius brauchte man nicht erst viel gute Worte zu geben, um sie zu entflammen.
Und nun stieg sie empor, die göttliche "Minna von Barnhelm", und mit dem, was wir in Frankfurt beim Molière gelernt hatten, machten wir an Lessing unser Meisterstück. Im großen Saal des Gasthauses "Zum Adler" ging sie vor sich, die Aufführung, an der durch Malerhände schon geweihten Stätte. Denn in diesem Saal hatten die Kronberger Maler die Wände mit Bildern bemalt, an denen alles gemalt war, auch die - Goldrahmen.
Wieder wurde geprobt und gemalt, gebaut und geschneidert. An Lila Neubronners blondem, zierlichem Köpfchen und ihrer zarten Figur mußten alle Amoretten und Grazien des Rokoko ihre Freude haben. Unnachahmlich war sie, wenn sie nachlässig zu Franziska sagte: "Der Tee schmeckt mir nicht, laß Schokolade machen, für dich." Julius Neubronner als Tellheim in seiner weißen Uniform mit den goldenen Tressen war männlich und edel, Fritz Rumpf als Just bärbeißig und grob. Luise Burger als Franziska und Pauline Fresenius als Dame in Trauer spielten nach unsern Herzen, und selbst die große Furcht, die wir vor der Besetzung der Rolle des Wachtmeisters durch Chelius hatten, erwies sich als unbegründet, denn er spielte ihn mit einer Mischung von Selbstbewußtsein und Trockenheit, wohl in der Art, wie er als Darmstädter Dragoner mit den Kammerkätzchen verhandelt hatte, so daß wir vollkommen mit ihm einverstanden waren.
Der Wirt und der Riccaut de la Marlinière fielen mir zu, und besonders in der zweiten Rolle soll ich nach Aussage der Frau Fiedler in meiner knallroten Uniform und den gepuderten Haaren überaus gut ausgesehen haben. "Wunderhübsch warst du, und deine Augen ganz schwarz", sagte sie, und ich freute mich, da ich mich sonst so häßlich fand, daß es mir Pein machte, an einem Spiegel vorbeizugehen.
Nach der Aufführung tanzten wir und jubelten. Wir fühlten uns wie im Himmel, und es bedurfte schon einiger Tage, bis wir wieder zu uns selbst kamen und erkannten, daß dieser Himmel doch nur ein Theaterhimmel war.
Bei meiner lieben alten Frau Schmidt im Tale hatte ich mich gut eingewöhnt und fühlte mich ganz zum Hause gehörig. So sahen mich auch die Kinder an, und besonders die Enkelchen. Mit der Nanny, der kleinen schwarzen Hexe, machte ich die Schularbeiten und ging mit ihr ins Kronthal, um Mineralwasser von der Quelle zu holen. An dem Kinde hing ich stark, und noch lange nachher in Düsseldorf vermißte ich es sehr.
 
Schön war in Kronberg das Verhältnis der Künstler zueinander, soweit ich es beurteilen konnte. Vielleicht, daß zwischen den Verheirateten, wo die Frauen das Zepter führten, sich dann und wann Wolken erhoben, aber zu merken war davon nichts. Jeder hatte seine künstlerische Domäne, die von den andern respektiert wurde. Wenn Burger auf Spaziergängen ein schönes Landschaftsmotiv fand, so sagte er: "Dies ist ein Maurer, das muß ich ihm sagen, daß er's malt." Philipp Rumpfs Bereich blieben, als seine Kinder klein waren, die mannigfachen Bildchen von "Mutter und Kind", und als die Mädchen heranwuchsen, elegante Damen. Die Gäule fielen in Schreyers und Heinrich Winters Gebiet und auch in das von Emil Rumpf, Philipps Sohn, der als Genie gefeiert wurde. Er hat sich aber nach kurzem Anlauf ganz zurückgezogen, und in den großen Ausstellungen ist später kein Bild mehr von ihm erschienen.
Als Philipp Rumpf seinerzeit heiratete, war er 23 und seine Frau 22 Jahre alt. Beide waren sehr klein und blond, so daß sie aussahen wie halbe Kinder. Dies fühlten sie selbst, deshalb faßten sie sich, wenn sie auf der Straße zusammen gingen, nicht unter, sondern führten sich an der Hand, daß es aussehen sollte, als seien sie Geschwister. Ja, auf belebteren Straßen ging der eine der beiden Ehegatten auf der einen, der andre auf der andern Straßenseite, weil es ihnen peinlich war, von so vielen Menschen zusammen gesehen zu werden und grüßen zu müssen. Dabei kam alle Jahre ein Kind.
Am Tage nach der Hochzeit bestand das ganze übriggebliebene Geld in einem Gulden und zwanzig Kreuzern. Aber Philipp Rumpf konnte etwas; bald machte er einen Entwurf oder eine Zeichnung, bald hatte er einen Porträtauftrag und verkaufte auch dann und wann ein Bildchen. So hielt er anfänglich seine Familie über Wasser, und später verdiente er sogar sehr gut seinen Lebensunterhalt.
Von Frankfurt kamen oft die Künstler herüber, der Maler Angilbert Göbel und sein Schwager, der Kupferstecher Eissenhardt, auch der Landschafter Peter Burnitz. Thoma und Steinhausen dagegen habe ich damals in Kronberg nicht getroffen. Aber es kam der alte Professor Morgenstern, dessen Bild von Sorrent im Städelschen Institut wir sehr bewunderten. Er erzählte viel von Italien. Auch sein Sohn Ernst, der Marinemaler, gehörte zu unserem Kreis. Er malte lustig seine Seestücke auf dem Trockenen. Sonst war er aber ein witziger, fröhlicher Mensch.
Wir dankten es ihm sehr, daß er uns einst von einem lästigen Störenfried befreite, dem unartigen Bruder zweier schöner Schwestern, denen wir den Hof machten. Wenn z. B. Hans Rumpf, ein Sohn Philipps, den Damen seine Huldigung darbrachte, feixte hinter seinem Rücken der kleine Bruder und machte scherzhaft alle seine Bewegungen nach, so daß Hans, der überdies hühnerblind war, mit all seinen Artigkeiten schmählich abfiel. Einst aber erfüllte sich des lästigen Jungen Schicksal, als er Ernst Morgenstern, der gleichfalls in Huldigungen begriffen war, einen schmerzhaften Hieb mit einer Gerte versetzte. "Das ist recht", sagte Ernst und nahm gleichfalls eine Gerte," so wollen wir spielen. Erst haust du noch einmal, dann haue ich." Der Junge hieb nochmals fest zu. "Jetzt komme ich", sagte Ernst. Und nun hatte der Junge eine sitzen, daß ihm die Tränen in die Augen kamen. "Jetzt kommst du wieder", sagte Ernst. Der Junge hieb wieder, aber nun bekam er von Ernst einen Schlag, daß er nicht mehr weiterspielen wollte und uns auch in der Folge bei unsern Besuchen in weitem Bogen auswich.
Maurer, der Landschafter, wurde von Burger sehr geschätzt. "Wer in Deutschland malt's denn besser?" fragte er oft. Maurer war ein stiller Mensch, der auf uns wenig Eindruck machte. Auch seine Bilder, die auf den Traditionen der Barbizonschule aufbauten, aber formvoller waren als die von Burnitz, wollten uns nicht so bedeutend erscheinen.
Dielmann schwärmte sehr von Düsseldorf, wo er einige Jahre geweilt hatte. Er erzählte von den dortigen Ausstellungen und von der unerwarteten Wirkung seiner Bildchen. In einer Düsseldorfer Ausstellung befanden sich einst seine beiden kleinen Bilder aus Falkenstein, die von der Berliner Nationalgalerie angekauft wurden und dort noch hängen. Sie stellen kleine Bauernhöfchen mit Misthaufen dar, mit kleinen Figürchen staffiert. Auf dem einen ist sogar ein Abtrittchen wiedergegeben. Sie sollen unter den trauernden Juden und Königskindern der Düsseldorfer Ausstellung wie eine Revolution gewirkt haben. Sechsmal sah man da die Darstellung der Ermordung der Söhne Eduards im Tower. Die von Hildebrand war auch dabei. Aber man kann sich doch trotz der Zahmheit und Kleinheit der Dielmannschen Bildchen eine Vorstellung von ihrer Wirkung machen.
Dielmann war zwar mit den Menschen zerfallen, aber er wollte ihre Liebe. Er forderte sie und quälte die ihm Nahestehenden damit. So sollte seine Tochter Wally, als kleines Mädchen, ihm immer entgegenhüpfen, auch auf der Straße, wenn sie aus der Schule kam, und ihn umarmen. Aber das Kind war schüchtern; trotz der aufmunternden Bewegungen des Vaters war es nicht dazu zu bringen und blieb auf halbem Wege stehen. Das bekümmerte Dielmann sehr, der wohl an das hübsche Bild gedacht hatte, das die entgegenspringende Tochter bieten sollte. Später galt seine Zuneigung Sophie Fresenius, einer Schwester von Pauline, die mit ihrer Mutter auf der Frankfurter Straße gegenüber dem Aufgang der Kronberger Bahn wohnte. Dann mußte das arme Sophiechen, das schon manches Harte im Leben erfahren hatte, am Fenster stehen und Dielmann zuwinken, wenn er von Frankfurt her den Bahndamm heraufkam. Tat sie es einmal nicht, weil eine häusliche Verrichtung sie abhielt, so war Dielmann ganz unglücklich und konnte einen Tag lang nicht arbeiten, bis wieder die "Versöhnung" stattfand.
Um die Zeit, als ich Dielmann näher kennen lernte, begann sich mein Verhältnis zu Burger zu lockern. Ob er wollte oder nicht, Burger sah sein Ideal doch unbedingt in seiner eigenen Kunst und zerdrückte jede Kunst, die anders war. Wenn ich meine Bilder und Studien zu ihm brachte, wurden sie durch seine Korrektur verburgert. Er malte wohl auch hinein und darüber, was mir entsetzlich war, was ich aber leiden mußte, da er keinen Widerspruch vertrug. Vielfach wurden auch die Bilder dick untermalt und dann mit einer Schicht Asphalt oder Beinschwarz überzogen. Nun ließ man sie trocknen und schliff sie mit Bimsstein ab. Dadurch kamen an den hohen Stellen die hellen Töne der Untermalung wieder heraus. Manches blieb so stehen; man nannte das "die Zufälligkeiten benutzen" und "den Ton geben". An manchen Stellen wurde wieder neu übermalt. Daß dieses Verfahren nicht haltbar war und daß die Bilder mit der Zeit schwarz werden mußten, bedachte man nicht.
Burger hatte damals eine ungeheure Vorliebe für den braunen Asphaltlack. Ganze Bilder malte oder tuschte er mit Asphalt, der in frischem Zustand eine wundersame Durchsichtigkeit und Leuchtkraft besitzt. Besonders seine Innenbilder, seine Bauernstuben und alten Häuser untermalte er so und gab dann oft nur ganz wenige Farben hinzu. Aber auch seine Landschaften malte er in dieser Zeit fast ganz mit Asphalt und mit Weiß, das in der Mischung mit Asphalt ganz bläulich wird. Ein wenig Blau in den Himmel, ein wenig gedämpftes Grün auf die Erde, dazu eine rote Jacke eines Bauern: das gab alles gleich und leicht eine entzückende Harmonie. Aber abgesehen davon, daß der Asphalt bald grauschwarz wird und seine Durchsichtigkeit und Leuchtkraft verliert, bekommt die mit ihm gemalte Farbe Sprünge und Risse.
Mir, der ich stets eine große Freude am Experimentieren hatte, machte die Sache anfangs viel Spaß. Die erste jedoch, die Unheil witterte, war Frau Fiedler. "Ich weiß nicht", sagte sie oft, "jedesmal wenn du deine Sachen zu Burger bringst, freue ich mich über die Frische und die Natürlichkeit der Farben. Wenn du sie von Burger zurückbringst, ist der ganze Schmelz und die Leuchtkraft dahin. Was du zu Burger bringst, bist du, was du zurückbringst, das ist er."
In der Folge zeigte ich auch Burger die kleinen Bleistift- und Kohlezeichnungen landschaftlicher Motive nicht mehr, die ich bei meinen Streifzügen durch das Gebirge machte. Sie sind das Beste, was mir aus der damaligen Zeit zurückblieb, und oft konnte ich später daran anknüpfen. Manche haben ein ganz Liebermannsches Gepräge, obwohl ich damals noch kein Bild, keine Zeichnung von Liebermann gesehen hatte.
Ich denke mir, daß Frau Fiedler ihre Not Dielmann geklagt hatte, den sie durch die alte Frau Dr. Fresenius kannte, und daß sie die Ursache war, daß Dielmann mich aufsuchte. Auf unsern langen Spaziergängen sprach er dann sehr liebevoll über mich und meine Zukunft und gab mir den Rat, Kronberg zu verlassen und nach Düsseldorf zu gehen, nach dem Orte, den er allein als Kunststadt schätzte; denn München verabscheute er.
Ich war immerhin recht bedrückt, denn ich liebte Burger sehr. Als ich ihm meine Absicht mitteilte, wurde er nicht heftig, wie ich gedacht hatte, aber er riet mir zu, doch in Kronberg zu bleiben. "Was wollen Sie in der Fremde?" rief er. Ich sagte, ich wolle auf der Akademie studieren von vorne an, wolle das Bildermalen zunächst lassen, Akt und Figur zeichnen und malen. "Alles das können Sie doch hier auch", sagte Burger fortwährend. Fertig sei der Künstler ja nie, und ich sei einer, der geradesogut in Kronberg heranreifen könne wie anderswo.
Bei dieser Meinung ist Burger stets geblieben. Als ich ihn später von Düsseldorf aus besuchte, nahm er mich zwar freundlich auf, aber das Gespräch zeigte mir doch, daß die Fäden abgerissen waren. In meiner jugendlichen Begeisterung für Düsseldorf sagte ich zu ihm: "Herr Burger, Sie müßten dort ausstellen." Ich wollte der Welt doch einmal meinen Burger zeigen. "Weshalb soll ich denn ausstellen?" frug er. "Nun, damit Sie gesehen werden", sagte ich. "Ach", sagte er, "meine Sachen werden genug gesehen, es kommen eine Menge Menschen zu mir, viel zu viele." "Nun, und damit Sie verkaufen", sagte ich. "Gucke Se", sagte er, und wies auf die herumstehenden Bilder, "alles was Se hier sehe, is schon bestellt und verkauft."
So war auch später die Verbindung abgeschnitten. Davon aber hatte ich beim Abschied von Kronberg noch keine rechte Vorstellung. Die Ferne lockte, der Gedanke, wegzugehen, hatte nun einmal feste Wurzeln bei mir geschlagen. Trotz meiner großen Liebe zu all den treuen Menschen, die ich zurückließ, fuhr ich am 2. November 1881, also am Allerseelentage, mit der Eisenbahn am Ufer des Stromes rheinabwärts. In der Dämmerung huschten die tausend Feuer und Feuerchen der erleuchteten Friedhöfe am Fenster vorbei, gleich flammenden Fanalen kommend und verschwindend. Das Herz zerrissen von Heimweh und zugleich geschwellt von Hoffnungen auf eine große, glückliche Zukunft, rollte ich der rheinischen Musenstadt zu.